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Vaginal Davis

October 22nd, 2012 — 1:07pm

Niemand bleibt gleichgültig bei meiner Präsenz.


Auch in der queeren Kultur, die immer mehr ein historisches Bewusstsein ihrer ­Geschichte und ihrer Ikonen archiviert, sind Legenden nicht gerade die Regel. Seitdem die afro­amerikanische_intersexuelle Drag-Queen Vaginal Davis vor zwei Jahren nach Berlin ­gezogen ist, gibt es nicht nur vermehrt die Möglichkeit, sie performen zu sehen, sondern auch, mit ihr zu sprechen. Eine Ehre und ein toller Anlass für »Hugs & Kisses«, Miss Davis, die seit über zwanzig Jahren auf der Bühne steht, über ihre vielfältige Geschichte, ihre ­Begehren, ihren alten Wohnort, L. A., und ihren neuen, Berlin, zu fachsimpeln. Mit einer Menge Namedropping und Gossip bewaffnet ließ sich die so glamouröse wie politische Drag-Queen nicht lange bitten, für »Hugs & Kisses« in ihre eigene queer Kunstgeschichte einzutauchen.

»Ich war nie eine Type, die auf Schöheitsklischees stand.«

Vaginal, bitte erzähl uns ein bisschen über deinen Background. Du hast schon so viele Projekte gemacht und bist vielleicht die bekannteste afroamerikanische Drag-Queen der Gegenwart.
Ich bin in Los Angeles geboren und aufgewachsen, was mich von den meisten, die in diese Stadt kommen, unterscheidet, die ihr Dorf verlassen, um ihr Glück in der ­Corporate Media-Oligarchie zu suchen. Wenn du in L.A. geboren bist, ist Hollywood das Letzte, was dich interessiert – insbesondere, wenn du nicht aus der weißen, normalisierten Mittelklasse kommst.
Meine Arbeit war immer ein Versuch, dieses System anzugreifen, auch wenn ich kein_e Dogmatiker_in bin. Meine Waffe ist eher abgründiger Humor.

Warum bist du dann so lange in L.A. geblieben – und was zog dich nach Berlin?
Los Angeles war mal eine der billigsten Metropolen der Welt – was sich aber 2002 schlagartig änderte. Seitdem haben sich die Preise verdreifacht. Ich wusste, es war Zeit, die Stadt zu verlassen. Schon lange hatte ich viele Freund_innen in Berlin, wie Willhelm Hein, Annette Frick und das internationale queere Kunstkollektiv Cheap Klub. Ein großer Move, wegen Kohle und Kunst den Kontinent zu wechseln.

Seit den 1980ern hast du dich nicht nur als radikale_r Perfomer_in bewiesen, die Gender und Blackness, Class und Whiteness thematisiert. Doch du bist auch eine großartige Organisatorin und hast legendäre Club-Nächte organisiert. Besonders populär in L.A. war dein »Club Sucker«.
Club Sucker gab es fünf Jahre und es war eines meiner Neunziger-Highlights. Wir zeigten lokale, aber auch internationale Bands, wie Jesus & The Mary Chain, die Über­raschungsshows machten. Sonst gab es Performance-Kunst und jede Menge besoffenes Rebellentum. Da wir schon um drei Uhr nachmittags aufmachten und die Sonne immer noch schien, konnte man sehen, wie die Leute wirklich aussahen. Aber nicht alle Stars, die hier verkehrten, sahen gut aus. Es gibt eben Menschen, die sich besser als Kreaturen der Nacht eignen.

Als ich in L.A. war, hatte ich das Gefühl, dieser Laden besäße Kultstatus. Die Leute schwärmten immer noch von ihm.
Toll. Ich liebte es, dort öffentliche Nacktheit zu unterstützen und mit den Boys der bekannten Bands, die im Club spielten, auf der Bühne rumzumachen. Das Publikum war eine Mischung aus Queers und Straights jeden Alters und jeder Couleur. An diesen utopischen Ort denke ich gerne zurück.

Ab dem neuen Jahrtausend hast du Club-Abende und Performance-Kunst noch stärker vermischt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der schwule Body-Art-Künstler Athey, mit dem du auch den Projektspace G.I.M.P. aufgemacht hast.
Das war ein Höhepunkt. Der Laden mutierte permanent und war selbst eine Art Installation. Außerdem kuratierten und erfanden wir Festivals wie »Visions of Excess«, eine Hommage an den perversen Schriftsteller George Battaille. Über zwanzig eingeladene Künstler_innen haben dafür Performances produziert. Und auch die Ortswahl war wichtig: So fand das Bataille-Event in einem Stripclub in Birmingham statt – und in einem alten Schloß in Llubjana. Die Veranstaltung ging nonstop 48 Stunden, und Ron und ich hatten einen Film über Battaille gemacht, mit Udo Kier in der Hauptrolle.

In Berlin machst du mit Cheap Klub heute ja auch nicht »nur« Performances oder Theater unter der Leitung von Bruce La Bruce, sondern auch das Bandprojekt Ruth ­Fischer. Musik war immer wichtig in deiner Biographie, und zwar nicht nur als DJane.
Natürlich! Eine meiner Lieblingsbands waren die Afro-Sisters, in denen wir Punk und Blaxploitation fusionierten. Cholita The Female Menudo war auch ein Höhepunkt, indem wir Latin-Pop-Schlager parodierten. Meine Familie väterlicherseits vermachte mir deutsch-jüdische und mexikanische Wurzeln. Die Band war eine Ode an seinen Background. Mein echter (deutscher) Nachname ist Sander.

Wohin sind deine Eltern im Krieg geflüchtet?
Mein deutscher Großvater, dessen Mutter jüdisch war, immigrierte 1933 nach Mexiko. So wurde mein Vater in Mexiko geboren und lernte meine Mutter, eine ­kreolische Frau aus Louisiana, in Argentinien kennen. Mein Vater war 21 und meine Mutter 46, als ich in Los Angeles geboren wurde.

Du hast aber auch nicht nur Bands gehabt, die auf deine hybriden Roots verweisen. In deinem bekanntesten Musikprojekt Pedro, Muriel & Esther (P.M.E.) hast du als weißer Drag-King einen rassistischen, homophoben Macker performt und bist nicht nur erstmals vom Queening zum Kinging gewechselt, sondern hast auch White-Drag als provokante Kritikform benutzt.
P.M.E. war die Hardcore-Punk-Band, mit der ich bis heute am meisten in der Punkszene assoziiert werde. Unser Album »The White to Be Angry« (1995) haben wir mit der Noise-Legende Steve Albini produziert und unsere Shows, in denen ich dieses sexistische Rassistenschwein spielte, schienen manchen so authentisch, dass sie voller Abscheu die Shows verließen. Sie merkten gar nicht, wer ich war und viele schienen von meinem ­doppelten Doppeldrag à la Michael Jackson richtig verängstigt.

»Die Stars von heute sind totale Volltrottel. Ich sehe keine Marlene Dietrichs, Greta Garbos oder Ava Gardners mehr.«

Unter dem Titel eures Albums »The White to be Angry« wurde auch ein Kurzfilm gedreht, von dem mir Bruce La Bruce einmal begeistert erzählt hat.
Haha, genau, Bruce wollte mich überzeugen, ich sollte ein_e richtige_r Filmemacher_in werden! Er meinte, meine Kurzfilme erinnerten ihn an die Kurzfilme meines Idols Pasolini. Doch ich habe nicht vor, je einen Langfilm zu produzieren. Ich finde es einfach zu kompliziert und kenne meine Grenzen.

Den Kontakt zu dir habe ich auf deiner Webpage gefunden, die ziemlich runtergekommen, aber auch sehr kultig aussieht. Dein Blogtagebuch führst du bis heute, und es ist eine populäre Anlaufstelle für Fans queeren Gossips über das Nachtleben geworden.
Meine Website www.vaginal-davis.com ist unglaublich populär. Ich habe ungefähr eine Millionen Clicks am Tag. Der einzige Grund dafür ist mein sexualisierter Name. Viele notgeile Typen werden so irgendwann auf meiner Webpage landen, ohne dass sie wissen, mit wem sie da zu tun haben. Was ich unglaublich lustig finde.

Welchen Stellenwert hat Gossip für dich? Immer wenn ich dich treffe, bist du am gossipen!
Ich benutzte Gossip als literarisches Instrument und als Ästhetik. Eigentlich sind mir Stars oder Celebrities scheißegal. Früher in meinen Clubabenden war mir meistens nicht klar, wenn Stars im Publikum waren. Ich bin unglaublich kurzsichtig und kann eh niemanden erkennen. So erfahre ich meistens erst durch Gossip von anderen alles. Namedropping und Gossip sind auch Möglichkeiten, Aufmerk­samkeit auf sich zu ziehen. Meine Kolumnen in Magazinen wie Zoo, Dutch, Glue und Index oder alternative Zeitungen, L. A. Weekly, San Francisco Bay Guardian oder Village Voice haben alle einen leichten Gossip-Sound. Dahinter liegen aber andere Motive. Eine Kurzgeschichte, die ich für einen Sammelband von Dennis Cooper einmal geschrieben habe, ist von einem Kritiker mit James Joyces »Finnigans Wake« verglichen worden, was ich eine angemessene Einschätzung finde. Wie bei Joyce kann auch mein Schreiben im Original sehr erschöpfend für Leute sein, die nicht mit Englisch aufgewachsen sind. Ich benutze sehr viel Slang, umgangssprachliche Ausdrücke oder denke mir einfach neue Wörter aus.

Selbst wenn wir sie ernst nähmen: Gibt es überhaupt noch Stars, die dir Laune machen?
Es gibt keine richtigen Stars mehr. Die Stars von heute sind totale Volltrottel. Ich sehe keine Marlene Dietrichs, Greta Garbos oder Ava Gardners mehr. Die waren noch larger than life. Die Stars von heute sind mehr auf dem Handyscreen zu Hause als auf einer Kinoleinwand.

Im Berliner Arsenalkino präsentierst du ja auch jeden Monat alte Stummfilmraritäten unter dem Titel »Rising Stars Falling Stars«. Wie gefällt dir Berlin eigentlich? Deine Mitstreiter_innen von Cheap sagen, daß du hier einen neuen Frühling erlebst.
Berlin ist wunderbar stimulierend für mich, aber auch manchmal etwas grau, wenn man es mit dem endlosen Sonnenschein in Süd­kalifornien vergleicht. Ich hasse und liebe Los Angeles, und genau so geht es mir mit seiner Schwesterstadt Berlinia. Berlinia ist heute ähnlich international – und doch sind hier heute mehr Langweiler als 2001. Der Filmemacher Willhelm Hein benutzt immer das Wort »spießig« dafür. Als ich 2001 für sechs Monate eine Residenz hier hatte, war alles noch deutlich diverser, sexier und spannender.

Gilt das, was du über Berlin sagst, über die heute extrem diversifizierte Homoszene?
Die Boys in Berlin empfinde ich jedenfalls auch als recht konservativ. Deutsche Boys ­sehen ein bisschen aus wie britische Boys. Entweder sind sie unglaublich hübsch, groß und lächeln mit voluminösen, sexy Lippen. Oder sie sind total hässlich, haben rote Bäckchen und kein Kinn. Diese merkwürdige, aber faszinierende Inzucht finde ich auch ziemlich erhaben. Ich war nie eine Type, die auf Schönheitsklischees stand. Ich mag einfach Leute, die aus dem Mittelmaß fallen und ein paar besondere Gedanken mitbringen. Der schwule Konservatismus hat aber zugenommen. Es gibt zwar queere Fisting-, Scat- oder Pissing-Parties und viele andere irre Fetische, doch die Leute performen sie mit wenig Elan, Fantasie oder Freude. Sie gehen einfach durch diese Rituale als wäre es mechanisch, was ich merkwürdig finde. Vielleicht kommt das dadurch, dass immer mehr Leute aus den spießigeren Teilen Deutschlands hierhin ­ziehen. Ich habe gehört, dass die viel reli­giöser sind und Kirche und Babyboom das neue Ding ihrer neobürgerlichen Existenz. Gruselig.

Stehst du also gar nicht auf Boys in Berlin? Oder sind die auch was für dich? Ist es manchmal einsam als Drag-Queen?
Queens scheinen ja im Gegensatz zu Kings eher auszusterben. Und gerade die schwule Szene empfindet Feminität scheinbar heute weniger attraktiv als je zuvor. Als schwarze Drag-Queen ist es auf jeden Fall manchmal einsam. Meine Persönlichkeit war immer einzelgängerisch. Außerdem ermöglichen meine unorthodoxen Statements auch nicht immer neue Freundschaften. Manche Leute können mich nicht handeln, und dann sage ich lieber Goodbye. Auch der internationale Gay-Mainstream ist konformistisch und respektiert keine Individualität. Er tut zwar so, aber es stimmt nicht. Ich habe nie einen richtigen Platz dort gefunden – weder in der schwulen noch der straighten Welt. Intersexuell zu sein und funktionierende männliche wie weibliche Genitalien zu haben, macht es in Sachen Sex auch nicht einfacher. Aber ich bin ok damit – sie sind Teil von mir. Es wäre schön, einen regelmäßigen Sexpartner zu haben oder ein oder zwei Fuckbuddies. Ich hatte noch nie eine Beziehung. Aber was bedeutet das schon? Hausarbeit und trautes Heim? Bäh. Ich mag es, alleine zu leben und meine feminine Arbeit alleine für mich zu machen.

Du hast in den 1990ern auch die Kommerzialisierung der Drag-Queen-Kultur mitbekommen. Wirst du immer noch für Dokus und Freakshows angesprochen?
Als Drag in den Neunzigern vom Mainstream angeeignet wurde, haben sich eine Menge Durschnitts-Performer_innen mit Drag beschäftigt, weil sie dachten, dies würde mit einer Karriere bezahlt. Gleichzeitig dachten viele Drag-Queens aus dem Underground, jetzt wäre die Zeit, Star zu werden. Ich habe mich nie für eine Mainstream-Karriere im Fernsehen oder im Kino interessiert. Genauso wenig, wie ich deren Anfragen positiv beantworte, beantworte ich die Anfragen von US-Doku-Formaten, die mir einen Monat »in meinem Alltag« folgen wollen. Sie können einfach nicht glauben, dass ich Amerika ­verlassen habe. Als ich ging, habe ich auch keine Abschiedsparty gefeiert oder mich von meinen Freund_innen verabschiedet. Ich habe einfach leise meine Sachen zusammengepackt und war weg. Mir fällt es einfach, nicht zurückzuschauen. Ich war nie eine ­sentimentale Person.

Unterscheiden sich eigentlich Rassismus und Homophobie in den USA von ihren Formen in Deutschland? Durch deine Körpergröße und laute, lustvolle Stimme gehst du für viele ja auch nicht als Normalo durch – auch wenn du gerade nich im Drag bist.
Homophobie in Berlin ist eine verrückte ­Sache. Meistens fallen gleichgeschlechtliche Paare, die Händchen halten, in der Öffentlichkeit kaum noch auf. Ich merke auf jeden Fall, dass ich jedoch Aufmerksamkeit auf mich ziehe, aber ich kann nicht sagen, ob es an ­meiner Hautfarbe oder an meinem John-Wayne-Blick liegt, wenn ich einem süßen Jungen nachschaue. Die Leute scheinen nicht glauben zu können, daß ich eine reale Person bin und nicht eine gigantische schwarze ­Puppe. Glotzen tun aber nicht nur die Deutschen, sondern auch Afrikaner_innen, Araber_innen, Türk_innen oder Afrikaner_innen. Vielleicht liegt das daran, daß ich ein intersexueller Mensch bin, der ohne Drag als männlich identifiziert wird, aber trotzdem eine weibliche Aura hat. Besonders Babies scheinen das zu merken. Entweder hassen oder lieben sie mich. Es sind immer sehr direkte Reak­tionen, die Menschen haben, wenn sie mich sehen. Niemand bleibt gleichgültig bei meiner Präsenz.

Interview: Tim Stüttgen

Fotos:
01: Paula Winkler & Christiane Stephan
02 & 05: Annette Frick
03 & 04: Manuel Vason

Erschienen in Ausgabe 10.

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Emotionen sind politisch

April 21st, 2009 — 2:23pm
Miss Debra Kate

Miss Debra Kate, Foto: Christiane Stephan und Paula Winkler

von Strawberry Williams

Nicht nur in Berlin ist sie auf Trans-Events ein zuverlässiger Gast: Miss Debra Kate ist meistens ganz vorne vor der Bühne, selten sitzt sie bequem, meistens liegt sie oder hängt sie über irgend etwas drüber, sie reckt sich, um das Bühnengeschehen mit ihrer Kamera richtig einfangen zu können. Sie ist nicht zum Spaß hier, oder zumindest hat sie neben dem Spaß, viele verschiedene Queer-Performances zu sehen, auch eine Mission: Sie will sie abbilden.

Als ich sie besuche, in einem ex-besetzten Haus in Berlins nördlicher Mitte, fallen mir zuerst die vielen Kisten auf: Das ganze Zimmer steht voll mit Kästen und Kartons, in Regalen, auf Schränken, teilweise bis unter die Decke . »I love containers!«, ruft Debra Kate aus, als ich sie darauf anspreche. Sie verstaut Sachen so gern, zum Beispiel ihre vielen Fotos, die sie noch aus der Zeit der analogen Fotografie aufbewahrt. Lustigerweise steht diese Zuneigung im Gegensatz zur Unlust von Debra Kate, sich identitätsmäßig in Schubladen stecken zu lassen – auf Englisch »to put in boxes«. »Ich will als ganze Person gesehen werden und nicht als eine Serie von Labeln, die mir aufgedrückt werden, nur weil irgendwem ein bestimmter Teil meiner Persönlichkeit auffällt und das dann zur Basis einer Einteilung genommen wird.« Ein Label, das oft auf sie gedrückt wird, ist: Frau. Doch als Frau fühlt sich Debra Kate nicht. Weiblichkeit ist für sie ein Akt von Performance.

Miss Debra Kate ist in Boston aufgewachsen. Ende der 1990er besuchte sie eine Freundin in Berlin, dann gefiel es ihr in der Stadt so gut, dass sie immer wieder kam und ein paar Jahre später beschloss, ganz zu bleiben. Sie suchte sich Deutsch-Kurs und Zimmer: »Ich bin mit einem Freund zu einem schwulen Infoladen gegangen, dem Mann-O-Meter, um am Schwarzen Brett nach Wohnungsanzeigen zu suchen«, erzählt Debra. »Und genau da lagen auch Flyer für einen Barbara-Streisand-Lookalike-Contest.« So kam Debra Kate mit der Berliner Performance-Szene in Kontakt – zuerst ging sie zum Café Transler. Hier war es für sie zunächst schwer, Anschluss zu finden: Wegen der Sprachbarriere und weil sie nur wenig Zeug da hatte, um sich aufzubrezeln. »Es half auch nicht, dass ich eine biologische Frau war – ich glaube, manche Leute sahen mich eher als das amerikanische Mädchen, das auf der Suche nach schrillen Berlin-Abenteuern ist«, erinnert sich Debra Kate heute. Trotzdem kam Debra Kate regelmäßig zum Café Transler, sprach immer besser deutsch, hatte irgendwann auch ihr Make-up aus den Staaten da – und mangels einer großen Garderobe war sie outfitmäßig kreativ, ließ sich immer etwas Neues einfallen. Als sie sich aus einem alten Regenmantel, Toilettenpapier und Klebeband ein Engelskostüm gezaubert hatte, war das Eis gebrochen. Debra Kate wurde Mitglied im Team des Café Transler und trat fortan bei den Shows mit auf.

Debra Kate bei der Release-Party von Hugs and Kissses #4

Debra Kate bei der Release-Party von Hugs and Kissses #4

»Das Lustige ist, dass die Leute nicht wussten, wer das jetzt ist, der da auf der Bühne steht. Wenn ich auf der Bühne nichts sage, werde ich oft für einen Mann gehalten, obwohl ich Frauenkleidung trage, eine Frauenperücke und dickes Make-up.« So verwirrte Debra Kate das Publikum: Eine »biologische« Frau, die ein Mann ist, der sich als Frau aufmacht. Wobei der Begriff »biologische Frau« irreführend ist: Debra Kate wurde als einziges Mitglied des Transler-Teams ohne Schwanz geboren – was sie von den anderen oft trennte, auch wenn beim Café Transler oft ein »Bio-King«, also ein Männlichkeitsperformer, der mit Schwanz geboren wurde, auf der Bühne stand. Im Team war sie akzeptiert. Eins der Transler-Mottos war »Für alle Geschlechter der Welt« (und ein anderes: »Zu dumm für die Bühne? Gibt‘s nicht!«).

Eine ähnliche Erfahrung machte Debra Kate bei Wigstöckl, dem Berliner Trans-Event, das damals noch ein fast ausschließlich durch Tunten geprägtes Event war. »Ich bin da in einen Raum voller Drag-Queens gekommen, die größtenteils schon seit Jahren dabei waren. Ich war die einzige biologische Frau in dem Raum und hatte auch wieder den Eindruck, dass sie dachten, ‚Was um alles in der Welt will die hier?‘«, erzählt Debra Kate. Trotzdem durfte sie mitmachen, besonders Gérôme Castell kümmerte sich darum, dass sie dabei war. »Ich durfte die Kulisse weiß anmalen und war allein davon schon entzückt!«, erinnert sich Debra Kate. Und das war nur der Anfang.

Eine Mischung aus Puppe und Geburtstagskuchen, einem kindergemalten Tierbild und einem Clown

Als einen wichtigen Einfluss auf ihr Leben nennt Debra Kate ihre Großmutter. Dabei erinnert sie sich an eine ganz konkrete Situation, ein Familienfest, eine Bar Mitzvah in der Verwandtschaft. Debra filmte das Ganze. Die Großmutter verstand nicht, was es da zu filmen gab, weil alle Familienmitglieder ja einfach nur da waren und nichts Besonderes taten. Und dann holte sie einen Taschenspiegel und einen Lippenstift hervor und machte eine große Show daraus, wie sie sich die Lippen bemalte. Sie rief immer wieder über die Tische: »Guck! Jetzt mache ich wirklich etwas!« – »Das hat mir die Augen geöffnet«, erinnert sich Debra Kate. »In der Mitte dieser Bar Mitzvah, wo sich alle möglichst gut benahmen, schwelgte sie in einer ganz alltäglichen Tätigkeit und machte daraus ein Event! Das war gleichzeitig intim und komisch – auf einem kleinen Level, aber für mich totaler Glamour! Und sie fand das Ganze selbst absurd, lachte über sich und uns.«

Debra Kate tritt gern als Clown-Character auf – mit viel Make-up und Narrenfreiheit. Wobei sie sich ihren Freiraum selbstverständlich auch außerhalb der Bühne im täglichen Leben nimmt. »Ich bin vor ein paar Jahren mit einer roten Clownsnase zur Arbeit gefahren. Nicht, weil ich irgendeinen Effekt bei den anderen Fahrgästen erzielen wollte, sondern einfach, weil ich Lust dazu hatte«, erzählt Debra Kate. Sie ist Aktivistin, organisiert Events und hat sagt gerne ihre politische Meinung. Aber Politik bedeutet für Debra Kate nicht endlose Diskussionsrunden oder politische Kampagnen. So sind ihre Bühnenauftritte politisch, auch wenn es zuerst nicht so aussieht: »Mir geht es auch darum, Emotionen bei den Leuten zu wecken.« Also Freude, Spaß – oder auch mal Ernsthaftigkeit und Trauer, was viel schwieriger ist. »Etwas zu fühlen ist für mich ein Akt des Widerstands gegen das System, also ist es auch hochpolitisch! Zu sagen, ‚ich bin traurig‘, ey, das ist echt hart!«

Mit ihren Performances stellt Debra Kate aber auch die Skurrilität der gesellschaftlichen Vorstellungen dar: »Wenn eine Frau Make-up trägt, um weiblicher auszusehen, sollte sie nicht mit noch mehr Make-up um so weiblicher aussehen? Und wenn Dessous eine Frau angeblich sexier machen, dann müsste doch jede zusätzliche Schicht von Dessous ein sicherer Weg sein, unglaublich sexy zu sein! An welcher Stelle kippt die liberale Ansicht von ‚Weiblichkeit‘ hinüber zum dunklen: ‚Hey Mann, das ist doch keine Frau! Das ist ein Typ!‘«? Das sind ein paar der Überlegungen, von denen sich Debra Kate leiten lässt, wenn sie auf die Bühne geht. »Mein Lieblingslook ist eine Mischung aus Puppe und Geburtstagskuchen, einem kindergemalten Tierbild und einem Clown.«

Obwohl Debra Kate auftrat und sich auch hinter der Bühne engagierte, schlug ihr manchmal Unwillen entgegen. Wie sie am Anfang als amerikanisches Mädel auf der Suche nach dem wilden Berlin gesehen wurde, kam es auch später vor, dass sie einfach nicht für voll genommen wurde. Sie wurde als biologische Frau wahrgenommen, die Frauen darstellte – also sich selbst. Und was sollte daran schon trans oder queer sein? »Vor einigen Jahren kam auf einem Trans-Event, bei dem ich auch auf der Bühne war, ein Transmann zu mir und bestand darauf, dass ich auf der falschen Veranstaltung bin. Du präsentierst dich nicht als Mann, sondern als Frau, Du bist eine Frau, sagte er, also hast du hier nichts verloren!« Die Erinnerung daran verfolgte Debra Kate noch Jahre. »Am schlimmsten war es, wenn jemand zu mir sagte: Du bist hetero!«

Auch  in der vermeintlich queeren Szene gibt es jede Menge Ausschlüsse und Zwänge, sich zu definieren

Willkommen im Schubladenland: Auch in der vermeintlich queeren Szene gibt es jede Menge Ausschlüsse und Zwänge, sich zu definieren. Debra Kate hat dazu keine Lust. Denn so oder so ist es für sie Drag, wenn sie im Fummel auftritt. Als Kind spielte sie mit den Jungs, interessierte sich mehr für Spucken und Wrestling und wunderte sich, dass ihre Freundinnen das nicht taten. »Mir war schon ziemlich früh klar, dass ich in Kleid oder Rock nicht die Action haben konnte, nach der ich aus war.« Erst als Debra Kate ihre ersten schwulen Freunde kennenlernte, traf sie auf eine Art »Weiblichkeit«, mit der sie etwas anfangen konnte. »Die meisten meiner ‚femininen‘ Verhaltensweisen habe ich von Schwulen gelernt.«
Macht das Debra Kate zur Drag-Queen? »Ich habe mich nie als weiblich begriffen, eher als Weiblichkeitsdarsteller_in«, erzählt sie. »Bei meinen ersten Bühnenauftritten nannte ich mich ‚Drag-Queen‘, und einige Leute nannten mich eine Lügnerin.« Deswegen nennt sie sich manchmal »Bio-Queen«: »Wenn ich keine Lust habe, mich darüber zu streiten, ob die Tatsache, eine Vagina zu haben oder nicht, mich zu einem Schwindler oder einer Schwindlerin macht.«

Debra Kate hat einen eigenen Weg eingeschlagen, als Transaktivist_in und Weiblichkeitsdarsteller_in. Erst kürzlich wurde sie dafür gewürdigt. Im Buch »Femmes of Power – Exploding Queer Femininities« (Serpent‘s Tail Press 2008) von Del LaGrace Volcano und Ulrika Dahl gibt es ein Porträtfoto von Debra Kate, und sie wird als »Kopie ohne Original« beschrieben. Sie hat immer wieder bestehende Stereotype aufgegriffen und für sich verwendet, betritt aber dabei immer Neuland, macht ihr eigenes Ding und geht einen Weg, den sie für sich selbst gefunden hat und immer noch findet.

Aus ähnlichen Beweggründen kam Debra Kate auch zur Fotografie. Sie hätte schon als Kind gern fotografiert, aber damals sagten ihre Eltern, dass Kameras zu teuer sind und sie sie nur kaputt machen würde. 2003 bekam sie ihre erste Digi-Cam geschenkt, konnte also billig viel knipsen. Und den inhaltlichen Anstoß, sich noch mehr auf Fotos zu konzentrieren, gab ihr im Frühling 2003 eine Foto-Ausstellung über die Berliner Drag- und Tunten-Szene. »Alle aus meiner Drag-Gruppe waren da ausgestellt bis auf mich. Es gab Bilder über Bilder von Tunten und einem Bio-King, also ‚richtigen‘ Homos, die mit den einem Genderfuck angemessenen Genitalien geboren wurden. Mich machte das wütend!« Debra Kate hatte die Nase voll, mit den Drag-Definitionen von anderen Leuten umgehen zu müssen, die sie außenvor ließen. Also beschloss sie: »Ich wollte der Welt zeigen, wie ich sie durch meine Trans-Augen sehe.«

Wobei sich Debra Kate nicht auf das Geschehen auf der Bühne beschränkte: »Ich mache meine Fotos für zwei Arten von Leuten: Zuerst für uns auf der Bühne, damit wir uns sehen können und unsere eigene Wahrheit abbilden können, damit wir nicht vergessen werden, wenn wir gegangen sind. Und dem Rest der Welt will ich zeigen, dass Drag-Performer auch Menschen sind, die eben zufällig Drag machen. Der King, der im Backstage herumsitzt, könnte genau den Gesichtsausdruck haben wie dein Onkel, wenn er über etwas nachdenkt. Und die Queen könnte so gucken wie deine kleine Schwester, die auf Ärger aus ist.« Es geht also nicht um das Geschehen auf der Bühne, nicht den Glamour, sondern um mehr: »Ich will, dass die Leute, die sich die Fotos angucken, eine Verbindung auf einer menschlichen Ebene fühlen.« Heute sind es tausende Fotos, die Debra Kate auf ihrem Computer hat.

Für Debra Kate ist es sehr wichtig, die Leute auf ihren Bildern mit Namen zu nennen, wenn sie irgendwo abgedruckt oder ausgestellt werden. Als Beweis für die Leute, dass es sie gibt oder gab – oder auch ganz praktisch, um sie bei namensrechtlichen Sachen zu unterstützen: Um Transpersonen dabei zu helfen, den Namen tragen zu dürfen, den sie tragen wollen. Den eigenen Namen im Ausweis zu ändern geht nicht so ohne Weiteres, viel einfacher ist es erstmal, einen »Künstlernamen« eintragen zu lassen. Das jedoch erfordert einen Nachweis, dass mensch diesen Namen auch benutzt. Veröffentlichte Bilder mit Namensnennung helfen dabei.

Debra Kate sieht sich und ihre Aktivitäten, sei es auf der Bühne oder hinter der Kamera, als höchst politisch. »Fast meine ganze Arbeit basiert auf politischen Ansichten über das echte Leben oder lässt sich davon leiten. Selbst wenn meine Kunst manchmal nicht politisch aussehen mag – ohne Politik, ohne meine Gedanken dahinter könnte sie so nicht existieren.« Das gilt natürlich auch für die Person Debra Kate. Sie verlangt, mit Respekt behandelt zu werden, und gesteht das im Umkehrschluss auch allen anderen Leuten zu. »Für mich ist das einfach normal, Leuten mit Respekt gegenüberzutreten. Jede_r ist doch etwas ganz Besonderes.«

www.debrakate.com

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Körpereinsatz

April 10th, 2008 — 10:57pm
emilie-jouvet

Foto: Emilie Jouvet

von Malte Göbel

Während auf den queeren Bühnen die Performer_innen in Deutschland noch fröhlich Geschlechterrollennachahmen, wechseln und karikieren (und sie damit dekonstruieren), boomt in den USA queer burlesque! Aber Moment … Burlesque … ist das nicht diese Mischung aus Revue und Stripshowmit einem ziemlich üblen Frauenbild? Ja, auch – aber genau das ist der Punkt. Burlesque bedeutet Tempo, Tanz, Artistik, Performance – und setzt den Körper ein. Unqueer Unpolitisch? Sexistisch?Nicht zwingend. Hier haken die queeren Burlesque-Performer_innen ein.

Für Drag gilt: Nicht nur Bart und Makeup machen das Genderwechseln zur Performance, sondern auch die Kleidung: Krawatte, Hemd und Stiefel beziehungsweise Perücke, Rock und Stöckel – Kleider machen Leute, Klamotten machen Geschlecht. Bei Burlesque geht es eher darum, wenig anzuhaben: Also weniger Möglichkeiten, das Geschlecht umzudefinieren oder naturalisierenden Definitionen zu entziehen. Ist queer burlesque trotzdem irgendwie queer? – Ja, sagen die Performer_innen.

»Queer sein bedeutet für mich, die heterosexistischen Normen herauszufordern und zu verändern«, erklärt Christian van Schijndel aus Kopenhagen, der sich als Elektro-Burlesque-Künstler bezeichnet. Seine Performances sind eine Transition durch Entkleiden: Er beginnt meist als aristokratischer Gentleman in Abendgarderobe, komplett mit Zylinder, Frack und Spazierstock, und wenn er sich nach und nach seines Anzugs entledigt – »Jeder Aristokrat hat sein Geheimnis«, kommentiert er trocken – kommen darunter exquisite Funktions-Dessous und Stöckelschuhe zum Vorschein. Mit seiner Transformationsshow will er die Vorstellungen der Leute, was sexy oder erotisch ist, ändern. Obwohl sich Christian in seiner Show auszieht, ist seine Performance für ihn kein Striptease.

Er zieht sich auch nie vollständig aus. »Das würde mich zum Stripper machen. Ich will die Leute auch nicht schockieren. Es ist gut, manche Sachen der Vorstellung zu überlassen …« Hinzu kommt für ihn: »Bei Burlesque gibt es eine körperfreundlichere Stimmung als bei Striptease.« In den USA ist die Einstellung zum Körper oft etwas offener als in Deutschland – »sex-positive« lautet das Schlagwort. Es beschreibt eine bejahende Herangehensweise an Sex, wie sie zuletzt auch im Film »Shortbus« (2004, Regie: John Cameron Mitchell) zum Ausdruck kam: Queer bedeutet nicht Abwesenheit von Sex. Und Körper gehören zu Sex meistens dazu.

Das Lesbenmagazin »Curve« ging vor gut einem Jahr sogar so weit, eine »eigene sexuelle Revolution« der queeren Burlesque-Tänzer_innen auszurufen und featurete die florierende nordamerikanische Burlesque-Szene mit ihren Zentren San Francisco, New York und Chicago. »Lesben sind jetzt flirty und feminin mit Fischnetz«, frohlockte das Magazin – ein Femme-Trend, der in Deutschland noch nicht wirklich angekommen ist. »Für uns ist Burlesque ein Weg, um radikalen politischen Aktivismus auf dem Feld des Körpers auszudrücken«, formulieren etwas verschwurbelt die Sissy Butch Brothers aus Chicago im Interview mit Hugs and Kisses.

Also: Körpereinsatz fürPolitik. »Eine sexuelle Frau kann auch eine gestärkte [empowered] Frau sein«, bestätigt Amelia Paradise, die als »bearded queen of femme follies« mit den Diamond Daggers in San Francisco Burlesque-Shows auf die Beine stellt. Mit ihren Performances will sie weibliche Stereotypen aufdecken und entlarven. Sich als (feminine) Frau sexy fühlen und Geschlechter dekonstruieren ist für sie kein Widerspruch.

Dass Queer/Neo-Burlesque eine Mischung aus Spaß und Politik (beziehungsweise gesellschaftlichem Engagement) ist, zeigen auch die Gurlesque-Shows in Sydney. Die Shows kündigen sich selber als »Australiens schmutziges Geheimnis« an und versuchen einen Mix zwischen »altem Burlesque und einer Zukunft voll sexueller Freiheit« – women-only. »Die Frauen drücken sich auf der Bühne aus, sie konfrontieren ihre Ängste und Unsicherheiten. Sie brechen Tabus, sexuelle, soziale und Tabus, die mit dem Körper zu tun haben. Sie sprengen Mythen über Körperstrukturen und die von der patriarchalen Gesellschaft diktierten Normen über Sexiness und Attraktivität«, verspricht die Website weiter. Und auf Myspace wird sogar ergänzt: » … und die von der queeren Kultur diktierten Normen …«

Die Gurlesque-Gründerinnen Sex Intents und Glita Supernova arbeiteten als Stripperinnen bevor sie Gurlesqueals Rückzugsraum für Frauen eröffneten. Das war um die Jahrtausendwende, und es war unklar, ob das Konzept einer lesbischen Strip- und Burlesque-Show nur für Frauen Erfolg haben würde. Eine Feministinnengruppe hatte eine Mahnwache vor dem Club angekündigt, weil ein Frauenstrip der Frauenbewegung eher schaden als nützen und die Teilnehmendennicht »empowern« würde. Doch die Gurlesque-Abende wurden ein Erfolg. Seit der Gründung gab es mehr als 100 Shows, die Strip und Theaterpossen verbinden.»Wir haben eine Revolution gestartet, und wir werden mit ihr weitermachen«, erklärt Sex Intent in einem Interview mit der australischen Frauenzeitung LOTL. Sie hält nicht viel vom Burlesque-Revival, wenn es dieVersion vom Anfang des 20. Jahrhunderts imitiert. »Ich fand diese Versuche, Burlesque wieder neues Leben einzuhauchen, ziemlich lahm.« Und ihre Partnerin Glita Supernova ergänzt: »Das sind keine Strip-Shows, sondern stöhnende Performance-Künstler. Als es aufkam, hat Burlesque die Grenzen der Gesellschaft überschritten und nun gucken viele darauf zurück. Aber meiner Meinung nach muss Burlesque die heutigen Grenzen verschieben und das Jetzt konfrontieren.«

Zu Konfrontation kam es auch bei der männlichen Antwort auf die Women-only Shows, allerdings etwas anders als erwünscht. Die Manjam-Shows waren ebenfalls in Sydney entstanden, eine Men-only-Burlesque/Strip-Veranstaltung für ein alternatives, queeres Publikum. Die »sexy Show Manjam« hatte das Motto »no cunts on stage«, etwas rabiat ausgedrückt für »men only«, brach es aber gleich, indem auf der Bühne eine riesige Möse herumstand, flankiert von zwei überdimensionierten Penissen. Es gab verschiedene Acts: Eine Performance war ein Strip rückwärts, also ein langsames Anziehen von Kleidungsstücken, andere Showelemente hatten Artistik-Einlagen oder karrikierten Blowjobs – immer mit einer Portion Humor, die Performer nahmen sich nicht allzu ernst. Aber für andere Acts gab es Kritik: Eine Drag Queen mit schwarz angemaltem Gesicht trat auf, eine unselige Erinnerung an die amerikanischen Minstrel-Shows, und an der Wand hing ein großes Banner »Men areback« – was gleichzeitig der Spruch einer konservativenreaktionären australischen Männervereinigung ist. Letzteres war wohl als ironische Brechung gedacht, aber es gab hinterher viel Kritik für die Show. Die Organisatoren konterten, indem sie sagten: »Wir machen eben, wozu wir gerade Lust haben.« In einem Blog schrieb eine wütende Kritikerin darauf: »Genau das istdas Problem des Patriarchats: Männer, die einfach nur tun, worauf sie Lust haben und dabei herabwürdigendund verletzend sind.« Kritik gab es auch an der »no cunts on stage«-Politik, denn an der Show waren hinter den Kulissen als Stage-Manager schon einige Frauen beteiligt. Also waren es Frauen, die eine Show für Männer organisierten.

Die Veranstaltung zeigt, wie schmal der Grat ist zwischeneinem queeren Anspruch und einer Umsetzung, die die sexistischen und rassistischen Elemente von Burlesque offen zutage treten lässt. So oder so: Queer Burlesque fordert die Konventionenheraus. Manchmal auch unbewusst. »Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, dass meine Shows besonders politisch sind«, erklärt der Kopenhagener Burlesque-Künstler Christian. »Ich habe sie nicht mit dieser Intention entwickelt. Aber manchmal stellen sie doch die Konventionen in Frage.« Zum Beispiel bei einer Show Anfang Februar in Berlin. Christian trat gemeinsammit der Kopenhagener Künstlerin Miss Fish im Rahmeneiner queeren Performance-Gala in der Köpi auf, dem Flagschiff der Berliner besetzten Häuser. »Da stand ich als aristokratischer Gentleman da, umrundet von Punks und Hausbesetzern. Das war wirklich surreal.«

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