Stories

15. October 2009

The Chubsters

von Ines Voigts, Gesine Claus und Nina Schulz

London im März 2008. Wir besuchen das “London Lesbian & Gay Film Festival”, und als Erstes springt uns eine Gang an einem kleinen Tisch in die Augen. Charlotte “The Beefer” Cooper steht dort und akquiriert neue Bandenmitglieder. Gespannt warten wir auf das sich anschließende Screening “The Invasion of the Chubsters”, welches von ihr präsentiert wird.

The Chubsters, Foto: Christa Holka

The Chubsters, Foto: Christa Holka

“Chubster” wird übersetzt als jemand, der stolz ist, nicht den dünnen Körpernormen zu entsprechen. Cooper ist Journalistin, Autorin, Aktivistin und Akademikerin. Seit Jahren arbeitet sie zu Fat Politics und ist in mehreren Do-it-yourself-Projekten aktiv. Ihr Buch “Fat and Proud: The Politics of Size” erschien 1998, außerdem betreibt sie einen Blog und hat mehrere Kunst- und Aktionsgruppen. In London ist sie zu Gast mit ihrer Gang. Die Chubsters haben sich die eigentlich negative Bezeichnung chubby (=pummelig) angeeignet und sie positiv und radikal für sich umgedeutet. Wir kommen in den Genuss von queeren Kurzfilmen und Infos über Gruppen und Aktivist_innen, die es müde sind, sich dem Diätwahn zu beugen, und keine Lust haben, sich dem normierten Körperbild zu ergeben. Wir sind total euphorisiert und wollen die Chubsters nach Hamburg holen. “The Beefer” ist begeistert und hat ihre Gang schon zusammengetrommelt. Was wird uns erwarten?

Hey Charlotte, erzähl uns ein bisschen über euer Chubster-Gang- Project! Was für eine Gang seid ihr? Verbreitet ihr Angst und Schrecken?

Die Chubsters sind eine Girl Gang: voller Laster, fett und queer. Aber eine_r muss nicht fett, queer, ein Girl oder besonders lasterhaft sein, um bei uns mitzumachen. Es geht um die Einstellung. Ich bin Chef der Gang. Einige von uns sind furchterregend, einige sanftmütig oder angriffslustig. Unsere Verachtung für Fettphobie und unsere Liebe zum Freaksein eint uns und macht uns stark. Fette Menschen und Menschen in allen Formaten sollten sich das zu eigen machen. Uns gibt es seit circa fünf Jahren und wir haben ungefähr 100 begeisterte, eingeschriebene Mitglieder und viele Fans. Seit Kurzem sind die Chubsters eine Art Sammelbecken für verschiedene Projekte, zum Beispiel für das Filmprogramm des British Film Institute, Musik- und anderen Veranstaltungen, sogar für Steinmetzarbeiten. Anfang Oktober sind wir Mitorganisator_innen des “The Fat of the Land”, ein queeres Chub- Erntedankfestival in London. Das wird eine perverse Punk-Parodie der traditionellen Erntedankfestivals im Stil der Strohpuppe, inklusive Performances und Marmeladen- Probieren.

Charlotte zeigt den Donut-Gruß. Foto: privat

Charlotte zeigt den Donut-Gruß. Foto: privat

Eure Markenzeichen sind ja euer Badges “das schreiende C” und der Donut-Gruß (siehe Foto), der seit London fleißig geübt wird. Worum geht es dabei?

Gut recherchiert! Die beiden Markenzeichen haben wir während eines Chubster-Gang-Treffens in New Jersey 2004 erfunden. Jede Gang braucht ein bedrohliches Symbol, das als Graffitti oder Tattoo auf irgendwelche Oberflächen aufgetragen werden kann. Und jede Gang braucht ein toughes Handzeichen. Das C steht für Chubster und ist mit vor Blut triefenden Zähnen und einer durchgedrehten Augenbewegung garniert. Der Donut ist ein wichtiges Symbol, weil Donuts lecker sind. Beide müssen mit einem spöttischen Lächeln aufgeführt werden. Komischerweise habe ich vor einigen Wochen das Supermodell Kate Moss getroffen und ihr beigebracht, wie die Donut- Hände gehen. Sie war begeistert.

Warum habt ihr die Chubster- Gang gegründet?

Ich habe Katrina Del Mars fantastischen Film “Gang Girls 2000″ gesehen. Das hat mich inspiriert, meine eigene Gang ins Leben zu rufen, nur mit mehr fetten Menschen. Mir ging es darum, einen Haufen von angesagten, gemeinen, toughen, humorvollen, großartigen und kriminell gesinnten, fetten Menschen zu haben, die mich in jeder Situation unterstützen würden. Ich hatte anfänglich Fantasien, aktivistische Dinge auf die Beine zu stellen. Aber in meinen Überlegungen, was gehen könnte, war ich relativ beschränkt. Was wir jetzt machen, ist ein viel größerer Spaß. Fette Menschen müssen oft mit Belästigungen auf der Straße und Anstarren fertig werden. Aggressiv zurückzustarren und zu zeigen, dass wir tough sind und uns wehren können, gefällt mir. Außerdem mag ich die Idee, das Vorurteil der vergnügten, fetten Person zu unterlaufen. Wir sind natürlich auch witzig, aber wir verwenden einen Humor, der verunsichernd und unbequem sein kann – für die Menschen, die fettphobisch sind. Und dann gibt meine Freundin Kira Jolliffe ein Magazin heraus, das “Cheap Date” (Billiges Date) heißt. Sie sagte, wenn ich eine Gang ins Leben riefe, würde sie eine Fotogeschichte drucken. Wie hätte ich da Nein sagen können? Ich habe einige Freund_innen überzeugt mitzumachen, wir haben uns unmögliche Namen und Biografien ausgedacht, ich habe eine Website entworfen, später haben meine Freundin und ich einige Workshops angeboten, Leute animiert, und so fing das Ganze an.

Ist es euch wichtig, euer Projekt auch als Teil queerer Kultur und Politik zu sehen?

Das ist sehr wichtig. Queere Kultur, Politik, Geschichte und Theorie haben mir die Möglichkeit eröffnet, mich selbst und meine verschiedenen Communities zu verstehen, in einer Art, die komplett relevant für fette Themen ist. Das beinhaltet Ideen der Normüberschreitung, Erschaffung eigener kultureller Artefakte, der Wiederaneignung unterdrückerischer Sprache, der bewussten Community, von Sex, eines subversiven und humorvollen Aktivismus, von Punk und Do-it-yourself (DIY). Ich respektiere radikale queere und trans Wegbereiter_innen. Von denen sind einige auch Teil der Bewegung für die Rechte von Fetten. Diese Menschen haben mir als junger, fetter, queerer Person das Leben gerettet. Jetzt, wo ich älter werde, inspirieren sie mich weiterhin. Aber ich bin keine Separatistin. Die Chubsters sind für alle offen, egal wie queer oder eben nicht queer du bist.

Welche Fett-Aktivist_innen haben dich am meisten beeindruckt?

“The Fat Underground”, eine Gruppe Frauen, inklusive einiger Lesben, die in den USA seit Mitte der 70er-Jahre für zehn Jahre aktiv waren. Sie waren die ersten, die “politics of fat” etabliert haben. Außerdem liebe ich Lew Louderback, der 1970 das aufwieglerische Buch “Fat Power” veröffentlicht hat. Das ist zwar veraltet, aber immer noch extrem relevant. Vor Kurzem habe ich ihn in New York getroffen. Die Lesben, die Mitte der 90er das “FaT GiRL”- Zine in San Francisco produziert haben, sind Freundinnen und Heldinnen für mich. Sie waren so wild und gesetzlos, so kreativ und organisiert. Ich liebe die Arbeit, die heute einige leisten, wie Corinna Tomrley. Sie hat gerade ein Buch mit dem Titel “Fat Studies in the UK” mit herausgegeben. Sondra Solovay leistet beeindruckende juristische Arbeit in den USA und ist dort maßgeblich an der Entwicklung der Anti- Diskriminierungs-Gesetzgebung beteiligt. Substantia Jones hat eine brilliante Fotoserie namens “The Adipositivity Project” entwickelt. Kelli Dunham ist diese großartige Butch, die im Bereich der medizinischen Selbsthilfe arbeitet. Das sind nur einige.

Mit welchen anderen Gruppen und Aktivistinnen steht ihr in Kontakt und mit wem würdet ihr gerne mal zusammenarbeiten?

NOLOSE, die US-basierte Organisation für fette Lesben und Queers, hat sich wirklich für die Chubsters eingesetzt, uns Plattformen für Workshops geboten und uns gefördert. In London existiert eine unterstützende queere/trans Community, die daran interessiert zu sein scheint, Überschneidungen und Intersektionen zwischen fetten und trans Identitäten und Verkörperungen zu entwickeln. Entfesselt es, sag’ ich nur! Außerdem entsteht eine “Health At Every Size”-Community in Großbritannien, die im Gegensatz zu einigen Anti-Diät-Initiativen der Vergangenheit daran interessiert ist, Verbindungen mit einem Fett-Aktivismus zu schaffen, inklusive der Chubsters. Mein Traum für eine Zusammenarbeit wäre, Chubster-Dinge mit älteren, radikalen Fetten auf die Beine zu stellen. Vielleicht denen, die in den Anfängen der Fett-Befreiungsbewegung aktiv waren. Ein Tanz-Projekt wäre auch toll. Oder etwas, das wirklich transkulturell ist und fette Anliegen aus seiner weißen, westlichen Zwangsjacke herausholt.

Du beschäftigst dich ja auch mit der Darstellung von Chubsters im Film. Hast du einen Lieblings- Charakter?

Was die komplexe Darstellung einer fetten Identität angeht, ist Percy Adlons Zusammenarbeit mit Marianne Sägebrecht in den 80ern wirklich schwer zu schlagen. Diese Filme scheinen in Vergessenheit geraten zu sein, zumindest in Großbritannien, was furchtbar schade ist. Ich würde gerne nochmal “Zuckerbaby ” sehen. Eine Erwähnung verdient haben John Waters Arbeiten mit Divine und Edie Massey, von denen alle wundervolle Freaks sind. Darlene Cates, als Mutter in “What’s Eating Gilbert Grape?”, ist schon eine tragische Figur. Nichtsdestotrotz freut es mich immer wieder, wenn ich eine_n superfette_n Schauspieler_in auf dem Bildschirm sehe. Das ist ein seltener Anblick.

Foto: Substantia Jones

Foto: Substantia Jones

Einige von eurer Gang kommen im Oktober nach Hamburg, um dort im Rahmen der Lesbisch Schwulen Filmtage eine Art Workshop/Gangmeeting zu machen. Worauf freust du dich am meisten in Hamburg?

Fantastische, humorvolle, brilliante fette und queere Menschen zu treffen und reizende Filme zu sehen. Auf den Sinnesangriff der Reeperbahn; köstliches deutsches Brot und Kuchen und die Möglichkeit, vegetarisches Schnitzel und Knödel zu essen; in schönen Schwimmbädern herumzudümpeln (Tipps sind erwünscht); mich mit Tetesept-Bad- Produkten einzudecken, die besten der Welt, wenn ihr mich fragt; flauschige Bettdecken, vielleicht Fahrrad fahren, mit meinen Liebsten zu sein. Und am 26. Oktober habe ich auch Geburtstag.

Mehr Infos zu den Chubsters:
www.chubstergang.com
www.charlottecooper.net
beefergrrl@hotmail.com

Infos zu dem Queer Chub Festival “The Fat of the Land”: www.queerchub.blogspot.com

Fat Blog von Charlotte Cooper www.obesitytimebomb.blogspot.com
Gruppen: NOLOSE www.nolose.org
FAT FEMME MAFIA www.myspace.com/fatfemmemafia

Die Chubsters bei den 20. Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg B-Movie, 24.10.2009 um 20.15 Uhr
Karten über Vorverkauf www.lsf-hamburg.de

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Ines Voigts, Gesine Claus und Nina Schulz

Fotos: Christa Holka (S. 52) Substantia Jones (S. 55) und Promo

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