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5. May 2012

“Es gibt immer Lücken” – Interview mit Stadtforscherin Yvonne P. Doderer

Queers schreiben sich in die Städte ein, sie betreiben Bars, planen Wohnprojekte mit alternativen Grundrissen oder verschönern Straßenecken.
Wie eine Stadt verqueert werden kann und wo die Stadt als rentable Kapitalanlage herausfordert, erzählt die Stadtforscherin Yvonne P. Doderer im Interview.



Auf der Suche nach queeren und auch utopischen Architekturen, jenseits von Phallus- und Kugelformen, stellte ich fest, dass queer verstärkt mit Raumnutzung und Stadtentwicklung gedacht wird. Warum?

Können und sollten wir bereits von einer „queeren Architektur“ sprechen? Dies erinnert mich an frühere Diskussionen um Frauenarchitektur, die „frauenfreundliche“ Stadt oder an die Frage, ob Architektinnen anders als ihre männlichen Kollegen bauen. Dies führte nur teilweise weiter, denn hinter dem Begriff „Frauen“ verbergen sich weitere Differenzen. Eine alleinlebende oder alleinerziehende Frau mit geringem Einkommen steht anders auf dem Wohnungsmarkt da als eine Frau, die mit einem Mann mit gutem Einkommen verheiratet ist.

Inwiefern spielt das Geschlecht eine Rolle in der Stadt?

Eine feministische Kritik an bestehender Architekturproduktion, an Stadtplanung und Stadtentwicklung ist auch heute notwendig und dies gilt auch für eine Kritik aus queerer Perspektive. Während die feministische Kritik eine Anerkennung des Alltagslebens im Sinne einer „Stadt der kurzen Wege“, einer Vernetzung der Funktionen und eine Entschleunigung des Verkehrs, eine Erleichterung der von Frauen geleisteten reproduktiven Arbeit sowie eine höhere Sicherheit für Frauen im öffentlichen Raum fordert, liegt der Schwerpunkt der queeren Kritik auf der Frage nach Heteronormativität und ihren Folgen für queere Subjekte. Also auf ihren gegenläufigen Strategien der Raumaneignung und Raumnutzung.

Der Bezug auf Henri Lefebvres Arbeit wie „La Production de l’espace“ bestimmt deine Überlegungen mit. Wie wird Raum produziert?

Der erste Raum mit dem wir es zu tun haben, ist der Körper – und damit gehen Fragen von Geschlecht, Identität, Sexualität, Unversehrtheit, Krankheit/Gesundheit oder Alter einher. Das heißt, Raum wird in erster Linie gesellschaftlich produziert. Die Raumfrage ist eine Machtfrage und es genügt eben nicht, bei Gebäuden allein nach deren äußerer Gestaltung, nach Farben, Formen und Funktionen zu fragen. Genauso wichtig ist es, nach Produktions-, Rechts- und Besitzverhältnissen zu fragen, wie: Unter welchen Voraussetzungen wird der (gebaute) Raum produziert? Wem gehört der Raum? Wer hat Zugang zu diesem Raum und wer wird ausgeschlossen? Es ist eben ein Unterschied, ob es sich bei einem gebauten Raum um einen öffentlichen oder privaten Raum handelt.

In diesem Zusammenhang sprichst du von „urbaner Aufrüstung“?

Heutige Architektur und Stadtplanung werden nahezu ausschließlich von Investoren, von Fondsgesellschaften, Banken oder von privatisierten Staatsunternehmen betrieben. Weniger die Interessen unterschiedlicher Gruppen von Stadtbewohner_innen und Communities zählen, sondern schlicht und ergreifend eine rein profitorientierte Verwertung der Ressource Fläche und (urbaner) Raum. Neu sind die Geschwindigkeit und Intensität, mit denen dies betrieben wird. Dazu muss man sich auch bewusst machen, dass Fläche und Raum eine begrenzte und lagenabhängige Ressource darstellt. In Städten wie Hamburg, Berlin, Frankfurt oder Stuttgart sind die Immobilien- und Mietpreise in den letzten Jahren stark gestiegen und besonders in den Innenstädten wird es immer schwieriger, eine Wohnung zu finden. Finanziell schwächere Einwohner_innengruppen werden sukzessive verdrängt. Dies betrifft insbesondere auch queere Personen, die auf eigenständige Wohnmöglichkeiten, auf Vernetzungs- und Beziehungssysteme basierend auf „freiwilliger Verwandtschaft“, wie es Judith Butler formuliert hat, angewiesen sind. Wir haben hier tatsächlich etwas zu verteidigen, nämlich das Recht auf Stadt und auf erschwinglichen Wohnraum.

Keine guten Aussichten?

Sicherlich gibt es zumindest für diejenigen, die es sich leisten können, heute Varianten. Beliebt ist ja inzwischen die Kochinsel inmitten eines großzügigen Essbereichs, wo der Hausherr dann am Wochenende seine Kochkünste vorführen kann oder das repräsentative Single-Apartment. Aber die überwiegende Zahl an Neubauten orientiert sich immer noch an der heteronormativen Raumaufteilung: großes Wohnzimmer, Schlafzimmer mit Doppelbett, Kinderzimmer und eine Küche, in der meist nur eine Person tätig sein kann. Solche Grundrisse fördern nicht gerade queeres Zusammenleben. Ohne eine Auflösung des heteronormativen und geschlechterkategorialen Korsetts, das unser Leben nach wie vor bestimmt, ist eine „andere Stadt“ nicht zu haben.

Wie verändern queere Körper die Stadt?

Queere Praktiken überschreiten vermeintlich stabile körperliche Geschlechterordnungen und befinden sich mit den sie umgebenden Räumen in einem wechselseitigen Verhältnis. Daraus entsteht die Möglichkeit des Widerstands für die einzelnen Subjekte und mehr noch, wenn es diesen gelingt, kollektive und gemeinschaftliche Zusammenhänge zu schaffen. Beispiele hierfür gibt es ja viele. Angefangen von widerspenstigen Raumnutzungen Einzelner, über die Schaffung einer städtischen Frauenprojektekultur und queerer Räume bis hin zur Formierung von Widerstandsbewegungen gegen Abriss und Stadtumbau, gegen überflüssige Infrastruktur- und Real Estate-Projekte wie Stuttgart 21. Stadtentwicklung geht immer auch mit einer Geschichte von Emanzipations- und Widerstandsbewegungen einher.

Stadt und lgbtqi-Bewegung hängen für dich zusammen, ihre Kämpfe schreiben sich in die Städte ein – von „cruising areas“ über Bars zu Beratungsstellen. Zugleich konstatierst du eine Verschiebung in den virtuellen Raum. Wie ist es um die Sichtbarkeit der Bewegung bestellt?

Als ich 2011 zu einem von Aktivist_innen veranstalteten „Recht auf Stadt“ Kongress in Hamburg eingeladen war, war ich doch ziemlich überrascht, dass hier dieselben Themen diskutiert wurden wie bereits in den 80er Jahren: Anmache von Frauen auf der Straße und sexualisierte Übergriffe in öffentlichen und privaten Räumen. Es war wohl meine Wunschvorstellung, dass diese Themen nicht mehr in dieser Schärfe relevant sind. Sicherlich haben sich Geschlechterverhältnisse verändert, vor allem im sozialen Umgang ebenso wie durch Neue Medien. Als Schwuler brauche ich eben nicht mehr die Klappe oder den Park, um Sex zu haben, sondern ich verabrede mich per Internet. Für Lesben ist dies dann schon schwieriger, denn für Lesben waren ausgesprochen öffentliche Räume wie Parks ja keine Option, eher noch Bars, Discos und Cafés. Wenn gerade solche sozialen und vor allem nicht-kommerziellen Räume für Queers wegfallen, sehe ich das sehr wohl als ein Problem an.

Die Frauenbewegung hat viele Räume in der Stadt erobert und diese selbstverwaltet, später auch städtisch finanziert, betrieben. Viele der Projekte und Strukturen sind in den letzten Jahren weggebrochen, vielfach weggespart worden. Neue Räume stehen heute vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Was heißt das für eine queere Szene? Wer kann sich diese Art queeren Lebens leisten?

Ja, in der Tat hat sich die Frauen- und Lesbenprojekteszene inzwischen deutlich verändert. Dies hat auch inhaltliche Gründe. Frau und/oder Lesbe sein genügte eben nur begrenzt als einziger gemeinsamer Nenner. Die Projektekultur differenzierte sich aus und vervielfältigte sich, es entwickelten sich neue Formate wie die Ladyfeste. Für alle, die sich nicht-rassistisch und nicht-sexistisch zu benehmen wissen, sind sie offen. Von der Vielfalt an Projekten wie sie noch bis Ende der 90er Jahre in den großen Städten zu finden waren, sind vor allem die übrig, die überwiegend im sozialen Feld arbeiten oder jene selbstfinanzierten Projekte, die auf einen Kreis von verlässlichen Unterstützerinnen zurückgreifen können. Selbstbestimmte Räume zu schaffen und aufzubauen, ist kein leichtes Unternehmen, zumal wenn es sich um nachgefragte Städte mit hohen Mietpreisen handelt. In der Metropole Paris zum Beispiel existiert im Vergleich zu ihrer Einwohner_innenzahl nur eine verschwindend geringe Zahl an queeren selbstorganisierten und nicht-kommerziellen Räumen. In Berlin sieht es schon besser aus, allerdings hat sich in den letzten Jahren der Druck im Immobilienmarkt deutlich erhöht. Das macht es für selbstorganisierte queere Gruppen und Initiativen wesentlich schwerer, sich in erreichbaren Räumen und Räumlichkeiten anzusiedeln und damit auch als Community in der Stadt sichtbar zu werden. Hier wie in vielen anderen Großstädten ist eine, wie ich es nenne, „Homogenisierung durch Ökonomisierung“ unübersehbar. Doch glücklicherweise gibt es – auch als Kennzeichen von Stadt – immer Lücken und nichtbeachtete oder nichtdefinierte Ecken und Räume, die dann queer angeeignet werden können.

Die Bewegung „Recht auf Stadt“ ist vielerorts aktiv. Wie kann ein Recht auf eine queere Stadt aussehen?

Der Begriff „Recht auf Stadt“ verweist ja auf zweierlei: einmal auf die Forderung nach Erfüllung des Rechts auf ein menschenwürdiges Leben, auf ein Dach über dem Kopf, auf Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen wie sauberes Wasser, Nahrung, bezahlte Arbeit und Zugang zu Bildung und Kultur. Für viele Menschen auf diesem Planeten sind ja solche Lebensumstände gar nicht oder nur eingeschränkt und unter großen Mühen gegeben. Zum anderen verweist der Begriff „Recht auf Stadt“ auf die Forderung nach nicht entfremdetem und selbstbestimmtem Leben in der Stadt. Wie sich ein solches Leben gestalten lässt, ist eine Frage der gegenseitigen Anerkennung und Aushandlung. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Was eine queere Stadt ausmacht, muss jede_r erst einmal selbst überlegen und zusammen mit anderen diskutieren. Ich möchte ungern die Komplexität von Stadt und städtischem Leben auf ein einziges Adjektiv herunterbrechen. Was wir brauchen, ist eine Stadt, die ein Leben jenseits von gesellschaftlichen Kategorien und Normen ermöglicht.

Yvonne P. Doderer ist freie Architektin/Stadtforscherin, Professor_in für Cultural Studies mit Schwerpunkt Geschlechterforschung an der FH Düsseldorf und betreibt das „Büro für transdisziplinäre Forschung und Kulturproduktion“ in Stuttgart. Autorin von „Doing Beyond Gender. Interviews zu Positionen und Praxen in Kunst, Kultur und Medien“ (Münster 2008) und von „Urbane Praktiken. Strategien und Raumproduktionen feministischer Frauenöffentlichkeit“ (Münster 2001).

Interview: Kendra Eckhorst

Erschienen in Ausgabe 9.

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One Response to ““Es gibt immer Lücken” – Interview mit Stadtforscherin Yvonne P. Doderer”

  1. QWIEN » Zeitschriftenschau: Hugs and Kisses

    [...] Homo Riot, ein Gespräch mit der Stadtforscherin und Kulturwissenschaftlerin Yvonne P. Doderer (online) wird ergänzt von praktischer historischer Forschung über eine Hamburger Frauenkneipe oder mit [...]

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