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18. May 2012

Queer und Kind: Ein Gespräch

Um sich darüber auszutauschen, wie Kind und Queer zusammen gedacht werden kann, wie ein queerer Alltag mit Kind aussieht und wie heteronormative, klassische Familienkonzepte aufgebrochen werden können, haben sich ein paar Queerlinge, die Eltern sind, zu einer Gesprächsrunde getroffen.

Steff, Marlen und Joke führen eine Dreierbeziehung und haben seit etwas über zwei Jahren ein Pflegekind, welches mittlerweile neun Jahre alt ist. Felix ist Vater vom dreijährigen Paul, lebt mit diesem in einer Wohngemeinschaft und teilt sich die Betreuung mit Pauls Mutter, die in einer anderen WG zuhause ist. Somit verbringt Paul die Hälfte der Woche bei seinem Vater und die andere Hälfte bei seiner Mutter.

In den meisten Familien gibt es Vater-Mutter-Kind(er). Bei Joke, Marlen und Steff sieht das alles vollkommen anders aus und stellt das traditionelle Familienkonzept auf den Kopf. Nicht viele Kinder können behaupten, dass sie zwei Mütter und einen Trans*vater haben. Mama und Papa hat ihr Kind in seiner Herkunftsfamilie, die drei nennt er seine Pflegeeltern oder manchmal auch „die Leute“. Da er mit vielen Vorstellungen zu den Dreien gestoßen ist und bereits ein gefestigtes Weltbild hatte, dem Joke, Marlen und Steff so gar nicht entsprechen, gab es anfängliche Verwirrungen. Steff musste nach einer Weile deutlich machen, dass sie gar kein Junge ist und auch die Dreier-Beziehung wurde erst nach einigen Gesprächen klar. Marlen erzählt dazu: „Ich hab‘ dann schon auch immer wieder gesagt, ich bin aber auch in Steff verliebt, das ist genau so wertvoll und wichtig. Er ist gar nicht auf die Idee gekommen, dass das auch anders sein könnte, als das, was er so im Kopf hatte.“ Dadurch, dass Joke trans* ist und dem Kind altersgerecht erklärt hat, was das bedeutet, und es viele Trans*menschen im Freund_innenkreis gibt, ist es für das Kind mittlerweile normal. „Er ist jetzt sehr trans*aware“, findet Joke. „Und sogar mehr als viele Erwachsene“, ergänzt Steff.

Natürlich werden Kinder aber nicht nur von ihren Eltern beeinflusst, sondern auch von ihrem Umfeld. Für Felix ist die Kita zu einem Ort geworden, an dem ihm bewusst gemacht wird, dass sein Kind in nicht ganz üblichen Verhältnissen lebt. „Neulich hat Paul in der Kita erzählt, dass er nach Afrika ziehen möchte und wen er alles mitnehmen will. Da hat er dann gleich mal aufgedeckt, wer bei Mama und Papa grad aktuell ist und dass Sachen wohl anders laufen als in anderen Familien“, erzählt er. Solche Einblicke in die eigene Beziehungswelt werden in der Kita dann natürlich zum Gesprächsthema. Wechselnde Partner_innen und auch dass Mama und Papa nicht in einander verliebt sind und sich trotzdem gerne haben, sind Dinge, die sie ihrem Kind erklären müssen. Um mit der traditionellen Familienkonstellation Mama-Papa-Kind zu brechen, hat Paul schon seit Geburt viele verschiedene Bezugspersonen, was schon alleine daher rührt, dass er in zwei WGs groß wird und seine Wochenenden oft bei den Großeltern verbringt. Eine totale Fixierung auf sich wollte Felix nie, auch um sich nicht plötzlich in der starren Kleinfamilie wieder zu finden. Dass das Gefühl aufkommt, man fällt in konservative Elternrollen, passiert Joke, Marlen und Steff nicht. „Der Familienbegriff kann durchaus queer erweitert werden“, sagt Joke dazu, „weil es bei Familie dann ja doch um Wahlverwandtschaft geht.“ Alle sind sich einig, dass es schön ist, den mit Normen besetzten Begriff Familie zu benutzen, aber anders zu füllen.

Was ist denn jetzt eigentlich anders, wenn queere Menschen Kinder großziehen? Felix versucht, seinem Kind nicht anzuerziehen, dass er ein Junge ist. „Einmal hat jemand Paul auf der Straße gefragt, ob er ein Mädchen oder Junge sei und er antwortete nur: ‚Ich bin Paul.‘“ Dagegen anzukämpfen, dass Leute dem eigenen Kind feste Rollen zuschreiben, weil er als Junge gelesen wird und gesellschaftlich auch als solcher groß wird, ist anstrengend. Deshalb versucht Felix, Paul gendersensible Sprache nahe zu legen. Da wird aus dem „Schneemann“ ein „Schneemensch“ und heteronormative Kinderbücher werden dann mit vertauschten Rollen vorgelesen. Bei Steff, Marlen und Joke geht es nicht darum, die Geschlechterrolle für ihr Kind offenzuhalten. Ihr Kind ist ein Junge und schon in dieser Rolle gefestigt. Joke: „Ich merke, dass ich Wert darauf lege, das Normierte daraus zu nehmen. Ich unterstütze nicht ‚Jungs machen das, Mädchen machen das‘, sondern steuere dagegen an und sage ihm, dass er alles machen kann und dass es total okay ist, Sachen zu machen, von denen Leute sagen, das machen nur Mädchen.“ Auch Felix macht sich immer wieder bewusst, dass sein Kind als Junge aufwachsen wird und er ihm das nicht absprechen kann oder will. Deshalb versucht er, das Junge sein nicht schon zu füllen. „Ja, du bist wohl ein Junge, aber das heißt auch nicht viel“, will er seinem Kind mitgeben. Steff findet es wichtig, ihr Kind in Richtung Ungerechtigkeiten zu sensibilisieren und aufzuzeigen, dass es unfair ist, wenn Mädchen bestimmte Sachen nicht machen dürfen oder ihnen die Zugänge erschwert werden. „Ein Kind ohne Geschlechtsidentität großzuziehen ist praktisch gesehen sehr schwierig“, merkt Steff an und erklärt, dass sie ihrem Pflegekind dann lieber immer wieder aufzeigt, dass er trotz „festen“ Geschlechts alles machen kann und er sich keine Grenzen setzen muss. Auch das Spielen mit festgelegten Rollen ist sehr wichtig, finden alle. Auch wenn es einem vielleicht platt vorkommt, wird dann drüber nachgedacht, die Spielküche in Papas und die kleine Werkstatt in Mamas Wohnung zu stellen, erzählt Felix. Auch wie man als Eltern gelesen wird, ist etwas, womit man immer wieder brechen muss. Noch immer wird der Vater, der sich um sein Kind kümmert, in den Himmel gelobt und die Mutter als Selbstverständlichkeit gesehen. Dem entgegen zu wirken, war Felix immer wichtig. „Ich hab‘ gar keinen Bock drauf, dafür gelobt zu werden, dass ich mich um mein Kind kümmere und ihn zum Beispiel früher gewickelt habe. Ist doch klar, dass wir uns das teilen.“ Auch Joke, Marlen und Steff kümmern sich zu gleichen Teilen um ihr Pflegekind, obwohl Steff nicht in derselben Wohnung lebt. Auch hier wird wieder deutlich, dass es durchaus Alternativen zur klassischen Familie gibt. Warum müssen Elternteile unbedingt zusammen leben? Und wie sieht’s eigentlich mit Heiraten aus, als Grundlage der heterosexuellen, bürgerlichen Kleinfamilie? An dem Thema kommt wohl niemand vorbei. Schon in der Kita wird Kindern spielerisch vermittelt, dass Menschen nun mal irgendwann heiraten. Marlen erzählte dazu: „Es gab so ‘ne Phase, da war Heiraten voll das Thema. Und es war dann schon so, dass ich ihm dann regelmäßig erklärt habe, dass es nicht das Nonplusultra ist zu heiraten und dass es nicht das ist, was alle wollen. Ich sag‘ dann immer, wen soll ich denn heiraten? Irgendjemand wär‘ doch dann traurig, das wär‘ doch blöd.“ Auch Themen wie Ethnizität, Behinderung und Sexualität haben die drei Pflegeeltern schon mit ihrem Kind besprochen und finden es wichtig, mit ihm im Austausch zu stehen.

Bei all den vielen Gedanken, die die Eltern sich darüber machen, wie sie ihrem Kind gewisse Werte mitgeben können, hinterfragen beide Elternpartien auch hin und wieder, wie sie und ihre Lebensweise auf ihr Kind wirken und was für Spuren das hinterlässt. Das rührt sicherlich auch daher, dass von außen oft besonders kritisch auf die eigenen Erziehungsmethoden geguckt wird, wenn Dinge anders laufen, als in der bürgerlichen Kleinfamilie. Marlen, Steff und Joke sind sich ziemlich sicher, dass es auf ihre Beziehungskonstellation zurückfallen würde, wenn etwas nicht gut laufen würde. „Ich glaube, es ist immer wichtig, sich vor Augen zu führen, mit was für Normen man eigentlich gemessen wird oder welche man selber im Kopf stecken hat. Da gibt’s die heterosexuelle, bürgerliche Kleinfamilie, in der einfach nachweislich so viel Mist passiert und eigentlich ist es doch total absurd, sich daran zu messen. Irgendwie ist’s aber so, dass das gesunde Aufwachsen eines Kindes darin stattfindet und alles andere muss verstörend sein“, sagt Steff. Sich und die eigene Lebensweise vor anderen rechtfertigen zu müssen, nervt. Wenn das Pflegekind dann aber mal fallen lässt, dass es Feminist ist, wissen alle, dass es die Mühe wert ist.
Auch was man Kindern zum Lesen geben, beziehungsweise ihnen vorlesen kann, wurde diskutiert. Da es leider nur sehr wenige Kinderbücher gibt, die nicht heteronormativ, sexistisch und rassistisch sind, ist es, wie bereits erwähnt, für Felix eine bewährte Methode, die ein oder andere Textstelle beim Vorlesen zu verändern. Joke erzählt dazu, dass bei einem Leseprojekt seines Pflegekindes die rassistische Geschichte Robinson Crusoe behandelt wurde und er diese dann zum Anlass nahm, mit dem Kind über Rassismus und Kolonialgeschichte zu sprechen. Steff erzählt, dass sie gar nicht immer so viel Wert darauf legt, dass es Geschichten sind, die sich kritisch mit dem Thema Geschlecht auseinandersetzen, sondern eher darauf achtet, wie darin mit Anderssein umgegangen wird und wie sich die Figuren gegenseitig sein lassen und unterstützen können. „Und auch, dass Familie einfach da sein kann, wo man sich wohlfühlt“, ergänzt Steff. „Die Konstellation, in der wir sind, ist so unique, das ist medial gar nicht abbildbar. Mir geht es dann eher um so ein Umgehen mit Anderssein und ich hab‘ den Ansatz, ihm etwas möglichst pluralistisches mitzugeben. Dass eben viel geht. Auch immer mit so einem Grundsatz, sei nicht scheiße zu anderen, urteile nicht über andere, du bist nichts Besseres und nichts Schlechteres“, trägt Marlen zu der Diskussion bei. Da es nicht viele gute Kinderbücher gibt, ist sie dankbar, wenn sie etwas findet, was ein Grundweltbild vermittelt, das sie teilen kann. Und natürlich beziehen Kinder nicht nur von ihren (Pflege-)Eltern Informationen und Wissen, sondern auch vom restlichen Umfeld. Joke findet tröstende Worte dafür, dass Kinder dann manchmal auch mit sexistischen oder rassistischen Medien konfrontiert werden: „Ich hab‘ auch nicht bei queeren Eltern gelebt – und aus mir ist trotzdem was geworden.“

Queere Eltern sind leider auch heute noch nicht in Massen zu finden. „Es gibt Strukturen, die verhindern wollen, dass queere Menschen einfach so mit Kindern zusammen leben können, so eine anerkannte Elternposition haben können, aber das bedeutet ja nicht, dass Queers an sich mit Kindern nichts zu tun haben wollen. Das hängt von Typen, Charakteren und Lebensplanung ab, aber ich glaube erst einmal nicht davon, ob sie sich queer verorten oder nicht“, sagt Steff. „Bei uns ist es vielleicht auch ein Altersaspekt, da ist Elternsein noch kein Thema“, entgegnet Felix. „Wenn es bei Gesprächen so Richtung Kinder geht, gibt es oft eine totale Abwehrhaltung. Und mit Kind in ein linkes, queeres Wohnprojekt zu ziehen, ist auch nicht gerade einfach. Da treffen manchmal Lebenswelten aufeinander, die nicht miteinander gehen.“ Es ist wichtig, Reproduktion, Zweigeschlechtlichkeit und klassische Familienkonzepte zu kritisieren, aber es muss auch gesehen werden, dass dies auch möglich ist, wenn man selber Kinder hat, auf welchem Wege man auch immer zu ihnen gekommen ist. „Natürlich ist die Range, wie man mit Kindern zusammen leben kann, riesig“, findet Joke und kann trotzdem nachvollziehen, wenn Queers nichts mit Kindern anfangen können oder sich ihnen bewusst verwehren. Nicht selten sind die Bindungen von Queers zur Herkunftsfamilie auch nicht die besten, weshalb eine Ablehnung von solchen Strukturen auch nochmal mehr verständlich ist. Und natürlich ist die Verweigerung von Reproduktionsansprüchen auch politische Praxis und sollte auch als solche angenommen werden. Aber es gibt definitiv auch einen queeren Lifestyle, der primär ohne Kinder stattfindet. „Ich finde es wichtig, dass es das gibt“, sagt Joke und meint trotzdem: „Queers sind ein total guter Umgang für Kinder.“

Also, klar geht Queer und Kind zusammen! Je mehr queere Menschen Kinder großziehen, umso mehr Kinder wachsen heran, die nicht in eine heteronormative Welt gepresst werden. Schon Kleinigkeiten können Sicht- und Denkweisen von Kindern beeinflussen. Aus „In welches Mädchen bist du denn verliebt?“ wird dann „In welches Kind bist du denn verliebt?“, ohne hinten dran zu hängen, dass man auch in Jungs verliebt sein darf, wenn man selber einer ist. Und schon ist es für das Kind normal, sich in alle Menschen verlieben zu können. Dass solche Blickwinkel dann von der Kita, dem schulischen Umfeld oder Freund_innen irgendwann zerstört werden, ist manchmal schmerzhaft und anstrengend. Aber wenn man mit seinen Kindern kommuniziert, gibt es trotzdem noch die Hoffnung, dass viele kleine Menschen heranwachsen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen und sich gegenseitig mit Respekt behandeln.

Text: Anne Dordowski, Fotos: Frederique Defossez (2) und Karin Hahn (1)

Erschienen in Ausgabe 9.

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One Response to “Queer und Kind: Ein Gespräch”

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