Stories

21. April 2009

Brasiliens Queer-Pioniere

Solange, Tô Aberta!

Solange, Tô Aberta! am 8. Mai 2009 bei der Hugs and Kisses Releaseparty im Fundbureau. Foto: Alisa Karabut/www.cometro.de

von Sebastian Beyer und Jean Lopes

São Paulo, an einem Samstagnachmittag im März vergangenen Jahres. Im glitzernden Shopping-Center an der Rua Frei Caneca, einem d e r schwulen Treffpunkte São Paulos, flaniert und konsumiert der gay Mainstream – gut geschützt durch Wachleute – offen und unproblematisch Hand in Hand. Eine Querstraße weiter liegt um ein unscheinbares Haus ein klein wenig Revolution in der Luft. Die heile Gay-Shopping-Welt ist hier herzlich egal. Aus einem Fenster hängt ein schwarzes Transparent mit großem rosa Winkel. Hier im Espaço Impróprio, dem »unangemessenen Raum« treffen sich an diesem Wochenende knapp hundert Personen aus ganz Brasilien zum zweiten Queerfest.

In der Vokü leitet eine Dragqueen einen »Wie mache ich mir eine vegane Wurst?«-Workshop, im Keller screent das Pornkollektiv Queer Fiction aus Porto Alegre neues Material, die Gruppe Esquizotrans aus Brasilia berichtet von dem neuen Blog, den sie für die brasilianische Le Monde Diplomatique zu Körperpolitiken schreibt, und schließlich entlädt sich später lautstark die Wut verschiedener Queercore-Bands.
Im Gay-Shopping dagegen hängen seit ein paar Wochen neue riesige Schilder auf den Herrentoiletten, die freundlich auf das Gesetz hinweisen, nach dem »obszöne Handlungen« in der Öffentlichkeit mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden können. Die gesellschaftliche Toleranzgrenze wird in großen Lettern deutlich gemacht.

Gern brüstet sich Brasilien mit der weltweit größten CSD-Parade und ist auch sehr stolz, mit seiner relativ fortschrittlichen GLBTT-Gesetzgebung führend in Lateinamerika zu sein. Der Alltag ist jedoch nach wie vor von einem starken Machismus gezeichnet, und auch der immer größer werdende gesellschaftliche Einfluss von, vor allem evangelikalen, Kirchen  fördert eher sehr konservative Einstellungen. Gewalttätige Übergriffe treffen in besonderem Maße Lesben, Schwule und Transpersonen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, die wenig Zugang zu den überteuerten Gay-Clubs und sicheren Shoppingcentern der Mittel- und Oberschicht haben.

Am Ende des Queerfests steht die Show der QueerPunkFunk-Band Solange, Tô Aberta, und obwohl alle zunächst ein wenig erschöpft von Wochenende wirken, beginnt eine überraschende Party: Bereits nach den ersten Klängen ihres Funk-Carioca-Sounds fliegen die ersten T-Shirts durch die Luft. Bis eben noch ziemlich maskulin und ernst wirkende Anarcho-Punks kreisen mit ihren Ärschen Richtung Dancefloor – denn darum geht es im Funk Carioca: Der Arsch wird das Zentrum des Tanzes, die Textfetzen sind klar und eindeutig in ihrer Message.

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Der Funk-Sound, der zu Beginn des neuen Jahrtausends in den Favelas von Rio de Janeiro entstand, steht oft in harter Kritik. Die einfachen, eindeutigen Texte, welche meist vom Leben in den Favelas handeln, seien äußerst sexistisch, homophob und gewaltverherrlichend.
Solange, Tô Aberta eignen sich das kontroverse Genre aus konsequent queerer Perspektive an, ähnlich wie Homo-Hopper_innen den Hip-Hop seit einigen Jahren durchqueeren. Ein Song stellt zum Beispiel mit eindeutigen Wörtern die Frage, ob denn auch der Papst zu analen Freuden fähig sei – die Vorraussetzungen hätte er ja: »O cu e um buraco que todo mundo tem! Ate o papa tem!« (in etwa: »Das Loch im Arsch hat ein jeder! Selbst der Papst!«). Dazu toben Paulo Belzebitchy und Pedro Costa nahezu akrobatisch glitzernd über die Bühne und tanzen sich in Trance. Bereits nach den ersten zwei Songs haben die beiden ihr Publikum völlig in der Hand, niemand im Raum ist mehr vollständig bekleidet und die ersten Personen stürmen die Bühne, um sich an den beiden Solanges und sich gegenseitig zu reiben. Das Ganze formt sich dann zu einer einzigen im Beat zuckenden Masse. Uiuiui. Unglaublich.
***

Hamburg, ein Jahr später. Wir wollen es nochmal ein wenig genauer wissen, wie es  denn steht um die eindrucksvolle queere Szene Brasiliens. Blitzschnell antwortet Paulo von STA! auf unsere Interviewanfrage, das passe ja alles sehr gut zusammen, seien sie doch sowieso gerade dabei, ihre Europatournee für den Frühling zu planen. Es wird also höchste Zeit:

Eure Show während des Queerfests in São Paulo ist uns immer noch in lebendiger Erinnerung – wir haben uns sehr amüsiert. Haben Eure Auftritte denn stets dieselbe Dynamik?
Paulo: Definitiv nicht! STA! ist das Resultat aus unseren persönlichen Geschichten, unseren Traumata, Freuden, Ängsten, Unzufriedenheiten und Unruhen. Und abgesehen davon sind wir eher ganz unbeständige Personen. Dies allein macht es schon unmöglich, dass unsere Auftritte immer gleich ablaufen. Manche Shows sind erotischer, andere eher heftiger, aggressiver. Es gibt keine Zauberformel, kein Drehbuch, niemand weiß, was passieren wird – wir auch nicht. Und genau das ist das Lustigste daran.

Was war »das Queerste«, was während einer Eurer Shows passiert ist?
Paulo: Also, ich habe mir bereits beide Füße verstaucht, einen herausgeschlagenen Zahn ausgespuckt, die Diskokugel eines Clubs solange malträtiert, bis sie mir auf den Kopf fiel. Ich habe Leute abspritzen sehen, wir spielten in einem Club, wo alle splitternackt waren. Ich erinnere mich an Leute, die sich küssten und liebkosten während unserer Shows, aber auch an welche, die sich kniffen und schlugen. Ich könnte stundenlang weitererzählen. Aber ehrlich, ich glaube, ich kann das alles am besten zusammenfassen, wenn ich sage, dass es das »Queerste« ist, wenn Du Deine Begehren zeigst, Dich vergnügst ohne Moral und ohne Schuld. Und dies kann ich mit Stolz sagen, geschieht praktisch bei allen unseren Shows. Manchmal viel, manchmal wenig, aber es passiert immer.

Wie verstehst Du denn queer eigentlich, so ganz persönlich?
Paulo: Für mich ist queer sein, so zu leben, wie es eine_n glücklich macht, ohne sich um Etiketten, Schubladen oder die Meinung der anderen zu sorgen. Viele von uns wachsen in einem sehr moralischen Umfeld auf. Zuhause, auf der Strasse, in der Schule hören wir Moralpredigten und es ist schwierig, dies nicht zu reproduzieren. Es ist schwierig, zu definieren und zu akzeptieren, was richtig und was falsch ist. Ich glaube, jede_r muss das für sich selbst beantworten. Die Leute wollen Dich immer in Schubladen stecken. Wenn Du geboren wirst zum Beispiel, bekommst Du einen Namen, den Du Dir nicht selbst ausgesucht hast. Was ist wenn mein Vater sagt, dass mein Name João ist, aber ich eher bevorzuge, mich Maria zu nennen? Ich glaube, queer kümmert sich nicht um diese Binaritäten »richtig oder falsch«, »Junge oder Mädchen«, »Mann oder Frau«, »Hetero oder Homo«.

Wie kommt Ihr zum Funk Carioca? Was mögt Ihr daran?
Wir wollten etwas machen, was bei einigen Leuten Spaß und Freude hervorruft, aber gleichzeitig auch unangenehm bis provozierend für viele ist. Ich glaube, dieses Bedürfnis, nicht von der Mehrheit gemocht zu werden, kommt zu recht mit der Tatsache, dass wir uns nie einschränken lassen wollen, von dem was die Mehrheit denkt und als »richtig« beurteilt. Funk Carioca drückt dies ganz hervorragend aus. Indem wir die Sprache des Funk Cariocas benutzen, sehen wir die Möglichkeit, Situationen, Verhaltensweisen und Gebräuche darzustellen und zu kritisieren, ganz ohne die Förmlichkeit, mit der üblicherweise diese Themen behandelt werden.

Wir seid Ihr zu Eurem Namen gekommen?
Unser Name ist eine große Wortspielerei. Wir wollten einen sozial weiblich konotierten Namen und wählten »Solange«, da er zum einen sehr populär ist hier in Brasilien und außerdem fanden wir ihn ganz lecker auszusprechen. Das »tô aberta« (ich bin offen) entstand durch einen Song der tollen Band Tetine »Betty Faria – Eu Tô Aberta«. Wir haben uns weggehauen, als wir den Song zum ersten mal hörten.

Wir habt Ihr Euch kennengelernt, wie ist die Band enstanden?
Wir haben uns 2006 in Salvador da Bahia kennengelernt und dann ziemlich bald die Band gegründet. Keiner von uns beiden ist jedoch in Salvador geboren. Letztes Jahr sind wir dann zusammen nach Rio de Janeiro gezogen. STA! entstand aus unserem Bedürfnis heraus, über Themen zu sprechen, die wir als wichtig empfinden. Wie Homophobie, Sexismus und Ausbeutung von Tieren zum Beispiel.

Wie seht Ihr die aktuelle Situation in Brasilien?
Ich kenne praktisch alle Gegenden Brasiliens und kann behaupten, dass Brasilien unglücklicherweise immer noch ein extrem machistisches, katholisches und uninformiertes Land voller Vorurteile ist. Es ist leider sehr gefährlich, hier zu leben, wenn Du Dich nicht dem heteronormativen Muster fügst und in der Öffentlichkeit offen dazu stehst, anstatt Dich als heterosexuell zu tarnen. Verschiedene Freund_innen von mir wurden bereits gewalttätig angegriffen und auch ich selbst wurde, als ich jünger war, von drei Typen so lange heftig verprügelt, bis mein Gesicht komplett entstellt war. Nur, weil ich geschminkt war.

Gibt es Gruppen oder Organisationen, die gegen Homophobie kämpfen?
Es gibt in Brasilien zwar viele NGO’s, Unterstützungsgruppen und Vereine, die sich um LGBTT-Rechte kümmern. Aber ich indentifiziere mich nicht so recht mit einigen Vorstellungen, die sie haben und Standpunkten, die sie vertreten. Und glücklicherweise gibt es immer noch einige Leute, die das so ähnlich wie ich sehen. Ich will nicht nur zum CSD oder an bestimmten Orten geschminkt sein und meine Kleider anziehen. Warum muss ich in meinen Sexualbeziehungen nur passiv oder nur aktiv sein? Ich will mich nicht entscheiden müssen, ob ich denn nun Mädels oder Jungs begehre. Ich will mich nicht darum sorgen, wie ich laufe, spreche oder was und wen ich beim Sex geil finde. Ich will nicht als »akzeptabel« gelten für die S C H E I S S-katholische Kirche. Bitte druckt das: Ich H A S S E die katholische Kirche und ich fühle bereits beim Hören des Wortes »Vatikan« einen großen Ekel! Fuck Katholizismus!
Glücklicherweise beobachte ich hier in Brasilien, dass immer mehr Leute eben diese Unzufriedenheiten und Infragestellungen teilen. Und das gibt Kraft und Stärke für Queer-Festivals, Veranstaltungen, Arbeitsgruppen, und Bands wie die unsere existieren weiter. Glaub mir Baby, eines Tages werden wir die Welt beherrschen! Hahaha …

Was meint Ihr, gibt es eine queere Szene in Brasilien?
Paulo: Ich erinnere mich, als wir angefangen haben, wusste quasi niemand was mit dem Wort »queer« anzufangen. Aber heute entstehen fast täglich neue Bands, Kollektive, Festivals. Und auch, obwohl es sich hierbei um einen sehr unabhängigen Kreis handelt, gibt es meiner Meinung nach etwas wie ein wachsendes queer movement hier in Brasilien. Es ist etwas sehr junges und in einer starken Ausbreitungsphase. Ich kenne und mag besonders zwei andere Bands, die dieselben Themen behandeln wie wir: Nerds Attack aus São Paulo und Teu Pai Ja Sabe? (Weiß es Dein Vater schon?) aus Curitiba.
Ich zweifle nicht daran, dass sich viele Personen queer identifizieren, aber nichts von einer solchen Bewegung wissen. Brasilien ist ein riesiges Land und die meisten queeren Sachen finden in einer sehr kleinen alternativen, unabhängigen Szene statt. Es gibt noch viele Schwierigkeiten, zum Beispiel gibt es keine regelmäßigen Veranstaltungen oder spezielle queere Orte. STA! hat dieses Underground-Universum bereits verlassen, um Räume zu besetzten, in denen bisher noch keine queeren Bands gespielt haben. An allen Orten, an denen wir bis jetzt waren, haben wir unsere Spuren hinterlassen! Und außerdem freue ich mich, sagen zu können, dass wir hier eine große Anzahl treuer und hungriger Fans haben. Sie sind eine sehr wichtige Unterstützung und helfen uns, diese queere Spur immer stärker und breiter durch das Land zu ziehen … aaaah, ich liebe das, das hört sich sehr gut an!

Pedro (schaltet sich zur letzten Frage noch in den Email-Verkehr ein): Grundsätzlich gibt es in Brasilien schon
verschiedenste Personen – Künstler und Gruppen, die sich mit Fragen zu Sexualität, Gender und Geschlecht befassen. Aber eher oberflächlich und weniger radikal als das, was ich mir unter »queer« vorstelle. Viele von ihnen haben das Wort noch nie gehört. Die »queere
Idee« steht in Brasilien meiner Ansicht nach noch sehr am Anfang. Ich glaube, der Hauptgrund ist aber eher ein pragmatischer, ein sprachlicher: Viele Queer-Theory-Texte und Information über das radical queer movement sind nicht ins Portugiesische übersetzt oder brauchen sehr lang, bis sie aus dem Englischen oder Spanischen übersetzt werden. Wir arbeiten dran.

Solange, Tô Aberta!
noch bis Anfang Juni auf Tour in Europa

Solanges Website
www.myspace.com/solangetoaberta

Queerfest São Paulo
www.myspace.com/queerfest

Espaço Impróprio,
Rua Dona Antonia de Queiroz 40, São Paulo

www.queerfiction.net
http://esquizotrans.wordpress.com
www.tetine.net
www.myspace.com/nerdsattackfast
www.myspace.com/teupaijasabe

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2 Responses to “Brasiliens Queer-Pioniere”

  1. Alex Mendes

    Olá, eu sou Alex Mendes, o fotógrafo da matéria do Solgane, To Aberta!

    Parabéns pela revista! Já está repecurtindo aqui no Brasil!

    Abraço!

  2. Marie leão

    Hi, und ich bin Marie Leão, DJ und Mitorganisatorin der Queer Park Party hier in Berlin, die zuletzt die Ehe hatte, STA! als tolles Act am 22.5 im West Germany (Klub) zu präsentieren.

    Tolles Interview! Und überhaupt Glückwünsche für “Hugs & Kisses”! Die Jungs haben von eurer Party erzhaelt. Einfach geil!

    Also dann, hugs & kisses,
    Marie


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