Stories

9. October 2007

Ausweitung der Bequemlichkeitszone – Océan Le Roy zeigt die Möglichkeiten der Geschlechter

von Jasper Nicolaisen

Océan

Océan Le Roy

»Gender ist das letzte Tabu«, sagt Océan irgendwann, als wir uns gemeinsam Ausschnitte seiner Shows ansehen. »Hier oder in Frankreich, Monsieur oder Madame – wenn die Leute glauben, dass sie mich falsch ansprechen, entschuldigen sie sich sofort hundertmal. Ich sage dann immer: Ist schon o.k., weil es für mich keine Rolle spielt. Aber für die meisten Menschen ist die Welt nicht so.«

Wir sitzen in einer schicken Wohnung in Berlin-Mitte, die Océan auch als Büro nutzt, in der weißen Sitzgruppe, wo er normalerweise Kunden berät. Unsere Wassergläser stehen auf einem Tablett und ich denke kurz, dass man auf dem Glastisch keine Flecken hinterlassen darf. Ich habe verschlafen und bin unrasiert aufgetaucht, noch dazu verspätet,weil ich der Firmenname auf dem Klingelschild irritiert hat, so dass ich dachte, ich sei an der falschen Adresse. Diese Wohnung in Weiß ist viel professioneller als ich und ich gebe mir sofort Mühe, gerade zu sitzen. Océan hingegen bewegt sich hier ungezwungen, obwohl er mit Bartstoppeln, Out-of-Bed-Haar und Trainingsjacke auch nicht so recht ins Bildpassen will. Der Laptop, auf dem wir uns die Clips anschauen, sieht teuer aus, zickt aber bald rum, woraufhin mein Gastgeber im schönsten Deutsch-Französisch fluchend auf allen Vieren unter dem Sofa verschwindet, um am Kabel rumzufummeln.

Vor dem Fenster glitzert die Herbstsonne auf der Spree und blendet mich. Auf dem Bildschirm erscheint endlich ein Kreuzberger Keller; das Bild ist etwas unscharf und der Sound nicht der beste, was Océan, der sich ohnehin nicht gern selbst auf Aufnahmen sieht, sofort peinlich ist. Er gibt gerade auf der Bühne mit Drei-Tage-Bart und hartem Look den Macho, nur um dann herumzuwirbeln und die andere Seite seines Körpers zu präsentieren, die in einem Abendkleid steckt. Die Bewegungen werden weicher, seine Stimme gleitet nach oben. Ich lasse mich ins Sofa sinken. Willkommen in der Übergangszone.

Anlass meines Besuchs ist eine Dokumentation über Océan, die momentan auf internationalen Film- Festivals anläuft. Die Filmemacherin und Anthropologin Saskia Heyden wollte ursprünglich nur einen Kurzfilm über drei Gender-Performer drehen. »Aber irgendwann hat sie gesagt: ›Du reichst schon völlig aus‹«, erzählt Océan. »Und dann meinte sie: ›20 Minuten passen auf keinen Fall. Und 30 auch nicht. O.k., wir machen eine Stunde Dokumentarfilm daraus.‹« Das ist ihm nun wieder nicht peinlich. Muss es aber auch nicht, denn in »Risk, Stretch, Or Die« reichen 60 Minuten kaum aus, um den vielen Facetten von Océans Leben und Kunst gerecht zu werden, der auf der Bühne Tanz, Gesang und Multimedia verbindet.

Scheinbar Unvereinbares liegt dicht nebeneinander

Ocean auf der Bühne

Schlagartig wird klar, wie kurz der Weg von der Butch zur Lipstick-Lesbe ist.

Als ich später zu Hause den Film ganz anschaue, bin ich beeindruckt von der Wandlungsfähigkeit, mit der Océan die verschiedensten Geschlechter und Typen auf die Bühne bringen kann. Die vielen Elemente seiner Shows erlauben es ihm, unterschiedlichste Körperhaltungen, Attitüden, Stimmen und Ausstrahlungen anzunehmen und durcheinander zu wirbeln. Schlagartig wird klar, wie dicht scheinbar Unvereinbares nebeneinander liegt, wie kurz der Weg von der Tunte zur Butch zum Macho zur Lipstick-Lesbe ist – und wie sehr sich diese Rollen gegenseitig brauchen, um sich über Unterschiede zu definieren.

Die Rolle als Rolle zu zeigen, ist hier Programm

Anders als in der herkömmlichen Travestie oder selbst in vielen Drag- King-Shows gibt es bei Océan kein wahres Ich, das in der Performance Grenzen überwindet, um dann bei einem neuen, klar umrissenen Zustand anzukommen. Océan ist in jeder Rolle ganz er oder sie selbst und vermeidet so geschickt und ziemlich aufregend jede Eindeutigkeit, die wieder Grenzen ziehen könnte. Dabei ist nichts einfach nur beliebig oder oberflächlich. Dass Geschlechter und Identitäten angenommen, aufgeführt und gewechselt werden können, ist so eindrucksvoll vorgeführt allemal ein politisches Programm. Océans deutliche Songtexte zu queeren Rechten, die Teilnahme am CSD in Warschau sowie Auftritte bei zahlreichen Veranstaltungen mit explizit politischer Ausrichtung zeigen ohne Zweifel, dass man keine Position beziehen muss, um das Richtige zu tun.

Trotzdem ist so viel Uneindeutigkeit manchem nicht ganz geheuer. Océans Auftritt auf dem Titelbild einer lesbischen Zeitschrift zum Thema »Männer« hatte einen irritierten Leser_innenbrief zur Folge, in dem um Aufklärung über sein »wahres« Geschlecht gebeten wurde. Als die Redaktion sich bemüßigt fühlte, beruhigend zu versichern, es gebe über Océans Integrität in dieser Hinsicht keinen Zweifel, sah er sich seinerseits zu einer halb amüsierten, halb ärgerlichen Reaktion gezwungen. Er verstehe sich selbst als »in der Mittelebend« und halte es für gut, wenn jeder und jede sich neue Möglichkeiten erobere, schrieb er zurück. Dazu sei es auch nötig, »die Bequemlichkeitszone zu verlassen«.

Wie schmerzhaft das für ihn und andere sein kann, hat er auch schon erlebt. »Als ich mich mal bei einer reinen Frauenveranstaltung auf der Bühne in einen Kerl verwandelt habe, gab es schon Pfiffe. Oder die Nummer, wo ich einen homophoben Rapper darstelle. Obwohl ich da am Ende von der Bühne vertrieben werde, verstehen das viele nicht.« Sogar Handgreiflichkeiten gab es: »Ich komme nach der Show raus und diese Frau fasst mir einfach so zwischen die Beine, weil sie wohl wissen wollte, wo sie mich hinstecken soll«. Die zum Teil ärgerlichen und verwirrten Reaktionen zeigen vielleicht, wie sehr auch oder gerade vor queerem Publikum feste Identitäten gefragt sind, in denen sich Selbstbild und Community verankern lassen.

Nicht nur die Aufführung bringt hier die Unsicherheit, sondern auch das Zusehen. Wenn ich mich von dem da oben auf der Bühne angezogen oder sogar erregt fühle, was macht das dann aus mir? Muss ich mich hintergangen fühlen, wenn die begehrte Frau plötzlich ein Mann ist oder der harte Typ das Handgelenk abknickt? Sich Océan gefallen zu lassen, kann auch eine Herausforderung sein.

Wir verlassen die Bequemlichkeitszone

Océan im Geschäfts-Outfit

Kunst und Beruf hält Océan strikt getrennt.

Aber je länger wir in dieser Wohnung vor diesem Laptop beieinander sitzen und sehr klares Wasser aus schlichten Gläsern trinken, desto mehr interessiert mich die Übergangszone zwischen Kunst und Beruf, die Océan strikt getrennt hält. Für seine Kunden besteht an seiner Identität kein Zweifel. Wie lässt sich das vereinbaren? Ist das nicht das Doppelleben mit Schrank, vor dem uns unsere Väter und Mütter immer gewarnt haben? Vorsichtig spreche ich das Thema an: Ob er sich damit wohl fühle? Oder sich etwas anderes wünsche? Offensichtlich verlassen wir die Bequemlichkeitszone von Interviewer und Interviewtem. Ich will ihm nicht zu nahe treten, er will der Frage nicht ausweichen.

Später sehe ich, dass auch Saskia Heyden in ihrem Film diese Spannung beschäftigt haben muss, sie zeigt jedenfalls immer wieder Ausschnitte aus Océans Berufsalltag und den Übergang zum Privaten. Ich muss vor dem Fernseher einem Freund recht geben, der ihn ebenfalls in beiden Rollen kennt und sofort meint: »Im Business-Outfit sieht der doch noch viel verkleideter aus als auf der Bühne!« Im Film ist das übrigens schön zu erleben, als Océan für die Arbeit zurecht gemacht bei einem Freund vorbeifährt, der ihn prompt nicht erkennt. Und auch hier und jetzt erzählt mir Océan, wie die Regeln des Business nur ein weiteres Spiel für ihn sind, die seriöse Aufmachung nur ein anderer Fummel, wie er sich Erfolg und die Arbeit, die ihm Spaß macht, nicht nehmen lassen will. Mir imponiert dieses Selbstbewusstsein und Océans Mut, auch hier den eigenen Weg zu gehen. Trotz der Stimmen, die Outing unter allen Umständen fordern, ist es allemal sympathisch.

Aber ich finde nicht ganz in die Bequemlichkeitszone zurück. Ist das wirklich eine selbstbestimmte Grenzziehung oder doch die Grenze, an der klar wird, dass Identitäten sich eben nicht einfach aus dem Kleiderschrank ziehen lassen, dass wir in unserer Wahl keineswegs frei sind? Ich kann das nicht auflösen, finde diesen Zweifel aber auch passend zum Treffen insgesamt.

Ich verabschiede mich von Océan und trete in einen kühlen Herbsttag hinaus. Die Sonne ist weitergezogen, kein Funkeln mehr vom Spreewasser, da ist keine Metapher mehr zu holen. Auf dem Weg nach Hause bin ich mit meinen Gedanken über das Gespräch allein. Erst spät im Film wird Océan noch etwas sagen, was die Begegnung für mich abschließt: »Ich kann mich nicht reduzieren.« So irritierend das manchmal auch sein mag, es ist schön und aufregend, dass ein solches Leben gewagt werden kann.

Mehr unter
www.oceanleroy.biz

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