Alle Artikel mit dem Stichwort "belgrad"

Kvir u Beogradu – Queere Szene Belgrad

April 21st, 2009 — 4:52pm
Transfabolous, London2008.

Transfabolous, London2008.

»… und dann war die Eröffnung. Wir hatten uns in Schale geworfen und alle waren da, sogar Milan … Ich glaube, das war der Moment, in dem ich anfing, zu träumen – als ob jede Pore meines Körpers offen wäre. Und Belgrad schien plötzlich wie eine Stadt mit offenem Geist zu sein. Maja sagte ständig, wie schön jede_r sei, und wir waren wunderschön in dieser Nacht. Verrückt, mir war gar nicht bewusst, dass wir etwas Wichtiges für uns und unser Umfeld taten. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was genau sich verändert hat … und ob. Ich hatte Angst, dass niemand zur Eröffnung oder den Workshops kommen würde, aber sie kamen. Ganz verschiedene Leute, die ich teilweise auch gar nicht kannte … woohoo … es sieht so aus, als ob wir unser Ghetto verlassen.«

15 Jahre nach dem ersten Arkadija-Treffen und 4 Jahre nach der angegriffenen Pride-Parade 2001 haben wir im Mai 2005 das erste Queerbeograd-Festival organisiert. Im Oktober 2008 fand es das fünfte Mal statt. Seit wir als Kollektiv angefangen haben, gemeinsam zu arbeiten, erleben wir, wie sich gesellschaftliche Grenzen und Möglichkeiten für Queers in Serbien verschoben und verändert haben. Trotz der tagtäglichen Diskriminierungen pushen wir Vorstellungen und erweitern gesellschaftliche Räume, schaffen Netzwerke (lokal und international) und reale physische Räume. Um all das soll es in diesem Artikel gehen.

Schwul-lesbische Bewegung

Schwul-lesbische Rechte waren bis in die späten 1980er, als der Schriftsteller Jovan Cirilov begann, öffentlich über das Thema zu sprechen, nicht im Fokus der jugoslawischen Öffentlichkeit. Mit Arkadija wurde 1990 in Belgrad die erste schwul-lesbische Gruppe gegründet – noch zu einer Zeit, in der ihre Existenz illegal war. Bald wurden die Anstrengungen der Aktivist_innen von der Kriegspolitik und dem damit einhergehend stärker werdenden Nationalismus sowie dem ökonomischen Abstieg überlagert. In dieser Zeit fiel es kaum auf, dass 1994 Homosexualität zwischen Erwachsenen im Stillen entkriminalisiert wurde.

Der Antikriegsprotest in Serbien wurde vor allem durch pazifistische, feministische Gruppen getragen (Zene u crnom – Frauen in Schwarz). Neben regelmäßigen Kundgebungen ging es auch darum, antimilitaristische Netzwerke (wieder-)aufzubauen. Unter anderem wurde von Serbien aus ein SOS-Telefon organisiert – für Frauen in Bosnien, die von (serbischen) Militärs sexuell missbraucht worden waren.

Kurz vor Ende des Bosnien- bzw. Kroatienkrieges wurde im März 1995 Labris gegründet, die bis heute eine der wichtigsten Gruppen in Serbien ist, wenn es um die Menschenrechte von LGBTIQ1) (in erster Linie Lesben) geht. Labris macht Lobbying für ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz, jährliche Berichte, beispielsweise darüber, wie LGBTIQ(-Themen) in der Presse und von Politikeren verhandelt bzw. aufgegriffen werden, organisiert Kampagnen gegen Homophobie und bietet Unterstützung jeglicher Art für Lesben/Queers an.

2000 wurde Gayten – Centar za promociju prava seksualnih manjina (Zentrum zur Förderung von Rechten sexueller Minderheiten) gegründet. Ähnlich zu Labris wird hier vor allem Lobby-Arbeit betrieben. Darüber hinaus organisiert Gayten das LGBTIQ-SOS-Telefon und hat den Aufbau der ersten serbischen Trans-Gruppe stark unterstützt, deren Treffen seit über einem Jahr in den Räumlichkeiten von Gayten stattfinden.

Rechtliche Situation

Männliche Homosexualität war in Serbien bis 1977 offiziell verboten, allerdings gibt es keine Akten darüber, dass das Gesetz je zur Anwendung kam. Ein Gesetz, welches sich an weibliche Homosexualität adressiert hätte, gab es jedoch nie. Wie auch – Lesben haben ja keinen Sex …

In den späten 1970er Jahren wurde den Provinzen Jugoslawiens mehr Autonomie in der Gesetzgebung zugestanden. Einhergehend mit der offenen Einstellung der Bevölkerung zu Homosexualität wurde diese 1978 in der Vojvodina, der nördlichsten Provinz Serbiens, legalisiert: Homosexualität wurde der Heterosexualität ohne eine eigene Gesetzgebung wie die zur Homo-Ehe, zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder zum Schutz vor Diskriminierung gleichgestellt. Die Legalität währte bis 1990, also bis die Vojvodina wieder vollständig ins serbische Rechtssystem eingegliedert wurde, welches Homosexualität zu dieser Zeit immer noch illegalisierte.

1994 schließlich wurden einvernehmlicher Analverkehr ab dem Alter von 18 Jahren und andere sexuelle Praktiken ab dem Alter von 14 Jahren legalisiert. Erst zum 1. Januar 2006 legalisierte man einvernehmlichen Sex zwischen Menschen ab dem Alter von 14 Jahren, unabhängig ihrer sexueller Orientierung oder ihres Genders.

In den Straßen … jeden Tag

Aber wie lebt man Tag für Tag queer in einer Gesellschaft, die streng patriachal, heterosexistisch, orthodox und nationalistisch ist – in einem Land, das man ohne Visum nicht verlassen kann und in dem man nicht viel Geld zu Verfügung hat?

Das sind Fragen und Themen, mit denen man tagtäglich konfrontiert ist. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Jugoslawiens haben die orthodoxe Kirche und nationalistische Ideen einen enormen Aufschwung erlebt und wurden zu Normativen der heutigen serbischen Gesellschaft. Seit Jahren halten rechte und ultrakonservative Parteien die parlamentarische Mehrheit, wodurch ihre »Blut und Boden«-Ideologie auf eine institutionalisierte Ebene gebracht wurde und wird. Beispielsweise hat die utranationalistische »serbische radiakale Partei«2) 29,5% der Stimmen bei den Parlamentswahlen im Jahr 2008 erhalten. Im Vergleich dazu erhielt die »demokratische« (was auch immer das in Serbien heißt) Partei (Demokratska Stranka) 38,4% und ging 2008 mangels Alternativen eine Koalition mit der ehemaligen Milosevic-Partei (Socijalisti_ka Partija Srbije) ein. Soweit zur politischen Lage.

»Ubi perderi – Tötet die Schwuchteln«

Beim Versuch, 2001 die erste Pride-Parade in Serbien zu veranstalten, mussten Lesben und Schwule nicht nur Klerofaschisten3) als Gegener erleben, sondern auch serbisch-orthodoxe Priester, die den Mob anführten. Sie hielten Reden über die Sünde »Homosexualität« und gaben der Gewalt gegenüber den Teilnehmer_innen der Pride-Parade ihren Segen. Gleichzeitig darf die Rolle des »normalen Bürgers« nicht vergessen werden. Das Schlimmste daran, offen und out auf die Straßen zu gehen war wahrscheinlich, die Reaktionen der Vorbeigehenden/Zuschauer zu erleben. Sie waren diejenigen, die den prügelnden Faschos applaudierten und sie anfeuerten. Manche sagten in Interviews mit Journalisten, dass sie sich persönlich angegriffen fühlten, weil Lesben und Schwule ihr Privatleben in die Öffentlichkeit brächten.

Das illustriert, was man täglich unter der Oberfläche spürt und was man in Entscheidungen, wie eines Coming-Outs (bzw. wem gegenüber), miteinbezieht. Auf der anderen Seite, auch wenn es widersprüchlich klingen mag, ist es durchaus möglich, queer zu sein und zu leben, wie man will. Gerade in Belgrad, einer Millionenstadt, gibt es Möglichkeiten und auch den Raum dazu, anders zu leben. Die Situation in den ländlichen Gegenden gestaltet sich natürlich schwieriger bis unmöglich. Es sei hier nur auf den Kosovo verwiesen, wo sich die Situation von LGBTIQs dramatisch verschlimmert hat.
Wenig überraschend ist es, dass es in Serbien meist einfacher ist, als Lesbe out zu sein als als schwuler Mann. Die Machokultur lässt wenig Raum für die Vorstellung einer weiblichen Sexualität – genauso wenig, wie für die Existenz einer schwulen Identität –von trans- oder intersexuellen Menschen gar nicht zu sprechen.

Diese mit der Heteronormativität einhergehende Ignoranz kann einen auch in recht eigenartige Situationen bringen: Butches kriegen anerkennende Schulterklopfer für die schicke Femme an ihrer Seite von Typen, denen man lieber nicht zu nahe kommt, und Femmes werden gehässig von der Seite angeguckt für – wahrscheinlich – die schicke Butch an ihrer Seite.Das orthodoxe Auge sieht offenbar nur, was es sehen will …

Ökonomische Situation

Wenn wir über das Leben in Serbien oder Ex-Jugoslawien sprechen, muss die ökonomische/soziale Situation in die Betrachtung mit einbezogen werden. Ob wir Geld haben oder nicht, beeinflusst stark die Möglichkeiten und Entscheidungen, die wir sehen und treffen. Das Durchschnittseinkommen im Land liegt bei etwa 200 Euro, wohingegen die Kosten für Miete, Strom, etc. teilweise mit Berlin vergleichbar sind. Dies führt dazu, dass viele Menschen es sich schlicht nicht leisten können, mit ihren Freund_innen oder Partner_innen zusammenzuziehen. Diese Situation wirkt sich natürlich auch auf die Community aus, z.B. in der Menge an Zeit, die in unbezahlte Politarbeit gesteckt werden kann.

Community

Wie schon erwähnt, unterscheidet sich Belgrad auch in Bezug auf die queere Community sehr von den ländlichen Gegenden. Es gibt eine handvoll Bars, eine regelmäßige Partylinie (queer‘n‘loud) und ein paar gayfriendly Clubs, wo sich LGBTIQs treffen, abhängen und feiern können. Darüber hinaus schaffen Gruppen wie Queerbeograd, Labris oder Zene na delu mit den mehrtägigen Festivals oder Workshops fokussierte temporäre Räume, die auch Queers außerhalb Belgrad ansprechen.

Neben den »realen« Räumen spielt das Werkzeug Internet eine immense Rolle als Ort des Austausches und Treffens. Es existieren Foren, Chats, Newslists und Websites für/von Queers. Nicht verwunderlich, dass Queerbeograd auch ein Facebook-Profil führt … Gerade in den Gegenden, in denen eine »reale« Vernetzung schwierig ist, bieten die virtuellen Räume die Chance, an Informationen zu queeren Themen zu kommen, die nicht orthodox verdreht wurden. Interessant ist die Lücke, die sich dadurch teilweise zwischen Queers, die sich dicht am internationalen Genderdiskurs bewegen, und der Mehrheit, die zu 80% denkt, dass Homosexualität eine Krankheit ist, die geheilt werden muss, bildet.

Queer/Kvir

Der Begriff »queer« ist ein westliches Importprodukt. Bis heute ist der Begriff für viele nicht gefüllt, was sowohl Möglichkeiten eröffnet als auch Schwierigkeiten mit sich bringt. Als wir 2005 das erste Queerbeograd-Festival organisierten, war »queer« als Konzept relativ neu. (Das erste Queerfestival in Südosteuropa fand 2003 in Zagreb statt.) Wir nutzten diese Situation, um den Begriff »queer« eng an linksradikale Positionen (noborder, Antirassismus, Feminismus, Antimilitarismus, Antifa …) zu knüpfen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sich das Queerbeograd-Kollektiv aus der Organisation der People-Global-Action-Konfernz 2004 in Belgrad gegründet hat.
Der Nachteil, einen neuen Begriff zu besetzen, liegt darin, dass er oft noch nicht stark genug ist, politische Statements deutlich zu platzieren. Auf serbisch ist »peder« (was so viel heißt wie »Schwuchtel«) der beleidigende Begriff, der »queer« in englischsprachigen Ländern ist. So werden Schwule auf der Straße, im Fernsehen, von manchen Politikern und den ganz »normalen« Leuten als »peder« bezeichnet.

Queerbeograd

Das Ziel des Kollektivs war von Anfang an, Räume zu schaffen. Nach dem erschütternden Ereignis der Pride-Parade 2001 und dem Erschrecken der Community über die Gewalt war es essentiell, wieder Räume aufzumachen, in denen man sich sicher treffen und neu zusammenfinden konnte.

Genauso wichtig wie die inhaltlichen liksradikalen/queeren Verknüpfungen war und ist es für uns, Themen nicht nur in einem kleinen Kreis zu verhandeln, sondern die Diskussion mit Gruppen verschiedener Hintergründe, Praxen und Zielen zu suchen, beispielsweise mit Sexarbeiter_innen aus Rom/London und Nis mit Sexarbeits-Aktivist_innen aus Belgrad und Skopje oder Trans-Aktivist_innen aus London mit welchen aus Belgrad und Sarajevo. Der Versuch, Aktivist_innen, Künstler_innen, Akademiker_innen etc. sowohl aus Ex-Jugoslawien als auch Ost- und Westeuropa in einem Panel zusammenzubringen, bleibt der Anspruch der Festivals. Ob er gelingt, kann in unseren Publikationen nachgelesen werden …

Transsexwork Performance, Festival 2007

Transsexwork Performance, Festival 2007

Dieses Verbinden von Geschichten, Kritiken und Ebenen ist auch der grundsätzliche Anspruch der Performances, die ein Herzstück unserer Arbeit sind. Die Auftretenden sind meistens Aktivist_innen und stehen oft zum ersten Mal auf der Bühne. Die performten Stücke sind ihre eigenen Geschichten oder die anderer Menschen aus unserem Umfeld – Geschichten über politischen Aktivismus, eigene Identitäten oder Erfahrungen, die durch die erlebende Person verknüpft und so beschreibbar werden.

»I‘m your bastard daughter white trash whore sister bitch goddess chipped brick uber slut, fuck you in the ass nightmare kind of girl … raised by mama to do all the right things … and just look at how I turned out. An angel in the kitchen and a whore in the bedroom … give me half a chance and I‘ll see if we can work out some thing that combines the two … how about you cook me dinner in your underwear and then I fuck you on the table?«
Jet Moon, Femme-inism 101, Zitat aus der Performance

Beim ersten Queerbeograd-Festival gab es u.a. Workshops und Diskussionen zu S/M, Theaterpraxen, der Situation von Roma-Frauen in Ex-Jugoslawien oder Selbstverteidigung. Am 3.Tag organisierten wir eine Straßenparty im Stadtzentrum unter dem Motto »Stop der Gewalt in den Straßen« (»Stop nasilju na ulicama«) und … nichts passierte!
Diese Erfahrung war großartig und zeigte, wie viel doch möglich war. Nur 6 Monate später veranstalteten wir das 2. Festival unter dem Titel »Party and Politics« im »REX kulturni centar«, bei dem wir uns auf inhaltliche, politische Diskussionen (politics of control, gender and identity, art and politics, radical queer theory) und Performances konzentrierten. Ab diesem Zeitpunkt begannen wir auch, die Auseinandersetzungen zu dokumentieren und zu publizieren.

Netzwerke

Während des 4. Queerbeograd-Festivals im Oktober 2007 hat sich ein Bus voll  Festivalteilnehmer_innen an einer Antifademo in Novi Sad beteiligt. Im Verlauf der Demo wurden Personen aufgefordert, die mitgebrachten Regenbogenflaggen einzupacken. Antifas sprachen von einem allgemeinen Fahnenverbot. Da aber sehr wohl Antifafahnen geschwenkt wurden, konnte die Erklärung nicht so einfach hingenommen werden.
Während eines Antifa-Kongresses in Srenjanin, an dem Queerbeograd auch teilnahm, kamen unterschiedliche Positionen zu Tage. Von »wir sind alle Teil einer Bewegung« bis zu »warum sollen wir mit den Queers zusammenarbeiten, wenn wir deshalb von den Faschos angegriffen werden«. Dies nahmen wir als Anlass, das darauffolgende Festival unter das Thema »Direkte Aktion und Antifaschismus« zu stellen. In der kontroversen Diskussion kamen Antifas aus Moskau, Srenjanin und Belgrad sowie Queers aus Istanbul zusammen.
Einige Wochen später, im Oktober 2008, gab es auch in Belgrad eine große, von einem bürgerlichen Bündnis getrage Antifa-Demo, an der sich Queerbeograd in einem antiautoritären/postlinken/queeren/anarchistischen/punk/libertären Block4)  beteiligte. Diese Teilnahme war aus zwei Gründen wichtig für uns: Zum einen, um zu zeigen, dass wir als Queers Teil einer antifaschistischen Bewegung sind und dass man deswegen zur Homophobie nicht schweigen kann, und zum anderen, um gemeinsam ohne Angst auf die Straße zu gehen und dies der Erfahrung des Angriffs auf das Festival entgegenzusetzen.

Angriff auf das 5. Queerbeograd-Festival

Am 19. September 2008 (2. Festivaltag) verließ eine Gruppe von Teilnehmer_innen den Festivalort und wurde von einer Gruppe von ca 20 Obraz-Mitgliedern angegriffen. Fünf Menschen wurden verletzt, einer davon schwer, mit einem gebrochenen Arm. Der Vorfall ereignete sich in unmittelbarer Nähe zum Festival, so dass die zum Festivalschutz abgestellten Polizisten schnell eingriffen.

Der Angriff steht in klarem Zusammenhang mit einem Zeitungsartikel, der in der Woche vor dem Festival erschien. Die Gratis-Zeitung 24 sata publizierte auf der Titelseite einen sensationalistischen Artikel unter der Überschrift: »5. klandestines Schwulenfestival in Belgrad« (Peti skriveni gej festival u Beogradu). Daraufhin wurde das Festival zum Thema in mehreren nationalistischen Internetforen.

Ein Angreifer konnte sofort festgenommen werden, zwei weitere am darauffolgenden Tag. Die Staatsanwaltschaft brachte eine Klage wegen schwerer Körperverletzung und zwei wegen gewalttätigen Verhaltens ein. Die Menschenrechtsorganisation Labris führt die Nebenklage auf Basis der Diskriminierung. Somit ist dies das erste Mal in Serbiens Rechtssprechung, dass Diskriminierung aufgrund einer anderen sexuellen Orienterung als der heterosexuellen Gegenstand einer Klage ist.

Zwar gibt es kein umfassendes Antidiskrimierungsgesetz, aber verschiedene Dekrete zu Gleichbehandlung und Diskriminierung, die z.B. in Fällen der Diskriminierung von Roma angewandt wurden. Dieser Prozess zum ersten organisierten Angriff auf LGBTIQs seit der Pride-Parade 2001 kann zu einem Präzedenzfall werden. – Zum allerersten Mal reagierten staatliche Institutionen auf homophobe Gewalt, und der Minister für Menschen- und Minderheitenrechte verurteilte den Übergriff öffentlich. Bis zu diesem Zeitpunkt haben Politiker und Institutionen kaum ein Wort zu LGBTIQ-Themen verloren, genauso wie die Polizei der Community in der Vergangenheit den Schutz verweigert hatte.
Diese Ereignisse bedeuten hoffentlich positive Veränderungen für LGBTIQs/Queers. Aber auch für unsere politische Arbeit zeigen sich Auswirkungen. Ob wir wollen oder nicht, unsere Arbeit ist in der Öffentlichkeit gelandet. Was auf einer Seite sehr gut ist, bedeutet auf der anderen auch, dass wir Fragen der Sicherheit neu diskutieren müssen.

2009 wird es kein 4-tägiges internationales Festival in Belgrad geben. Wir werden es stattdessen in diesem Jahr in verschiedene kleinere, lokale Tages-Events transformieren. Das eröffnet die Möglichkeit – ohne uns zu verstecken – weiterhin lokale Netzwerke zu knüpfen, unseren Raum zu schaffen und gesellschaftliche Grenzen und Normen weiterhin herauszufordern und zu verändern.

Mehr Infos:
www.queerbeograd.org
Kontakt:
queerbeograd@yahoo.co.uk
Spenden für Prozesskosten und Betroffenenunterstützung sind sehr willkommen.
Text und Fotos: queerbeograd

Stichworte: Stories, , , , , , , , Comment »

Comment » | Stories

“Travel Queeries” – ein Dokumentarfilm über “radical queers in contemporary Europe”

October 28th, 2008 — 8:35am
"Queer Rechte sind Menschenrechte" - Demonstration in Warschau, Polen.

"Queer Rechte sind Menschenrechte" - Demonstration in Warschau, Polen.

von Chris Campe

Sommer, die große Reisezeit! Rumkommen, was ganz anderes sehen, alte Freunde treffen und neue kennenlernen … Elliat Graney-Saucke, Margaritte Knezek und Sidney Jo aus Olympia, Washington, haben das letztes und vorletztes Jahr ausgiebig getan. Sie waren in Barcelona, Kopenhagen, Belgrad, Mailand, Rom, Leeds, London, Warschau und Berlin  – mit einer Filmkamera und der Idee für »Travel Queeries«, einem abendfüllenden Dokumentarfilm über »radical queers in contemporary Europe«, der im Frühjahr 2009 Premiere haben wird.

Im Interview mit Chris Campe erzählt Elliat Graney-Saucke, die Regisseurin und Produzentin von »Travel Queeries«, von ihrem Film, den Reisen und ihrem Leben in Olympia, doch seht vorab den Trailer:

Chris Campe: In den Danksagungen auf Eurer Website stehen viele Leute aus der Berliner Queer-Szene. Das ist wenig überraschend, Du hast dort ein paar Monate gelebt. Aber denkst Du, dass Berlin ein Zentrum für »radical queers« in Europa ist? Wie habt Ihr die Drehorte für Euren Film ausgesucht?

Eliat Graney-Saucke: Berlin hat sich eher zufällig als Hauptangelpunkt ergeben. Als ich 2005 in Barcelona bei der Queeruption war, habe ich Tina Pornflakes und ein paar andere Leute aus Berlin kennengelernt.  Ich hatte schon lange davon geträumt, in Europa zu leben, aber ich sah mich eher in Barcelona oder irgendwo am spanischen Meer. Ich hatte schon so viele großartige Geschichten über besetzte Schlösser gehört – das wollte ich auch erleben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kein besonderes Interesse an der deutschen Kultur. Berlin war natürlich schon immer bekannt für seine homosexuelle Kabarett-Szene, über die aktuelle Szene und Kultur dort wusste ich jedoch nichts. Nach der Queeruption habe ich Tina im autonomen Hausprojekt x-b in Friedrichshein besucht – der Besuch dauerte letztendlich sechs Monate. In dieser Zeit habe ich mich in Berlin verliebt. Und das, obwohl ich eigentlich nur herkam, weil ich hier am meisten Leute kannte.
Als wir mit unserer Planung für »Travel Queeries« begonnen haben, wollten wir schon einen möglichst großen Querschnitt an Künstler_innen aus verschiedenen Ländern einbeziehen, die meisten Kontakte hatten wir aber in Berlin und in Großbritannien. Eine Auswahl zu treffen war ziemlich schwer. In Berlin habe ich eine Liste von 25 Berliner_innen zusammengestellt, alles Künstler_innen, die meines Erachtens ganz unentbehrlich für die Dokumentation sein würden. Wie man sieht, ist die Liste dann doch noch etwas geschrumpft.

»Travel Queeries« untersucht »radical queer« Kultur, Kunst und Aktivismus im heutigen Europa. Warum bezeichnet Ihr es ausdrücklich als »radical queer«? Was heißt radikal für Dich? Gibt es auch »normal queer«?

Lustig … als ich Deine Frage gelesen habe, dachte ich, Du würdest eher bei »contemporary« (dt. »heutig, gegenwärtig«) nachhaken. Die Frage nach dem Begriff »radical« (dt. »radikal«) ist aber sehr gut. Als wir unsere Interviews gemacht haben, wurden wir manchmal auf diesen Begriff angesprochen. »Radikal« hat für uns etwas mit der politischen Bedeutung von »queer« zu tun, die wir nicht aus den Augen verlieren wollten. »Queer« ist mittlerweile ein sehr aufgeweichter und oft verwendeter Begriff, der in den Mainstream eingeflossen ist. Bezeichnen sich Leute als »radical queer«, wollen sie meistens verdeutlichen, dass sie es mit dem »genderbending«, »queer« als politischem Begriff und ihrem Engagement als Aktivisten ernst meinen. Der Ausdruck »queer« an sich deckt für mich ein großes Spektrum von Leuten ab, aber die Club-Szene in Seattle zumindest zielt nur auf ein geselliges, tätowiertes und punkiges Publikum, das aber nicht wirklich politisch ist.

Leute, die ich als »radical queer« bezeichnen würde, leben zumeist in Projekten und schaffen abgefahrene, verrückte Kunst. Sie verbinden queere Lebensweise mit Kunst und/oder Aktivismus und sind dabei offen für andere Szenen und deren Probleme. So sehe ich das zumindest aus meiner Perspektive als Amerikanerin. Ich denke aber, dass sich diese Sichtweise auch gut auf Europa übertragen lässt. Radikale sind der Stachel in der Mainstream-Homosexualität. Durch ihr Verhalten, ihre Kritik an Ideen, Regeln und Normen sorgen sie für ein konstruktives Unwohlsein. Ich halte mich gerne in einer queeren Umgebung auf. Es gefällt mir, das Geschlecht einer Person nicht immer bestimmen zu können und auf Pronomen zu verzichten. Irgendwie stechen diese Leute aus den üblichen lesbisch-schwulen Beziehungsformen heraus und sind progressiver. Obwohl die Mädchen/Junge-Schubladen auch ziemlich viel Spaß machen können …

Das erinnert mich an den Trailer zu Eurem Film. Dort sagen eine ganze Reihe von Leuten das Wort »queer« – mit sehr verschiedenen Akzenten und Betonungen. Für mich fasst das wunderbar einen Teil dessen zusammen, worum es bei »queer« geht: viele verschiedene Blickwinkel. Wie verbindet Ihr in Eurer Dokumentation Filmmaterial von Orten wie Belgrad, Barcelona, Berlin und Warschau? Sind die Unterschiede in den Leuten und den Szenen in verschiedenen Ländern nicht ziemlich groß?

Nicht weitersagen, aber eigentlich bin ich noch dabei, das Ganze zusammenzuschneiden … Die grundlegende Idee ist, aufzuzeigen, welche Überschneidungen es in dieser Collage queeren Lebens gibt. Ein Beispiel dafür sind die Gespräche über den Marsch für Gleichberechtigung, der 2006 in Warschau stattgefunden hat. Da sind Queers in London, die sich über das Ereignis unterhalten. Dann die Schwulen vom Tuntenhaus in Berlin, die versuchen, einem Typen zu helfen, der verhaftet wurde. Schließlich natürlich die queeren Leute in Warschau, die sich über die Organisation des Marsches unterhalten und analysieren, welchen Einfluss die internationale Unterstützung auf die Sichtbarkeit von LGBT-Themen in Warschau und Polen hatte. All diese Leute, die sich untereinander nicht kennen, sind trotzdem miteinander verbunden. Hier wird zum einen die Existenz einer internationalen Gemeinschaft deutlich, zum anderen zeigt dieses Beispiel Gemeinsamkeiten queerer Kultur und queeren Lebens auf.
Ich denke, ich habe schon erwähnt, auf welche Art »queer« eine politische Identität sein kann. Der Film zeigt auch hier verschiedene Entwürfe. Da sind zum Beispiel die Gespräche über das »Queer Barrio« während des G8-Gipfels in Deutschland (2007). Außerdem wird die Thematik der »Queers without Borders« (dt. »Queers ohne Grenzen«) angesprochen, welche sich eher auf Großbritannien bezieht. Schließlich wird die Arbeit von »Queer Beograd« gezeigt, die sich mit den Rechten von Sexarbeiter_innen befasst und außerdem versucht, die Rolle der Roma in der Kultur herauszustellen und ein Bewusstsein für ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft zu schaffen.

»Queer« ist mittlerweile ein sehr aufgeweichter und oft verwendeter Begriff, der in den Mainstream eingeflossen ist.

Es gibt also Queers, die sich mit Rassismus, Sexismus, der Ausgrenzung von Übergewichtigen etc. befassen. Aber wenn diese Themen jeweils nur isoliert betrachtet werden, fehlt die Unterstützung für diejenigen, die mit überlappenden Unterdrückungsmechanismen konfrontiert sind. Dann wird eine weiße, wohlhabende queere Kultur zur Norm und diese spiegelt mit Sicherheit nicht die Realität queeren Lebens in all ihren Facetten wider.

Die »Queers ohne Grenzen« haben für mich eine besondere Bedeutung. Sie sind nicht nur generell gegen Grenzüberwachung und Abschiebepraktiken, sondern setzen sich auch für queere Flüchtlinge ein, deren Leben aufgrund ihrer abweichenden Geschlechterrollen und Sexualität bedroht ist. Das ist auf jeden Fall ein queeres Thema und damit der nächste Schritt zu einem queeren Aktivismus, der sich auf internationaler Ebene bewegt: Wie wir diese Leute unterstützen können – und dabei sollten wir uns nicht nur auf queere Menschen beschränken. Wir müssen uns den Privilegien der wohlhabenden Länder bewusst werden. Dabei geht es nicht darum, aus eigener Kraft und ganz alleine die Welt zu retten. Aber wir müssen für Bewusstsein und Engagement sorgen.

Für Deine Arbeit, mit der Du Kunst und Aktivismus verbindest, hast Du mehrere Preise bekommen, unter anderem den »Art for Social Change«-Award von MPowerment. Kannst Du mehr von Deiner Vorstellung von »Kunst für gesellschaftliche Veränderung« erzählen?

Haha, ja, meine »Gay Awards«. MPowerment ist ein queeres Jugendprogramm, das zur »Life Long Aids Alliance« in Seattle gehört. Jedes Jahr vergeben sie einen Preis für Arbeit in der Gemeinschaft. Als ich 19 war bin ich von Seattle nach Olympia gezogen. Ich habe ein kunstorientiertes Festival von und für junge Queers ins Leben gerufen: »The Bend-It Extravaganza«. Im vergangenen Frühjahr habe ich das Festival das sechste Mal geleitet, weil ich für eine Weile zurück in Olympia war. Es war das große alternative Event neben dem CSD.

Der Name entstand extra für das Festival und meine Arbeit: Ich wollte ein kulturelles Event schaffen, das nicht nur entweder mit Kunst zu tun hat oder mit Aktivismus, sondern das Kreativität zelebriert und dabei politisch ist. Ein weiterer Punkt war, dass es in der Szene hier viele Vorbehalte Jugendlichen gegenüber gibt und dass Jugendliche unter 21 Jahren von vielen Veranstaltungen ausgeschlossen werden, weil sie noch keinen Alkohol trinken dürfen – totaler Bullshit und überhaupt nicht gemeinschaftsförderlich.
Viele Ideen des Festivals entsprangen der Mentalität von Olympia – als Teenager war dieser Ort für mich eine queere Utopie. Als ich 16 Jahre alt war habe ich das erste Ladyfest (2000) mitorganisiert. 2002 kam das erste Homo-a-GoGo-Festival. Beide Festivals waren auch politisch, sie haben mir die Augen darüber geöffnet, wie einfach es ist, etwas zu organisieren und dann wirklich passieren zu lassen. Seitdem bin ich süchtig danach, Events zu organisieren.

Die meisten Queers, mit denen ich in Olympia zu tun hatte, waren ganz außergewöhnliche Aktivisten und wundervolle Queers, die sich die Welt und Gemeinschaft geschaffen haben, in der sie leben wollten. Zu diesen gehörten Nomy Lamm, Beth Ditto und noch viele andere aus der Musikszene sowie vom Evergreen-College. Auch meine Tante Pat Graney steht mir sehr nah. Sie ist Tanz-Choreographin und ziemlich verdammt radikal. Um mich herum hatte sich also eine queere und politisch aktive Gruppe versammelt, die auch heute noch mein Denken beeinflusst.

Die ewige Frage: gibt es sowas wie queeren Film oder queere Kunst im Allgemeinen? Ich meine, fallen Dir formale Aspekte beim Filmen oder Herangehensweisen bei der Produktion eines Filmes ein, die Du mit »queer« assoziieren würdest? Oder macht nur der Inhalt einen Film queer – wenn überhaupt? Versuchst Du »queer« auch formal in den Film zu übersetzen?

Der Entstehungsprozess des Filmes hat verschiedene Stadien der Struktur und Planung durchlaufen. Ausgangbasis war dabei eine gewisse kollektive Norm unserer queeren Kultur. Die Struktur zu entwickeln war für uns alle ein Lernprozess. Ich selbst habe viel über mich und meine Vorgehensweise in Projekten, auch in künstlerischer Hinsicht, gelernt. Ursprünglich wollten wir die traditionellen Rollen während der Entstehung des Filmes »verqueeren«. Letztendlich war es für mich aber doch wichtig, Verantwortlichkeiten genauer zu bestimmen und zu trennen. Das Projekt war einfach zu groß. Kleinere Projekte oder Zusammenwohnen lassen sich ohne Frage mit einer kollektiven Mentalität organisieren. Bei größeren Sachen wird das zunehmend schwieriger. Das liegt aber auch an meiner eigenen Art. Wenn es um Kunst und Projekte geht, benehme ich mich teilweise wie eine Getriebene. Da helfen Hierarchien in der Produktion auf jeden Fall. Jede_r weiß dann um sein eigenes Aufgabengebiet.

Queere Kunst bedeutet für mich, Dinge zu hinterfragen, Wege zu bestimmten Ideen aufzuzeigen und diese mit dem Selbst zu verbinden. Ich denke, Queers haben ein besonderes Gespür, und das siehst Du an ihren Arbeiten. Was das besondere an queeren Filmen ausmacht und wie man das beurteilen kann: Ich glaube, darum geht es, wie zum Beispiel bei der Programmzusammenstellung von Filmfestivals, genau um dieses Hinterfragen und eine gewisse queere Sensibilität.

Was unseren Film außerdem zu einem queeren Film macht, ist die Tatsache, dass ich auf gar keinen Fall eine langweilige Dokumentation abliefern wollte. Ich bin mir bewusst, dass wir es mit einer MTV-Generation zu tun haben – ob die Leute es nun zugeben oder nicht -– die auf schnelle und flashige Reize steht. Das heißt nicht, dass wir alle zwangsläufig darauf eingehen müssen. Aber diese Art von Darstellung spiegelt auch den außergewöhnlichen Elan und die Begeisterung, die ich bei queeren Veranstaltungen empfinde, wider. Im Moment arbeite ich an einem aufregenden Soundtrack, außerdem wird es Animationen und Video-Kunst geben. Vielleicht wird dieser Film auch durch seinen Aufbau das Dokumentarfilmgenre »verqueeren«.

Da der Film auf Filmfesten einem größeren LGBT-Publikum zugänglich sein wird, möchte ich ihn so interessant und anziehend wie möglich machen. Ich will den Leuten die kritischen Gedanken und Gespräche des Filmes näher bringen. Dafür sollte »queer« auch formal definiert werden. Das heißt, es gibt nicht eine_n Erzähler_in, der_die den Inhalt wiedergibt, und vor allem nicht eine Antwort, sondern viele verschiedene Leute erzählen die Geschichte. Und genau das ist für mich das perfekte Beispiel einer gelungenen Definition von »queer«.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Margaritte und Sid praktisch? Wer macht was in Eurem Team?

»Travel Queeries« war eigentlich ein Kurzfilm, den ich über die Queeruption in Barcelona gedreht habe. Dieser Teil stellt das Grundgerüst für die lange Version dar. Ich wollte auf der Queeruption festhalten, was bei dem Event passiert, all die Gespräche und Leute, die mir dort begegnen würden. Vielleicht lag es auch daran, dass ich andere Dokumentationen über die Queeruption in London und New York City gesehen hatte. Ich wollte einfach mehr davon.

Ich habe Margaritte von meiner Idee erzählt und sie gefragt, ob sie mit mir zusammenarbeiten würde. Im ersten Produktionsjahr hat die Arbeit im Zweierteam sehr gut geklappt. Eine hat die Interviews geführt, die andere hat gefilmt. Abgesehen davon war unser Gepäck und das ganze Equipment unglaublich schwer! Während des zweiten Jahres musste Margaritte wieder studieren und ich dachte, es wäre gut, noch eine weitere Person ins Team zu holen. Sid ist eine gemeinsame Freundin von uns. Sie hat zu der Zeit an einer Dokumentation über zwei Mädchen gearbeitet, die ihre jüdisch-deutsche Familiengeschichte während der Nazi-Zeit aufarbeiten (»The Descendents Project«). Als ich ihr von unserem Projekt erzählte, war sie sofort dabei. Wir haben uns im zweiten Jahr auch viel um Fund-raising und die Logistik für das Projekt gekümmert.

Zu dritt hatten wir genügend Hände und Ideen, um die Produktion voranzutreiben. Ein typischer Produktionstag sah folgendermaßen aus: aufstehen, essen, in der Stadt filmen, um dann im Internet-Café Interviews und Unterkünfte für den nächsten Tag zu vereinbaren. Dann Postkarten nach Hause schreiben, wieder essen, ein oder zwei Interviews aufnehmen, Dinner und eventuell ausgehen. Hinzu kamen regelmäßige Treffen, um Gelddinge und die geplanten Interviews zu besprechen, damit alle stets auf dem gleichen Stand waren.

Natürlich gab es auch Zwistigkeiten. Aber die meiste Zeit über haben wir uns gut verstanden und es einfach genossen, von Stadt zu Stadt zu reisen und dabei großartige Menschen kennenzulernen. Was unsere Rollenaufteilung betrifft: Ich war Regisseurin und Produzentin, Margaritte war zuständig für den Bildaufbau und ebenfalls Produzentin, Sid unsere Produktions-Assistentin. Natürlich haben noch viele andere mitgewirkt: Künstler_innen, Übersetzer_innen, Praktikant_innen, Berater_innen, Spender_innen, etc. …

Ich stelle jetzt gerade eine erste Rohfassung zusammen. Sid ist in New York City und bald wieder in Berlin, um den Film in Vorabsichtungen unserer Zielgruppe zu zeigen und die Ergebnisse über Skype mit mir zu diskutieren. Margaritte hilft derweil auf der Farm einer Freundin in Oregon aus und wird im Herbst wieder da sein, um den Film mit fertigzustellen. Das ist das Team »Travel Queeries«.

Ich weiß, das ist eine schwierige Frage, aber: Was war die beeindruckendste Situation, die Du während der Arbeit an »Travel Queeries« erlebt hast?

Das ist wirklich eine schwere Frage. Als wir im Sommer 2006 während des Ladyfests in Berlin gedreht haben, kamen viele Leute, die mit dem Film zu tun haben oder darin auftauchen, aus Großbritannien und von überall her – es war toll, all diese Leute in einem Raum zu sehen. Das Gleiche passierte beim Queer Festival letztes Jahr in Kopenhagen.

Abgesehen davon war es cool, wie Leute uns in ihren Häusern empfangen und welche Einblicke sie uns in ihr Leben gegeben haben. Das hat uns ein ganz besonderes Gefühl von Gemeinschaft und »meine Leute« vermittelt. Und auch, wenn ich nicht mit allen viel Zeit verbracht habe, bin ich ihnen doch sehr tief verbunden, und dieses Gefühl von Community ist wirklich super. Ich hoffe, dass das Endergebnis alle glücklich machen wird – ich habe diesen Komplex, dass ich gerne alle glücklich machen möchte. Letztendlich entscheidet aber jede_r selber über seine_ihre Reaktion auf den Film und sein_ihr Verhältnis dazu. Ich bin nach wie vor sehr glücklich darüber, all diese brillianten, liebenswerten und sexy Queers zeigen zu können. Sie sind der beste Grund für all die Arbeit, die in dem Film steckt. Und ehrlich gesagt denke ich, dass die denkwürdigsten Momente noch bevor stehen.

www.travelqueeries.com
www.descendantsproject.com

Interview: Chris Campe
Übersetzung: Christina Magdalinou

Stichworte: Stories, , , , , , , , , , , , , , , , Comment »

Comment » | Stories

Back to top