Körpereinsatz
von Malte Göbel
Während auf den queeren Bühnen die Performer_innen in Deutschland noch fröhlich Geschlechterrollennachahmen, wechseln und karikieren (und sie damit dekonstruieren), boomt in den USA queer burlesque! Aber Moment … Burlesque … ist das nicht diese Mischung aus Revue und Stripshowmit einem ziemlich üblen Frauenbild? Ja, auch – aber genau das ist der Punkt. Burlesque bedeutet Tempo, Tanz, Artistik, Performance – und setzt den Körper ein. Unqueer Unpolitisch? Sexistisch?Nicht zwingend. Hier haken die queeren Burlesque-Performer_innen ein.
Für Drag gilt: Nicht nur Bart und Makeup machen das Genderwechseln zur Performance, sondern auch die Kleidung: Krawatte, Hemd und Stiefel beziehungsweise Perücke, Rock und Stöckel – Kleider machen Leute, Klamotten machen Geschlecht. Bei Burlesque geht es eher darum, wenig anzuhaben: Also weniger Möglichkeiten, das Geschlecht umzudefinieren oder naturalisierenden Definitionen zu entziehen. Ist queer burlesque trotzdem irgendwie queer? – Ja, sagen die Performer_innen.
»Queer sein bedeutet für mich, die heterosexistischen Normen herauszufordern und zu verändern«, erklärt Christian van Schijndel aus Kopenhagen, der sich als Elektro-Burlesque-Künstler bezeichnet. Seine Performances sind eine Transition durch Entkleiden: Er beginnt meist als aristokratischer Gentleman in Abendgarderobe, komplett mit Zylinder, Frack und Spazierstock, und wenn er sich nach und nach seines Anzugs entledigt – »Jeder Aristokrat hat sein Geheimnis«, kommentiert er trocken – kommen darunter exquisite Funktions-Dessous und Stöckelschuhe zum Vorschein. Mit seiner Transformationsshow will er die Vorstellungen der Leute, was sexy oder erotisch ist, ändern. Obwohl sich Christian in seiner Show auszieht, ist seine Performance für ihn kein Striptease.
Er zieht sich auch nie vollständig aus. »Das würde mich zum Stripper machen. Ich will die Leute auch nicht schockieren. Es ist gut, manche Sachen der Vorstellung zu überlassen …« Hinzu kommt für ihn: »Bei Burlesque gibt es eine körperfreundlichere Stimmung als bei Striptease.« In den USA ist die Einstellung zum Körper oft etwas offener als in Deutschland – »sex-positive« lautet das Schlagwort. Es beschreibt eine bejahende Herangehensweise an Sex, wie sie zuletzt auch im Film »Shortbus« (2004, Regie: John Cameron Mitchell) zum Ausdruck kam: Queer bedeutet nicht Abwesenheit von Sex. Und Körper gehören zu Sex meistens dazu.
Das Lesbenmagazin »Curve« ging vor gut einem Jahr sogar so weit, eine »eigene sexuelle Revolution« der queeren Burlesque-Tänzer_innen auszurufen und featurete die florierende nordamerikanische Burlesque-Szene mit ihren Zentren San Francisco, New York und Chicago. »Lesben sind jetzt flirty und feminin mit Fischnetz«, frohlockte das Magazin – ein Femme-Trend, der in Deutschland noch nicht wirklich angekommen ist. »Für uns ist Burlesque ein Weg, um radikalen politischen Aktivismus auf dem Feld des Körpers auszudrücken«, formulieren etwas verschwurbelt die Sissy Butch Brothers aus Chicago im Interview mit Hugs and Kisses.
Also: Körpereinsatz fürPolitik. »Eine sexuelle Frau kann auch eine gestärkte [empowered] Frau sein«, bestätigt Amelia Paradise, die als »bearded queen of femme follies« mit den Diamond Daggers in San Francisco Burlesque-Shows auf die Beine stellt. Mit ihren Performances will sie weibliche Stereotypen aufdecken und entlarven. Sich als (feminine) Frau sexy fühlen und Geschlechter dekonstruieren ist für sie kein Widerspruch.
Dass Queer/Neo-Burlesque eine Mischung aus Spaß und Politik (beziehungsweise gesellschaftlichem Engagement) ist, zeigen auch die Gurlesque-Shows in Sydney. Die Shows kündigen sich selber als »Australiens schmutziges Geheimnis« an und versuchen einen Mix zwischen »altem Burlesque und einer Zukunft voll sexueller Freiheit« – women-only. »Die Frauen drücken sich auf der Bühne aus, sie konfrontieren ihre Ängste und Unsicherheiten. Sie brechen Tabus, sexuelle, soziale und Tabus, die mit dem Körper zu tun haben. Sie sprengen Mythen über Körperstrukturen und die von der patriarchalen Gesellschaft diktierten Normen über Sexiness und Attraktivität«, verspricht die Website weiter. Und auf Myspace wird sogar ergänzt: » … und die von der queeren Kultur diktierten Normen …«
Die Gurlesque-Gründerinnen Sex Intents und Glita Supernova arbeiteten als Stripperinnen bevor sie Gurlesqueals Rückzugsraum für Frauen eröffneten. Das war um die Jahrtausendwende, und es war unklar, ob das Konzept einer lesbischen Strip- und Burlesque-Show nur für Frauen Erfolg haben würde. Eine Feministinnengruppe hatte eine Mahnwache vor dem Club angekündigt, weil ein Frauenstrip der Frauenbewegung eher schaden als nützen und die Teilnehmendennicht »empowern« würde. Doch die Gurlesque-Abende wurden ein Erfolg. Seit der Gründung gab es mehr als 100 Shows, die Strip und Theaterpossen verbinden.»Wir haben eine Revolution gestartet, und wir werden mit ihr weitermachen«, erklärt Sex Intent in einem Interview mit der australischen Frauenzeitung LOTL. Sie hält nicht viel vom Burlesque-Revival, wenn es dieVersion vom Anfang des 20. Jahrhunderts imitiert. »Ich fand diese Versuche, Burlesque wieder neues Leben einzuhauchen, ziemlich lahm.« Und ihre Partnerin Glita Supernova ergänzt: »Das sind keine Strip-Shows, sondern stöhnende Performance-Künstler. Als es aufkam, hat Burlesque die Grenzen der Gesellschaft überschritten und nun gucken viele darauf zurück. Aber meiner Meinung nach muss Burlesque die heutigen Grenzen verschieben und das Jetzt konfrontieren.«
Zu Konfrontation kam es auch bei der männlichen Antwort auf die Women-only Shows, allerdings etwas anders als erwünscht. Die Manjam-Shows waren ebenfalls in Sydney entstanden, eine Men-only-Burlesque/Strip-Veranstaltung für ein alternatives, queeres Publikum. Die »sexy Show Manjam« hatte das Motto »no cunts on stage«, etwas rabiat ausgedrückt für »men only«, brach es aber gleich, indem auf der Bühne eine riesige Möse herumstand, flankiert von zwei überdimensionierten Penissen. Es gab verschiedene Acts: Eine Performance war ein Strip rückwärts, also ein langsames Anziehen von Kleidungsstücken, andere Showelemente hatten Artistik-Einlagen oder karrikierten Blowjobs – immer mit einer Portion Humor, die Performer nahmen sich nicht allzu ernst. Aber für andere Acts gab es Kritik: Eine Drag Queen mit schwarz angemaltem Gesicht trat auf, eine unselige Erinnerung an die amerikanischen Minstrel-Shows, und an der Wand hing ein großes Banner »Men areback« – was gleichzeitig der Spruch einer konservativenreaktionären australischen Männervereinigung ist. Letzteres war wohl als ironische Brechung gedacht, aber es gab hinterher viel Kritik für die Show. Die Organisatoren konterten, indem sie sagten: »Wir machen eben, wozu wir gerade Lust haben.« In einem Blog schrieb eine wütende Kritikerin darauf: »Genau das istdas Problem des Patriarchats: Männer, die einfach nur tun, worauf sie Lust haben und dabei herabwürdigendund verletzend sind.« Kritik gab es auch an der »no cunts on stage«-Politik, denn an der Show waren hinter den Kulissen als Stage-Manager schon einige Frauen beteiligt. Also waren es Frauen, die eine Show für Männer organisierten.
Die Veranstaltung zeigt, wie schmal der Grat ist zwischeneinem queeren Anspruch und einer Umsetzung, die die sexistischen und rassistischen Elemente von Burlesque offen zutage treten lässt. So oder so: Queer Burlesque fordert die Konventionenheraus. Manchmal auch unbewusst. »Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, dass meine Shows besonders politisch sind«, erklärt der Kopenhagener Burlesque-Künstler Christian. »Ich habe sie nicht mit dieser Intention entwickelt. Aber manchmal stellen sie doch die Konventionen in Frage.« Zum Beispiel bei einer Show Anfang Februar in Berlin. Christian trat gemeinsammit der Kopenhagener Künstlerin Miss Fish im Rahmeneiner queeren Performance-Gala in der Köpi auf, dem Flagschiff der Berliner besetzten Häuser. »Da stand ich als aristokratischer Gentleman da, umrundet von Punks und Hausbesetzern. Das war wirklich surreal.«

