Emotionen sind politisch
von Strawberry Williams
Nicht nur in Berlin ist sie auf Trans-Events ein zuverlässiger Gast: Miss Debra Kate ist meistens ganz vorne vor der Bühne, selten sitzt sie bequem, meistens liegt sie oder hängt sie über irgend etwas drüber, sie reckt sich, um das Bühnengeschehen mit ihrer Kamera richtig einfangen zu können. Sie ist nicht zum Spaß hier, oder zumindest hat sie neben dem Spaß, viele verschiedene Queer-Performances zu sehen, auch eine Mission: Sie will sie abbilden.
Als ich sie besuche, in einem ex-besetzten Haus in Berlins nördlicher Mitte, fallen mir zuerst die vielen Kisten auf: Das ganze Zimmer steht voll mit Kästen und Kartons, in Regalen, auf Schränken, teilweise bis unter die Decke . »I love containers!«, ruft Debra Kate aus, als ich sie darauf anspreche. Sie verstaut Sachen so gern, zum Beispiel ihre vielen Fotos, die sie noch aus der Zeit der analogen Fotografie aufbewahrt. Lustigerweise steht diese Zuneigung im Gegensatz zur Unlust von Debra Kate, sich identitätsmäßig in Schubladen stecken zu lassen – auf Englisch »to put in boxes«. »Ich will als ganze Person gesehen werden und nicht als eine Serie von Labeln, die mir aufgedrückt werden, nur weil irgendwem ein bestimmter Teil meiner Persönlichkeit auffällt und das dann zur Basis einer Einteilung genommen wird.« Ein Label, das oft auf sie gedrückt wird, ist: Frau. Doch als Frau fühlt sich Debra Kate nicht. Weiblichkeit ist für sie ein Akt von Performance.
Miss Debra Kate ist in Boston aufgewachsen. Ende der 1990er besuchte sie eine Freundin in Berlin, dann gefiel es ihr in der Stadt so gut, dass sie immer wieder kam und ein paar Jahre später beschloss, ganz zu bleiben. Sie suchte sich Deutsch-Kurs und Zimmer: »Ich bin mit einem Freund zu einem schwulen Infoladen gegangen, dem Mann-O-Meter, um am Schwarzen Brett nach Wohnungsanzeigen zu suchen«, erzählt Debra. »Und genau da lagen auch Flyer für einen Barbara-Streisand-Lookalike-Contest.« So kam Debra Kate mit der Berliner Performance-Szene in Kontakt – zuerst ging sie zum Café Transler. Hier war es für sie zunächst schwer, Anschluss zu finden: Wegen der Sprachbarriere und weil sie nur wenig Zeug da hatte, um sich aufzubrezeln. »Es half auch nicht, dass ich eine biologische Frau war – ich glaube, manche Leute sahen mich eher als das amerikanische Mädchen, das auf der Suche nach schrillen Berlin-Abenteuern ist«, erinnert sich Debra Kate heute. Trotzdem kam Debra Kate regelmäßig zum Café Transler, sprach immer besser deutsch, hatte irgendwann auch ihr Make-up aus den Staaten da – und mangels einer großen Garderobe war sie outfitmäßig kreativ, ließ sich immer etwas Neues einfallen. Als sie sich aus einem alten Regenmantel, Toilettenpapier und Klebeband ein Engelskostüm gezaubert hatte, war das Eis gebrochen. Debra Kate wurde Mitglied im Team des Café Transler und trat fortan bei den Shows mit auf.
»Das Lustige ist, dass die Leute nicht wussten, wer das jetzt ist, der da auf der Bühne steht. Wenn ich auf der Bühne nichts sage, werde ich oft für einen Mann gehalten, obwohl ich Frauenkleidung trage, eine Frauenperücke und dickes Make-up.« So verwirrte Debra Kate das Publikum: Eine »biologische« Frau, die ein Mann ist, der sich als Frau aufmacht. Wobei der Begriff »biologische Frau« irreführend ist: Debra Kate wurde als einziges Mitglied des Transler-Teams ohne Schwanz geboren – was sie von den anderen oft trennte, auch wenn beim Café Transler oft ein »Bio-King«, also ein Männlichkeitsperformer, der mit Schwanz geboren wurde, auf der Bühne stand. Im Team war sie akzeptiert. Eins der Transler-Mottos war »Für alle Geschlechter der Welt« (und ein anderes: »Zu dumm für die Bühne? Gibt‘s nicht!«).
Eine ähnliche Erfahrung machte Debra Kate bei Wigstöckl, dem Berliner Trans-Event, das damals noch ein fast ausschließlich durch Tunten geprägtes Event war. »Ich bin da in einen Raum voller Drag-Queens gekommen, die größtenteils schon seit Jahren dabei waren. Ich war die einzige biologische Frau in dem Raum und hatte auch wieder den Eindruck, dass sie dachten, ‚Was um alles in der Welt will die hier?‘«, erzählt Debra Kate. Trotzdem durfte sie mitmachen, besonders Gérôme Castell kümmerte sich darum, dass sie dabei war. »Ich durfte die Kulisse weiß anmalen und war allein davon schon entzückt!«, erinnert sich Debra Kate. Und das war nur der Anfang.
Eine Mischung aus Puppe und Geburtstagskuchen, einem kindergemalten Tierbild und einem Clown
Als einen wichtigen Einfluss auf ihr Leben nennt Debra Kate ihre Großmutter. Dabei erinnert sie sich an eine ganz konkrete Situation, ein Familienfest, eine Bar Mitzvah in der Verwandtschaft. Debra filmte das Ganze. Die Großmutter verstand nicht, was es da zu filmen gab, weil alle Familienmitglieder ja einfach nur da waren und nichts Besonderes taten. Und dann holte sie einen Taschenspiegel und einen Lippenstift hervor und machte eine große Show daraus, wie sie sich die Lippen bemalte. Sie rief immer wieder über die Tische: »Guck! Jetzt mache ich wirklich etwas!« – »Das hat mir die Augen geöffnet«, erinnert sich Debra Kate. »In der Mitte dieser Bar Mitzvah, wo sich alle möglichst gut benahmen, schwelgte sie in einer ganz alltäglichen Tätigkeit und machte daraus ein Event! Das war gleichzeitig intim und komisch – auf einem kleinen Level, aber für mich totaler Glamour! Und sie fand das Ganze selbst absurd, lachte über sich und uns.«
Debra Kate tritt gern als Clown-Character auf – mit viel Make-up und Narrenfreiheit. Wobei sie sich ihren Freiraum selbstverständlich auch außerhalb der Bühne im täglichen Leben nimmt. »Ich bin vor ein paar Jahren mit einer roten Clownsnase zur Arbeit gefahren. Nicht, weil ich irgendeinen Effekt bei den anderen Fahrgästen erzielen wollte, sondern einfach, weil ich Lust dazu hatte«, erzählt Debra Kate. Sie ist Aktivistin, organisiert Events und hat sagt gerne ihre politische Meinung. Aber Politik bedeutet für Debra Kate nicht endlose Diskussionsrunden oder politische Kampagnen. So sind ihre Bühnenauftritte politisch, auch wenn es zuerst nicht so aussieht: »Mir geht es auch darum, Emotionen bei den Leuten zu wecken.« Also Freude, Spaß – oder auch mal Ernsthaftigkeit und Trauer, was viel schwieriger ist. »Etwas zu fühlen ist für mich ein Akt des Widerstands gegen das System, also ist es auch hochpolitisch! Zu sagen, ‚ich bin traurig‘, ey, das ist echt hart!«
Mit ihren Performances stellt Debra Kate aber auch die Skurrilität der gesellschaftlichen Vorstellungen dar: »Wenn eine Frau Make-up trägt, um weiblicher auszusehen, sollte sie nicht mit noch mehr Make-up um so weiblicher aussehen? Und wenn Dessous eine Frau angeblich sexier machen, dann müsste doch jede zusätzliche Schicht von Dessous ein sicherer Weg sein, unglaublich sexy zu sein! An welcher Stelle kippt die liberale Ansicht von ‚Weiblichkeit‘ hinüber zum dunklen: ‚Hey Mann, das ist doch keine Frau! Das ist ein Typ!‘«? Das sind ein paar der Überlegungen, von denen sich Debra Kate leiten lässt, wenn sie auf die Bühne geht. »Mein Lieblingslook ist eine Mischung aus Puppe und Geburtstagskuchen, einem kindergemalten Tierbild und einem Clown.«
Obwohl Debra Kate auftrat und sich auch hinter der Bühne engagierte, schlug ihr manchmal Unwillen entgegen. Wie sie am Anfang als amerikanisches Mädel auf der Suche nach dem wilden Berlin gesehen wurde, kam es auch später vor, dass sie einfach nicht für voll genommen wurde. Sie wurde als biologische Frau wahrgenommen, die Frauen darstellte – also sich selbst. Und was sollte daran schon trans oder queer sein? »Vor einigen Jahren kam auf einem Trans-Event, bei dem ich auch auf der Bühne war, ein Transmann zu mir und bestand darauf, dass ich auf der falschen Veranstaltung bin. Du präsentierst dich nicht als Mann, sondern als Frau, Du bist eine Frau, sagte er, also hast du hier nichts verloren!« Die Erinnerung daran verfolgte Debra Kate noch Jahre. »Am schlimmsten war es, wenn jemand zu mir sagte: Du bist hetero!«
Auch in der vermeintlich queeren Szene gibt es jede Menge Ausschlüsse und Zwänge, sich zu definieren
Willkommen im Schubladenland: Auch in der vermeintlich queeren Szene gibt es jede Menge Ausschlüsse und Zwänge, sich zu definieren. Debra Kate hat dazu keine Lust. Denn so oder so ist es für sie Drag, wenn sie im Fummel auftritt. Als Kind spielte sie mit den Jungs, interessierte sich mehr für Spucken und Wrestling und wunderte sich, dass ihre Freundinnen das nicht taten. »Mir war schon ziemlich früh klar, dass ich in Kleid oder Rock nicht die Action haben konnte, nach der ich aus war.« Erst als Debra Kate ihre ersten schwulen Freunde kennenlernte, traf sie auf eine Art »Weiblichkeit«, mit der sie etwas anfangen konnte. »Die meisten meiner ‚femininen‘ Verhaltensweisen habe ich von Schwulen gelernt.«
Macht das Debra Kate zur Drag-Queen? »Ich habe mich nie als weiblich begriffen, eher als Weiblichkeitsdarsteller_in«, erzählt sie. »Bei meinen ersten Bühnenauftritten nannte ich mich ‚Drag-Queen‘, und einige Leute nannten mich eine Lügnerin.« Deswegen nennt sie sich manchmal »Bio-Queen«: »Wenn ich keine Lust habe, mich darüber zu streiten, ob die Tatsache, eine Vagina zu haben oder nicht, mich zu einem Schwindler oder einer Schwindlerin macht.«
Debra Kate hat einen eigenen Weg eingeschlagen, als Transaktivist_in und Weiblichkeitsdarsteller_in. Erst kürzlich wurde sie dafür gewürdigt. Im Buch »Femmes of Power – Exploding Queer Femininities« (Serpent‘s Tail Press 2008) von Del LaGrace Volcano und Ulrika Dahl gibt es ein Porträtfoto von Debra Kate, und sie wird als »Kopie ohne Original« beschrieben. Sie hat immer wieder bestehende Stereotype aufgegriffen und für sich verwendet, betritt aber dabei immer Neuland, macht ihr eigenes Ding und geht einen Weg, den sie für sich selbst gefunden hat und immer noch findet.
Aus ähnlichen Beweggründen kam Debra Kate auch zur Fotografie. Sie hätte schon als Kind gern fotografiert, aber damals sagten ihre Eltern, dass Kameras zu teuer sind und sie sie nur kaputt machen würde. 2003 bekam sie ihre erste Digi-Cam geschenkt, konnte also billig viel knipsen. Und den inhaltlichen Anstoß, sich noch mehr auf Fotos zu konzentrieren, gab ihr im Frühling 2003 eine Foto-Ausstellung über die Berliner Drag- und Tunten-Szene. »Alle aus meiner Drag-Gruppe waren da ausgestellt bis auf mich. Es gab Bilder über Bilder von Tunten und einem Bio-King, also ‚richtigen‘ Homos, die mit den einem Genderfuck angemessenen Genitalien geboren wurden. Mich machte das wütend!« Debra Kate hatte die Nase voll, mit den Drag-Definitionen von anderen Leuten umgehen zu müssen, die sie außenvor ließen. Also beschloss sie: »Ich wollte der Welt zeigen, wie ich sie durch meine Trans-Augen sehe.«
Wobei sich Debra Kate nicht auf das Geschehen auf der Bühne beschränkte: »Ich mache meine Fotos für zwei Arten von Leuten: Zuerst für uns auf der Bühne, damit wir uns sehen können und unsere eigene Wahrheit abbilden können, damit wir nicht vergessen werden, wenn wir gegangen sind. Und dem Rest der Welt will ich zeigen, dass Drag-Performer auch Menschen sind, die eben zufällig Drag machen. Der King, der im Backstage herumsitzt, könnte genau den Gesichtsausdruck haben wie dein Onkel, wenn er über etwas nachdenkt. Und die Queen könnte so gucken wie deine kleine Schwester, die auf Ärger aus ist.« Es geht also nicht um das Geschehen auf der Bühne, nicht den Glamour, sondern um mehr: »Ich will, dass die Leute, die sich die Fotos angucken, eine Verbindung auf einer menschlichen Ebene fühlen.« Heute sind es tausende Fotos, die Debra Kate auf ihrem Computer hat.
Für Debra Kate ist es sehr wichtig, die Leute auf ihren Bildern mit Namen zu nennen, wenn sie irgendwo abgedruckt oder ausgestellt werden. Als Beweis für die Leute, dass es sie gibt oder gab – oder auch ganz praktisch, um sie bei namensrechtlichen Sachen zu unterstützen: Um Transpersonen dabei zu helfen, den Namen tragen zu dürfen, den sie tragen wollen. Den eigenen Namen im Ausweis zu ändern geht nicht so ohne Weiteres, viel einfacher ist es erstmal, einen »Künstlernamen« eintragen zu lassen. Das jedoch erfordert einen Nachweis, dass mensch diesen Namen auch benutzt. Veröffentlichte Bilder mit Namensnennung helfen dabei.
Debra Kate sieht sich und ihre Aktivitäten, sei es auf der Bühne oder hinter der Kamera, als höchst politisch. »Fast meine ganze Arbeit basiert auf politischen Ansichten über das echte Leben oder lässt sich davon leiten. Selbst wenn meine Kunst manchmal nicht politisch aussehen mag – ohne Politik, ohne meine Gedanken dahinter könnte sie so nicht existieren.« Das gilt natürlich auch für die Person Debra Kate. Sie verlangt, mit Respekt behandelt zu werden, und gesteht das im Umkehrschluss auch allen anderen Leuten zu. »Für mich ist das einfach normal, Leuten mit Respekt gegenüberzutreten. Jede_r ist doch etwas ganz Besonderes.«



