Queer Cinema ist tot, lang lebe Queer Cinema
von Todd Verow, Übersetzung: Sebastian Beyer und Jean Lopes
Für mich waren Experimental-/Undergroundfilm und queerer Film gleichbedeutend. Als ich anfing, kurze Experimentalfilme und -videos zu machen, inspirierten mich Kenneth Anger, Jack Smith, Andy Warhol und die Kuchar-Brüder (welche ich kürzlich persönlich kennenlernen durfte, als ich zusammen mit einem meiner festen Schauspieler und Mitverschworenen, Philly, in Mike Kuchars Film “Vortex” mitspielte). Keiner dieser Filmemacher hat je einen Scheiß darauf gegeben, es in Hollywood zu schaffen. Ihre Arbeit handelte von ihren Obsessionen, sie war persönlich und oftmals erotisch aufgeladen. Alle wurden sie früher oder später bezichtigt, pornographisch zu sein. Als ob das etwas Schlechtes wäre, als ob Kunst und Pornographie sich gegenseitig ausschließen würden.
Pornographie ist, wenn der Betrachter masturbiert; Kunst ist, wenn der Künstler masturbiert.
“Warum können wir uns nicht alle zusammen einen runterholen? ” fragten diese Filmemacher. Frage ich mich auch. Die Anfänge vom “New Queer Cinema” waren eine aufregende Zeit. Wir alle waren wütende kleine Kunst-Terroristen, die aus “ACT UP” und “Queer Nation” kamen und bereit waren, die Welt zu übernehmen.
Wir waren keine Politiker – wir waren Künstler. Wir arbeiteten aus unserem tiefsten Inneren heraus, mit unseren Ängsten und gebrochenen Herzen. Ich studierte an der Rhode Island School of Design (RISD), ein paar Jahre später als Todd Haynes (der an RISDs Partneruniversität, der Brown University, studiert hatte). Also waren er und seine Arbeit mir bereits ein Begriff. Danach ging ich an das American Film Institute (AFI) in Hollywood, um Kamera zu studieren, und arbeitete mit Gregg Araki an “Totally F***ed Up”. Ich erinnere mich an die Premieren von “The Living End” und “Swoon” im Museum of Modern Art (MoMA) in New York während des Festivals “New Directors/ New Films”.
“Ich dachte, WOW! Das ist was, hier passiert was, und irgendwie bin ich mittendrin.”
Im MoMA lernte ich den Schauspieler Craig Chester kennen. Wir wurden Freunde und arbeiteten oft zusammen. Ich reiste zu Festivals auf der ganzen Welt und traf jede Menge interessanter Filmemacher, überall tauchten plötzlich Filmfestivals auf.

Todd Verow, geb. 1966, ist US-amerikanischer Filmemacher, lebt in Providence, Rhode Island. Er arbeitet als Schauspieler, Kameramann und Regisseur. 1995 gründete er Bangor Films. Er gilt als Veteran des "New Queer Cinema".
Nachdem ich meinen ersten Spielfilm “Frisk” gemacht hatte, bekam ich viel positive und negative Aufmerksamkeit. Schon zu dem Zeitpunkt war ich ein Workaholic und hatte einen Haufen Ideen und Drehbücher am Start. Ich hatte eine Menge “Geschäftstreffen “, es wurde mir viel “Interesse” bekundet, aber ich bin kein Gebrauchtwagenhändler; mir fehlt dieses Gen, also ging das Ganze nirgendwohin.
Mein Kreativ-Partner James Derek Dwyer und ich lebten in San Francisco. Wir hatten sehr wenig Geld, er arbeitete in irgendeinem Gelegenheitsjob und ich im “Nob Hill Gay Porn Theater”. (Ich kündigte die Live-Shows an und stellte sicher, dass die Performer auf die Bühne kamen. Es gab einen vorgefertigten Text, den ich ablesen sollte. Meistens änderte ich den Text ab. Selbst im Strip-Club wollte ich unbedingt etwas verbessern.)
Es war an der Zeit, Kalifornien schnellstens zu verlassen, so weit weg von Hollywood wie möglich. Also kratzten wir etwas Geld zusammen, kauften eine extrem billige Hi-8-Videokamera und zogen nach Boston. Ich überredete eine befreundete Schauspielerin, Bonnie Dickenson, von Los Angeles nach Boston zu kommen, und wir machten den Film “Little Shots of Happiness” (der bei der Berlinale 1997 Weltpremiere hatte). Bonnie wurde mein erster “Superstar”. James und ich gründeten unsere erste Produktionsfirma, Bangor Films, und wir begannen Filme zu machen, so wie wir es wollten. Auf Video, ohne Crew, mit einer Handkamera, nur mit vorhandenem Licht, soweit das möglich war, und mit irgendeinem miesen Sound, den ich mit dem Kameramikrophon einfing. Wir machten die Filme ohne Geld, ohne Finanzierung von außen. Wir legten es darauf an, bis zum Jahr 2000 zehn Filme zu machen, und zur Überraschung aller (mich eingeschlossen) schafften wir das.
“Ich wollte nicht zum Mainstream wechseln”
Keiner dieser Filme war per se ein “Schwulenfilm “, sie hatten sicherlich eine schwule Sensibilität, aber die Inhalte waren nicht schwul. Ich habe damals nicht wirklich darüber nachgedacht, warum das so war, ganz bestimmt wollte ich nicht zum Mainstream wechseln, aber im Rückblick denke ich, dass ich nach “Frisk” nicht bereit oder in der Lage war, einen weiteren “Schwulenfilm” zu machen, solange es nicht irgendetwas Persönliches, irgendwas schmerzhaft Echtes war. Dazu war ich erst bereit, als ich wieder Single war und 2001 zurück nach New York zog. Ich entblößte alles (nicht nur meinen Arsch, auch mein Herz und meine Seele) in “Anonymous” (Berlinale 2004, Anm. d. Red.). Ich beschloss, dass, wenn ich mich schon von Leuten beschimpfen lassen würde, es nur für etwas Persönliches sein sollte.
Danach setzte ich mich eingehend mit den bösen Geistern meiner Vergangenheit auseinander und machte zwei halbautobiographische Filme, “Vacationland ” (2006) und “Between Something & Nothing” (2006). Zur selben Zeit drehte ich experimentellere Spielfilme wie “Hooks to the Left” (welcher komplett auf einer Handykamera gedreht wurde), “Bulldog in the White House” und “XX”. Oft arbeite ich gleichzeitig an mehreren Projekten, mein Gehirn arbeitet einfach so, und ich finde, meine experimentelleren Filme befruchten meine narrativen Filme und umgekehrt.
Keine Kompromisse für den Markt eingehen
Ich werde oft beschuldigt, so “produktiv” zu sein (ja, ich sage “beschuldigt”, weil das normalerweise der Ton ist, in dem das Wort an mich gerichtet wird), als ob das etwas Schlechtes wäre. Ich kann nichts dafür – ich habe ehrlich das Bedürfnis, Filme zu machen (mein neuester Spielfilm, “The Boy with the Sun in His Eyes”, kommt bald!). Für mich gibt es nichts Tragischeres als eine_n Filmemacher_in, der/die ihre/ seine Zeit damit verschwendet, auf die Erlaubnis (das heißt: das Geld) zu warten, einen Film zu machen. Filmemacher_innen, die heutzutage Jahre damit zubringen, ihre Filme zu realisieren, einen Kompromiss nach dem anderen schließen, um schließlich eine vollkommen entstellte Version ihrer Originalidee auf die Leinwand zu bringen, sind keine Künstler_innen, das sind Geschäftsleute. Künstler_innen bleiben ihrer Vision treu und arbeiten, wenn sie inspiriert sind. Sie denken nicht über solchen Quatsch wie Marktfähigkeit und “Wer ist mein Publikum?” nach. Sie kümmern sich nicht um Geld und benutzen alle Mittel, die ihnen in die Finger kommen. Sie scheißen auf Kritiker und Kulturtheoretiker oder Gender Politics. FUCK THEM ALL! Oft ist es genau das, was sie alle sowieso brauchen.
“Hör auf, diese Scheiße zu zeigen und riskiere das kantigere, mutigere Zeug. Es ist da!”
“New Queer Cinema” hätte sich nie lange halten können. Es kam auf zu einer Zeit, als die Leute sich nach queeren Bildern auf der Leinwand verzehrten. Darum waren sie auch bereit, experimentellere, kantigere, gefährlichere Filme zu ertragen. Aber sobald weniger abenteuerlustige Filmemacher_innen anfingen, glänzende, glückliche Filme zu machen, übernahm das “New Gay-sploitation Cinema” das Ruder. Lauwarme Programmverantwortliche von schwul-lesbischen Filmfestivals (und Kinos und Verleiher) waren schnell dabei, diese unbedrohlichen Publikumslieblinge aufzunehmen, um ausverkaufte Eröffnungsveranstaltungen zu haben und ihren Vorstand glücklich zu machen – aber um welchen Preis? Warum sollte man auf Festivals gehen, wenn man diese beschissenen Filme auch auf den neuen schwulen Pay-per-view-Fernsehkanälen sehen kann? Indem die Kurator_innen das Risiko und das Kantige aus ihren Programmen entfernten, entfernten sie gleichzeitig Sinn und Zweck ihres Daseins. Aber viel schlimmer noch ist, dass sie dadurch Filmemacher_innen ermutigen, “kommerziellere”, “zugänglichere” Arbeiten zu machen. Wenn es keine Aufstände (hihihi) oder zumindest hitzige Diskussionen bei deinen Festivalvorstellungen gibt, dann machst du deinen Job nicht. Hör auf, diese Scheiße zu zeigen und riskiere das kantigere, mutigere Zeug. Es ist da. Es wird nicht verschwinden. Umarme es. Wahre Kunstfilme widerstehen Professionalismus. Wenn du ein_e Filmemacher_ in bist, die/der sich Sorgen um den Unterhalt macht, dann such dir eine “richtige” Arbeit. Kunst ist kein Beruf. Viele meiner amerikanischen Landsleute haben diese Art zu denken längst verloren.
Wir als Filmemacher_innen müssen experimentieren. Aus Fehlern wird Kunst. Fehler sind das Leben. Wir müssen der traditionellen Erzählstruktur widerstehen, dem eindeutigen Ende widerstehen und die Vieldeutigkeit umarmen, die Intelligenz des Publikums umarmen und fördern. Wirf die Continuity aus dem Fenster, zusammen mit all den anderen Regeln des Filmemachens. An diesem Punkt hat Dogma ’95 etwas falsch verstanden: Du wirfst keine alten Regeln über Bord und ersetzt sie durch neue. Du musst Regeln gänzlich abschaffen. Diese Besessenheit von technischer Perfektion muss aufhören! Wir laufen Gefahr, manieristisch zu werden (oder nur ausgesprochene Streber). Geht zurück zur Natur, zurück zum Leben. Leben ist sandig, dreckig, voller Scheiße und Blut und Samen. Es ist klebrig und durcheinander, manchmal bitter, manchmal süss, manchmal alles auf einmal. Dreh mit den Mitteln, die du zur Verfügung hast, geh nicht auf die Jagd nach der neuesten, größten Auflösung, der teuersten hypermodernen Kamera – wir sind keine Techniker_innen, wir sind Künstler_innen.
Mach dir deine Hände schmutzig. Mach aus hässlich schön und umgekehrt. Hab wenigstens den Mut, das zu machen, woran du wirklich glaubst – und hab den Mut, überhaupt an irgend etwas zu glauben. Die Welt hat viele (Film-)Kritiker und Zyniker. Zynismus ist langweilig. Werde leidenschaftlich. Fühle irgend etwas. Und erzähle es dann deinem Publikum.
“Wir als Filmemacher müssen zusammenhalten”
Dies ist eine noch nie da gewesene aufregende Zeit, um Filmemacher_in zu sein. Der Zugang zu Produktions- und Postproduktionsmitteln war niemals so einfach wie heute. (Lass dich nicht von den Gatekeepern verarschen, die versuchen, den Zugang zu blockieren, indem sie darauf bestehen, dass die einzigen Filme mit Wert die sind, die in HD gedreht sind, mit der neuesten, teuersten Kamera gedreht und nur von dem neuesten, teuersten Projektor vorgeführt werden. Sie versuchen uns zurückzudrängen – zeig ihnen den Vogel und schalte deine billige Videokamera an! Jede_r kann rausgehen und einen Film mit dem Handy machen und ihn auf einem billigen Laptop schneiden. Dann kannst du deinen Film auf YouTube hochladen, und sofort können ihn Leute auf der ganzen Welt sehen. Und wenn dann ein Verleiher deinen Film haben will und dir sagt, er braucht einen neuen Ton oder einen anderen Soundtrack oder dass er noch mal neu geschnitten werden sollte oder was auch immer, sag ihm: “Nimm ihn so oder lass es bleiben.” Die Essenz der Arbeit ist im Medium eingeschrieben, wenn du deinen Job als Künstler_in korrekt machst. Wenn ein Festival sagt, du musst deinen Film in das alte 35-mm- Format oder das neueste Super-Duper-Digitalformat umwandeln, frag sie, warum – du wirst überrascht sein, wer keine Antwort auf diese Frage hat. Wir als Filmemacher_innen müssen zusammenarbeiten, um diese Gatekeeper im Zaum zu halten.
Wenn also das “New Queer Cinema” tot ist, was kommt als nächstes? Gut, es ist eigentlich nur der Begriff, der tot ist, die Filmemacher_innen, alte und neue (und sehr alte), sind noch da und machen immer noch Kino. Goodbye, “NEW” (und wo wir schon dabei sind, schließe bitte hier “MODERN” und “POST-irgendwas” mit ein), du warst sowieso nie von großem Nutzen, verlierst du doch in dem Moment deine Relevanz, wenn du ausgesprochen wirst. Wir sind nicht und waren niemals neu, wir sind von Dauer. Kino und Kunst sind unser kollektives Gewissen. Ich würde sogar behaupten, ein kollektives schwules Gewissen in mancher Beziehung.
Ein Glück, dass du aus der Mode gekommen bist, QUEER (oder nicht? Wer kann da schon folgen?). Niemand kann sich auf einen Begriff einigen. Was wäre mit MENSCHLICH. Wir sind alle, ob das nun gut oder schlecht ist, menschliche Wesen. Wir sind menschlich und sexuell. Wir sind CINEMA – pur und simpel. Wir lassen uns nicht ghettoisieren, kategorisieren oder abweisen. Wir sind hier, wir sind CINEMA, gewöhn dich dran!
Kein “Mr. Nice Gay” mehr! Hast du noch nicht genug von diesen muskulösen, glänzenden, glücklichen, schönen Schwulen in Komödien über das Aufreißen, mit Leuten, die ohne Shirt herumlaufen und ach-so-schön und ach-so-hohl sind? Keine weiteren Dokumentarfilme über Homo-Ehe und darüber, wie wir doch eigentlich wie alle anderen sind. Keine Konformität – was auch immer das ist; und was ist eigentlich aus “We’re here, we’re queer, get used to it!” geworden? Höre auf dir vorzugaukeln, dass AIDS (oder zumindest die verheerenden Auswirkungen von AIDS), Homophobie (außerhalb und innerhalb der Schwulenkultur), Gewalt, Vergewaltigung, Unterdrückung, Mord, Zensur nicht existieren. Wir sind Geächtete, wir sind Außenseiter, und wir werden es immer sein. Du brauchst keinen Schwanz, nur eine Kamera (und es muss keine große Kamera sein, aber du musst die Eier haben, um der Realität ins Auge zu blicken). Hol sie raus. Streichel sie. Fordere das Publikum, die Kritiker, die Kuratoren et cetera heraus, es zu schlucken. Kreiere, als ob es kein Morgen gäbe – in dieser modernen Welt weiß man nie -, und schieß, schieß, schieß!
Und nun wisch bitte hinter dir auf.
Der Text von Todd Verow ist erschienen in:
Bildschön. 20 Jahre Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg
Herausgegeben von Querbild e.V.
Männerschwarm Verlag, direkter Bezug online über:
www.lsf-hamburg.de/bildschoen


