Vaginal Davis
Niemand bleibt gleichgültig bei meiner Präsenz.
Auch in der queeren Kultur, die immer mehr ein historisches Bewusstsein ihrer Geschichte und ihrer Ikonen archiviert, sind Legenden nicht gerade die Regel. Seitdem die afroamerikanische_intersexuelle Drag-Queen Vaginal Davis vor zwei Jahren nach Berlin gezogen ist, gibt es nicht nur vermehrt die Möglichkeit, sie performen zu sehen, sondern auch, mit ihr zu sprechen. Eine Ehre und ein toller Anlass für »Hugs & Kisses«, Miss Davis, die seit über zwanzig Jahren auf der Bühne steht, über ihre vielfältige Geschichte, ihre Begehren, ihren alten Wohnort, L. A., und ihren neuen, Berlin, zu fachsimpeln. Mit einer Menge Namedropping und Gossip bewaffnet ließ sich die so glamouröse wie politische Drag-Queen nicht lange bitten, für »Hugs & Kisses« in ihre eigene queer Kunstgeschichte einzutauchen.
»Ich war nie eine Type, die auf Schöheitsklischees stand.«
Vaginal, bitte erzähl uns ein bisschen über deinen Background. Du hast schon so viele Projekte gemacht und bist vielleicht die bekannteste afroamerikanische Drag-Queen der Gegenwart.
Ich bin in Los Angeles geboren und aufgewachsen, was mich von den meisten, die in diese Stadt kommen, unterscheidet, die ihr Dorf verlassen, um ihr Glück in der Corporate Media-Oligarchie zu suchen. Wenn du in L.A. geboren bist, ist Hollywood das Letzte, was dich interessiert – insbesondere, wenn du nicht aus der weißen, normalisierten Mittelklasse kommst.
Meine Arbeit war immer ein Versuch, dieses System anzugreifen, auch wenn ich kein_e Dogmatiker_in bin. Meine Waffe ist eher abgründiger Humor.
Warum bist du dann so lange in L.A. geblieben – und was zog dich nach Berlin?
Los Angeles war mal eine der billigsten Metropolen der Welt – was sich aber 2002 schlagartig änderte. Seitdem haben sich die Preise verdreifacht. Ich wusste, es war Zeit, die Stadt zu verlassen. Schon lange hatte ich viele Freund_innen in Berlin, wie Willhelm Hein, Annette Frick und das internationale queere Kunstkollektiv Cheap Klub. Ein großer Move, wegen Kohle und Kunst den Kontinent zu wechseln.
Seit den 1980ern hast du dich nicht nur als radikale_r Perfomer_in bewiesen, die Gender und Blackness, Class und Whiteness thematisiert. Doch du bist auch eine großartige Organisatorin und hast legendäre Club-Nächte organisiert. Besonders populär in L.A. war dein »Club Sucker«.
Club Sucker gab es fünf Jahre und es war eines meiner Neunziger-Highlights. Wir zeigten lokale, aber auch internationale Bands, wie Jesus & The Mary Chain, die Überraschungsshows machten. Sonst gab es Performance-Kunst und jede Menge besoffenes Rebellentum. Da wir schon um drei Uhr nachmittags aufmachten und die Sonne immer noch schien, konnte man sehen, wie die Leute wirklich aussahen. Aber nicht alle Stars, die hier verkehrten, sahen gut aus. Es gibt eben Menschen, die sich besser als Kreaturen der Nacht eignen.
Als ich in L.A. war, hatte ich das Gefühl, dieser Laden besäße Kultstatus. Die Leute schwärmten immer noch von ihm.
Toll. Ich liebte es, dort öffentliche Nacktheit zu unterstützen und mit den Boys der bekannten Bands, die im Club spielten, auf der Bühne rumzumachen. Das Publikum war eine Mischung aus Queers und Straights jeden Alters und jeder Couleur. An diesen utopischen Ort denke ich gerne zurück.
Ab dem neuen Jahrtausend hast du Club-Abende und Performance-Kunst noch stärker vermischt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der schwule Body-Art-Künstler Athey, mit dem du auch den Projektspace G.I.M.P. aufgemacht hast.
Das war ein Höhepunkt. Der Laden mutierte permanent und war selbst eine Art Installation. Außerdem kuratierten und erfanden wir Festivals wie »Visions of Excess«, eine Hommage an den perversen Schriftsteller George Battaille. Über zwanzig eingeladene Künstler_innen haben dafür Performances produziert. Und auch die Ortswahl war wichtig: So fand das Bataille-Event in einem Stripclub in Birmingham statt – und in einem alten Schloß in Llubjana. Die Veranstaltung ging nonstop 48 Stunden, und Ron und ich hatten einen Film über Battaille gemacht, mit Udo Kier in der Hauptrolle.
In Berlin machst du mit Cheap Klub heute ja auch nicht »nur« Performances oder Theater unter der Leitung von Bruce La Bruce, sondern auch das Bandprojekt Ruth Fischer. Musik war immer wichtig in deiner Biographie, und zwar nicht nur als DJane.
Natürlich! Eine meiner Lieblingsbands waren die Afro-Sisters, in denen wir Punk und Blaxploitation fusionierten. Cholita The Female Menudo war auch ein Höhepunkt, indem wir Latin-Pop-Schlager parodierten. Meine Familie väterlicherseits vermachte mir deutsch-jüdische und mexikanische Wurzeln. Die Band war eine Ode an seinen Background. Mein echter (deutscher) Nachname ist Sander.
Wohin sind deine Eltern im Krieg geflüchtet?
Mein deutscher Großvater, dessen Mutter jüdisch war, immigrierte 1933 nach Mexiko. So wurde mein Vater in Mexiko geboren und lernte meine Mutter, eine kreolische Frau aus Louisiana, in Argentinien kennen. Mein Vater war 21 und meine Mutter 46, als ich in Los Angeles geboren wurde.
Du hast aber auch nicht nur Bands gehabt, die auf deine hybriden Roots verweisen. In deinem bekanntesten Musikprojekt Pedro, Muriel & Esther (P.M.E.) hast du als weißer Drag-King einen rassistischen, homophoben Macker performt und bist nicht nur erstmals vom Queening zum Kinging gewechselt, sondern hast auch White-Drag als provokante Kritikform benutzt.
P.M.E. war die Hardcore-Punk-Band, mit der ich bis heute am meisten in der Punkszene assoziiert werde. Unser Album »The White to Be Angry« (1995) haben wir mit der Noise-Legende Steve Albini produziert und unsere Shows, in denen ich dieses sexistische Rassistenschwein spielte, schienen manchen so authentisch, dass sie voller Abscheu die Shows verließen. Sie merkten gar nicht, wer ich war und viele schienen von meinem doppelten Doppeldrag à la Michael Jackson richtig verängstigt.
»Die Stars von heute sind totale Volltrottel. Ich sehe keine Marlene Dietrichs, Greta Garbos oder Ava Gardners mehr.«
Unter dem Titel eures Albums »The White to be Angry« wurde auch ein Kurzfilm gedreht, von dem mir Bruce La Bruce einmal begeistert erzählt hat.
Haha, genau, Bruce wollte mich überzeugen, ich sollte ein_e richtige_r Filmemacher_in werden! Er meinte, meine Kurzfilme erinnerten ihn an die Kurzfilme meines Idols Pasolini. Doch ich habe nicht vor, je einen Langfilm zu produzieren. Ich finde es einfach zu kompliziert und kenne meine Grenzen.
Den Kontakt zu dir habe ich auf deiner Webpage gefunden, die ziemlich runtergekommen, aber auch sehr kultig aussieht. Dein Blogtagebuch führst du bis heute, und es ist eine populäre Anlaufstelle für Fans queeren Gossips über das Nachtleben geworden.
Meine Website www.vaginal-davis.com ist unglaublich populär. Ich habe ungefähr eine Millionen Clicks am Tag. Der einzige Grund dafür ist mein sexualisierter Name. Viele notgeile Typen werden so irgendwann auf meiner Webpage landen, ohne dass sie wissen, mit wem sie da zu tun haben. Was ich unglaublich lustig finde.
Welchen Stellenwert hat Gossip für dich? Immer wenn ich dich treffe, bist du am gossipen!
Ich benutzte Gossip als literarisches Instrument und als Ästhetik. Eigentlich sind mir Stars oder Celebrities scheißegal. Früher in meinen Clubabenden war mir meistens nicht klar, wenn Stars im Publikum waren. Ich bin unglaublich kurzsichtig und kann eh niemanden erkennen. So erfahre ich meistens erst durch Gossip von anderen alles. Namedropping und Gossip sind auch Möglichkeiten, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Meine Kolumnen in Magazinen wie Zoo, Dutch, Glue und Index oder alternative Zeitungen, L. A. Weekly, San Francisco Bay Guardian oder Village Voice haben alle einen leichten Gossip-Sound. Dahinter liegen aber andere Motive. Eine Kurzgeschichte, die ich für einen Sammelband von Dennis Cooper einmal geschrieben habe, ist von einem Kritiker mit James Joyces »Finnigans Wake« verglichen worden, was ich eine angemessene Einschätzung finde. Wie bei Joyce kann auch mein Schreiben im Original sehr erschöpfend für Leute sein, die nicht mit Englisch aufgewachsen sind. Ich benutze sehr viel Slang, umgangssprachliche Ausdrücke oder denke mir einfach neue Wörter aus.
Selbst wenn wir sie ernst nähmen: Gibt es überhaupt noch Stars, die dir Laune machen?
Es gibt keine richtigen Stars mehr. Die Stars von heute sind totale Volltrottel. Ich sehe keine Marlene Dietrichs, Greta Garbos oder Ava Gardners mehr. Die waren noch larger than life. Die Stars von heute sind mehr auf dem Handyscreen zu Hause als auf einer Kinoleinwand.
Im Berliner Arsenalkino präsentierst du ja auch jeden Monat alte Stummfilmraritäten unter dem Titel »Rising Stars Falling Stars«. Wie gefällt dir Berlin eigentlich? Deine Mitstreiter_innen von Cheap sagen, daß du hier einen neuen Frühling erlebst.
Berlin ist wunderbar stimulierend für mich, aber auch manchmal etwas grau, wenn man es mit dem endlosen Sonnenschein in Südkalifornien vergleicht. Ich hasse und liebe Los Angeles, und genau so geht es mir mit seiner Schwesterstadt Berlinia. Berlinia ist heute ähnlich international – und doch sind hier heute mehr Langweiler als 2001. Der Filmemacher Willhelm Hein benutzt immer das Wort »spießig« dafür. Als ich 2001 für sechs Monate eine Residenz hier hatte, war alles noch deutlich diverser, sexier und spannender.
Gilt das, was du über Berlin sagst, über die heute extrem diversifizierte Homoszene?
Die Boys in Berlin empfinde ich jedenfalls auch als recht konservativ. Deutsche Boys sehen ein bisschen aus wie britische Boys. Entweder sind sie unglaublich hübsch, groß und lächeln mit voluminösen, sexy Lippen. Oder sie sind total hässlich, haben rote Bäckchen und kein Kinn. Diese merkwürdige, aber faszinierende Inzucht finde ich auch ziemlich erhaben. Ich war nie eine Type, die auf Schönheitsklischees stand. Ich mag einfach Leute, die aus dem Mittelmaß fallen und ein paar besondere Gedanken mitbringen. Der schwule Konservatismus hat aber zugenommen. Es gibt zwar queere Fisting-, Scat- oder Pissing-Parties und viele andere irre Fetische, doch die Leute performen sie mit wenig Elan, Fantasie oder Freude. Sie gehen einfach durch diese Rituale als wäre es mechanisch, was ich merkwürdig finde. Vielleicht kommt das dadurch, dass immer mehr Leute aus den spießigeren Teilen Deutschlands hierhin ziehen. Ich habe gehört, dass die viel religiöser sind und Kirche und Babyboom das neue Ding ihrer neobürgerlichen Existenz. Gruselig.
Stehst du also gar nicht auf Boys in Berlin? Oder sind die auch was für dich? Ist es manchmal einsam als Drag-Queen?
Queens scheinen ja im Gegensatz zu Kings eher auszusterben. Und gerade die schwule Szene empfindet Feminität scheinbar heute weniger attraktiv als je zuvor. Als schwarze Drag-Queen ist es auf jeden Fall manchmal einsam. Meine Persönlichkeit war immer einzelgängerisch. Außerdem ermöglichen meine unorthodoxen Statements auch nicht immer neue Freundschaften. Manche Leute können mich nicht handeln, und dann sage ich lieber Goodbye. Auch der internationale Gay-Mainstream ist konformistisch und respektiert keine Individualität. Er tut zwar so, aber es stimmt nicht. Ich habe nie einen richtigen Platz dort gefunden – weder in der schwulen noch der straighten Welt. Intersexuell zu sein und funktionierende männliche wie weibliche Genitalien zu haben, macht es in Sachen Sex auch nicht einfacher. Aber ich bin ok damit – sie sind Teil von mir. Es wäre schön, einen regelmäßigen Sexpartner zu haben oder ein oder zwei Fuckbuddies. Ich hatte noch nie eine Beziehung. Aber was bedeutet das schon? Hausarbeit und trautes Heim? Bäh. Ich mag es, alleine zu leben und meine feminine Arbeit alleine für mich zu machen.
Du hast in den 1990ern auch die Kommerzialisierung der Drag-Queen-Kultur mitbekommen. Wirst du immer noch für Dokus und Freakshows angesprochen?
Als Drag in den Neunzigern vom Mainstream angeeignet wurde, haben sich eine Menge Durschnitts-Performer_innen mit Drag beschäftigt, weil sie dachten, dies würde mit einer Karriere bezahlt. Gleichzeitig dachten viele Drag-Queens aus dem Underground, jetzt wäre die Zeit, Star zu werden. Ich habe mich nie für eine Mainstream-Karriere im Fernsehen oder im Kino interessiert. Genauso wenig, wie ich deren Anfragen positiv beantworte, beantworte ich die Anfragen von US-Doku-Formaten, die mir einen Monat »in meinem Alltag« folgen wollen. Sie können einfach nicht glauben, dass ich Amerika verlassen habe. Als ich ging, habe ich auch keine Abschiedsparty gefeiert oder mich von meinen Freund_innen verabschiedet. Ich habe einfach leise meine Sachen zusammengepackt und war weg. Mir fällt es einfach, nicht zurückzuschauen. Ich war nie eine sentimentale Person.
Unterscheiden sich eigentlich Rassismus und Homophobie in den USA von ihren Formen in Deutschland? Durch deine Körpergröße und laute, lustvolle Stimme gehst du für viele ja auch nicht als Normalo durch – auch wenn du gerade nich im Drag bist.
Homophobie in Berlin ist eine verrückte Sache. Meistens fallen gleichgeschlechtliche Paare, die Händchen halten, in der Öffentlichkeit kaum noch auf. Ich merke auf jeden Fall, dass ich jedoch Aufmerksamkeit auf mich ziehe, aber ich kann nicht sagen, ob es an meiner Hautfarbe oder an meinem John-Wayne-Blick liegt, wenn ich einem süßen Jungen nachschaue. Die Leute scheinen nicht glauben zu können, daß ich eine reale Person bin und nicht eine gigantische schwarze Puppe. Glotzen tun aber nicht nur die Deutschen, sondern auch Afrikaner_innen, Araber_innen, Türk_innen oder Afrikaner_innen. Vielleicht liegt das daran, daß ich ein intersexueller Mensch bin, der ohne Drag als männlich identifiziert wird, aber trotzdem eine weibliche Aura hat. Besonders Babies scheinen das zu merken. Entweder hassen oder lieben sie mich. Es sind immer sehr direkte Reaktionen, die Menschen haben, wenn sie mich sehen. Niemand bleibt gleichgültig bei meiner Präsenz.
Interview: Tim Stüttgen
Fotos:
01: Paula Winkler & Christiane Stephan
02 & 05: Annette Frick
03 & 04: Manuel Vason
Erschienen in Ausgabe 10.






