Archive for April 2010
Lasst uns Banden bilden!
Wir waren uns nicht sicher, ob es jetzt total old-school-banal oder gewagt ist, zwei Menschen, die sich als Femme und Tunte bezeichnen, über sich diskutieren zu lassen. Haben die überhaupt was zu reden oder ist alles schon gesagt? Doch Tania Witte, Femme, und Didine van der Platenvlotbrug, Tunte, stürzen sich mit so viel Elan auf die gegenseitigen Positionen, als hätten sie noch nie die Gelegenheit gehabt, ausführlich über queere Femininitäten zu sprechen.

Banal oder gewagt? Didine van der Platenvlotbrug, Tunte, und Tania Witte, Femme, sprechen über Feminitäten. © Paula Winkler
Hugs and Kisses: Was bedeutet denn Femme für dich, Tania?
Tania Witte: Generell sehe ich Femme als große Stärke, die sich hoffentlich mittlerweile abgekoppelt hat von “Butch”: Es geht darum, vorgeschriebene Weiblichkeit zu nehmen und auch in Äußerlichkeiten zu benutzen. Es ist ganz klar eine Entscheidung – ich wähle das für mich, und das jeden Tag neu! Ich bin dann unbedingt queer, ich kann auch wählen, mir einen Bart anzukleben und als King zu gehen. Aber ich bin trotzdem eine Femme, weil ich mich in Femininität stärker fühle als in Maskulinität. Als King bin ich immer eine kleine Schwuppe, da fühle ich mich immer verkleidet.
H&K: Wie definierst du Tunte, Didine?
Didine van der Platenvlotbrug: Früher war das für mich eine sehr politische Haltung, basierend auf der Homo-Männer-Bewegung der 70er, wo es ein Statement war, Frauenkleider zu tragen: Das, was ihr uns Schwuppen zudichtet, das benutzen wir, um dadurch stark zu sein! Auch indem wir Spaß damit haben. Das sind meine Wurzeln. Heute hat sich das mit dem queeren Diskurs sehr verändert: Ich sitze vor einem Setzkasten von Attributen, die ich mir anstecken kann – so gesehen ist das mein Lieblingsattribut. Auf der anderen Ebene ist Tunte für mich eine Haltung.
H&K: Was meinst du damit?
DvdP: Ich gehöre zu den Menschen, die alles in der Berufsausbildung abgebrochen haben, was es nur gab. Ich wollte dann ins Fernsehen und dachte, das schaff ich nicht. Also steig ich erstmal in diese Tuntenfigur, die das dann für mich schafft. Da merkte ich: Ich kann in den Fummel schlüpfen und dann das sein, was ich will – ich kann es aber auch ohne Fummel. Das ist eine tiefe philosophische Weisheit, die etwas sehr Queeres hat: Alles das, was du dir vorstellen kannst, darfst du sein: Es geht nicht ums Aussehen, sondern darum, die gesellschaftlichen Anforderungen auszuhebeln.
TW: Ich will auch eine Tunte sein!

Didine van der Platenvlotbrug: "Offenbar stellt eine zur Schau gestellte Weiblichkeit deutlich mehr in Frage, als wir glauben." © Paula Winkler
H&K: Darf sie eine Tunte sein?
DvdP: Ja, na klar! Früher war ich beim Kieler Tuntenrennen – eine fantastische Veranstaltung. Und da waren auf einmal Familienväter im Fummel mit dabei, die waren gar nicht schwul! Zuerst dachte ich: Wie blöd! Aber dann überlegte ich: Warum bin ich jetzt so blöde? Es gibt so viele verschiedene Konzeptionen von Tunte!
H&K: Das heißt, für euch sind die Begriffe Tunte und Femme vom Geschlecht entkoppelt …
Beide: Ja, total!
H&K: Eigentlich sagt man ja, Tunten sind die eher schwuchteligen Schwulen, und Femmes sind die Hetera-liken Lesben …
TW: … die auch noch Vorteile davon hätten, das finde ich noch schlimmer! Für mich ist es erstaunlich, dass du sagst, du hättest so viele Vorteile als Tunte, auch in deiner Selbstermächtigung. Ich habe das Gefühl, um mich entfalten zu können, muss ich erstmal sagen: Nein, danke für diesen Stempel, ich möchte ihn nicht. Bist du da auch durchgegangen?
DvdP: Ich glaube, die intensive Auseinandersetzung ist ein bisschen frischer bei den Femmes …
TW: Ja, weil erstmal alles gedeckelt wurde von den extrem butchigen 80er-Jahren, die weg mussten von allem, was feminin ist, um überhaupt gesehen zu werden … Deswegen war Femme lange unsichtbar, aber das hat es immer gegeben. Dadurch, dass die-se weiblichen Zuschreibungen immer funktioniert haben – Femmes haben die Butches sich zuhause fühlen lassen, viele haben auf dem Strich gearbeitet, während Butches in die Fabrik gingen … Es war diese klassische Rollenverteilung. Wenn du in einer Weibchen-Rolle erstmal drin bist, ist so eine Selbstermächtigung ziemlich schwer …
H&K: Und heute?
TW: Es hat in Deutschland lange genug gebrodelt, jetzt geht es über in eine Neuzuschreibung von sogenannten weiblichen Eigenschaften. Meine Lieblingsanekdote ist: Ich kam nach Berlin, hatte lange Haare, trug Röcke und Korsagen – und niemand hat mich gesehen! Ich war unsexy, unsichtbar, hatte nichts zu sagen. Irgendwann hatte ich mich dann von meiner Butch-Partnerin getrennt und mir die Haare abgeschnitten. Dann sahen mich die ersten. Dann hab ich mir nen Iro geschnitten! Und ab da haben Leute mit mir gesprochen. Das kann doch nicht sein! Das ist dramatisch! Überhaupt, was für ein Gegensatz: Als Femme wirst du unsichtbar – als Tunte wirst du sichtbar.
DvdP: Diese Struktur ist der Schlüssel: Bei mir gab es ein schwules Coming-out, dann ein Tunten-Coming-out. Viele der Femmes, mit denen ich gesprochen habe, hatten ein drittes Coming-out: erst als Lesbe, dann gezwungen als Butch und dann irgendwann als Femme. Der Leidensweg ist einen Schritt länger! Vielleicht gibt es da mehr zu feiern? (Sie stoßen an.)
H&K: Viele Schwule sagen, sie wollen einen echten Mann, “Tunten zwecklos” – ist das bei Lesben auch so?
TW: Das greift für mich zu kurz, ich glaube nicht an das Binäre. Ich persönlich stehe viel mehr auf Androgynität. Aber ich kenne viele Femmes, die auf Femmes stehen, und das geht in der Szene gar nicht! Weil das noch mehr die Hetero-Phantasien bedient und da ist noch ein großes explosives Potenzial. Zu viel Weiblichkeit, davor haben Menschen offensichtlich Angst! Woher kommt diese Angst?
DvdP: Offenbar stellt eine zur Schau gestellte Weiblichkeit deutlich mehr in Frage, als wir glauben.
TW: Das ist ein totales Gedankenkonstrukt! Leute fragen mich manchmal nach dem Unterschied zwischen femininen Lesben und Femmes, und ich versuche zu erklären, dass Femme eine Entscheidung ist und nicht L-Word. Aber die wenigsten verstehen das. Das ist frustrierend! Tunte ist leicht zu verstehen, oder?
DvdP: In der Homo-Szene gibt es auch viele, die das Konzept Tunte nicht verstehen. 70% der Schwulen haben sich da nie Gedanken gemacht und konfrontieren dich mit Erwartungen, wo die Leute dann im Publikum stehen und rufen: “Perücke runterziehen!”, wo ich dachte: Sind wir jetzt hier im Travestiezirkus?
TW: Richten sich nicht alle unsere Identitäten nur an eine intellektuelle Oberschicht?
DvdP: Ja und nein. Die Diskussion darum ja, und die Begründung, die wir suchen, ja. Aber die Geschichten kennen wir alle, z.B. wo Großmutter und Großvater zusammen das Gartenhaus aufgebaut haben. Und er war immer so tüddelig, deswegen hat sie gemauert, und er hat halt Marmelade gemacht.
TW: Andere haben das schon immer gelebt, und wir versuchen hinterher, das Konstrukt mit Intellekt zu füllen.
DvdP: Ich finde Queer Theory und den Diskurs manchmal schwierig. Die Leute gehen da mit sehr unqueeren Methoden ran, das Queere zu beschreiben. Es hat schon etwas Seziererisches, wenn Leute es schon queer finden, dass sie die Mütze rückwärts tragen. Ihr könnt euch ja schöne Gedanken machen, aber lebt ihr davon noch irgendetwas? In der normalen Wissenschaft soll der Wissenschaftler ja nicht das Sujet sein, aber queer steht ein bisschen außerhalb, queer lebt durch die Menschen, die es tun.
H&K: Würdest du dich als queer bezeichnen?
DvdP: Ich bin da sehr simpel gestrickt. Ich sehe mich als Mann Komma Tunte, mit unglaublich vielen queeren Möglichkeiten, die benutze ich auch gern. Aber queer im Sinne einer für mich selbst überlagernden Geschlechtsidentiät: Ne.
TW: Das ist schwierig. Ich habe kein Problem, mich als Lesbe Komma Femme mit queeren Anteilen zu verorten, aber das würde meinen Partner_innen nicht gerecht werden. Lesbe bedeutet, dass ich nur auf Frauen stehe, aber das tu ich nicht, ich hatte Beziehungen mit Transgendern aller Art und deshalb muss ich mich schon aus politischen Gründen, allein schon aus Respekt meinen Partner_innen gegenüber queer verorten.
DvdP: Schöner Ansatz!
H&K: Ihr verwendet “queer” aber unterschiedlich, als Identität beziehungsweise als Attribut …
TW: Queer ist ein powervoller Begriff, der aber auch politisch ist. Für mich ist es nicht die erste Wahl, denn ich kann auch als Lesbe politisch sein, für Transgender-Fragen kämpfen. Dafür brauche ich das Label “queer” nicht. Das brauche ich erst, wenn es so richtig in-between irgendwas ist und es noch um ganz andere Gender-Issues geht. Aber ich verorte mich relativ gut in meinem Frau-Sein, habe da vielleicht auch noch genug Nachwehen der 80er-Jahre mitbekommen …
H&K: Welche gemeinsamen Perspektiven von Femme und Tunte könnte es geben?
TW: Wir sollten alle Bündnisse schließen!
DvdP: Wir sind eigentlich in einer guten Diskussion. In vielen Schulen kehren sich die traditionellen Erziehungsklischees um, die Mädchen sind viel schlauer. Männliche Strukturen funktionieren nicht mehr, der Bankencrash mit der Kultur des Raffens, vieles steht da in Frage. Vielleicht ist die Gesellschaft noch nicht so weit, aber vielleicht sind wir so weit, da bewusste Schritte zu tun und zu sagen, es gibt andere Wege zu denken …
TW: Femme ist in Deutschland noch etwas sehr Neues. Im Moment, wo die Szene am Aufblühen ist, wäre ein perfekter Zeitpunkt, Tunten zu integrieren. Ich wünsche mir, dass auch Tunten zu unserer Femme-Party kommen, Mitglied der Femme-Mafia werden. Viele Femmes haben totale Angst davor, denn viele männlich sozialisierte Wesen haben eine andere Art, sich Raum zu nehmen – da müsste man sich gut zusammenrütteln, um das hinzukriegen.
DvdP: Dabei kann ja auch die Tuntenseite lernen, sich selbst neu zu definieren. Denn Tunte stirbt gerade massiv aus. Das könnte wieder mehr Leben in das Konzept bringen.
TW: Aber glaubst du, das wäre politisch genug? Femme ist ein total politisches Konstrukt! Haben Tunten da noch genug politischen Willen?
DvdP: Darf ich dich für diese Frage knutschen? Denn dit is ne lustige Lesbenfrage!
TW: Typisch, ne? (lachen beide)
DvdP: Das erinnert mich an AStA-Zeiten, als wir stundenlang über Vorlesungsreihen und Bücher diskutierten und ich dann fragte: Und wann machen wir die Party? Tunten könnten jedenfalls viel Kraft reinbringen, das wär ja schon was.
TW: Ihr bringt den Spaß, wir die Politik – großartig!
H&K: Wenn die Tunten von den Femmes Politik lernen sollen, hab ich da nen anderen Tuntenbegriff …
DvdP: Stopp, ich glaube nicht, dass sie Politik lernen können, sondern ich kenne selbst in den queersten Zusammenhängen Strukturen, wo ich in meiner immer wieder männlichen Edukation anderen Menschen, welchen Geschlechts auch immer, auf die Füße trete. Und ich merke es noch nicht einmal! Da sollten wir voneinander lernen! Vielleicht könnte es unsere Sensibilitäten schärfen. Und Schminkkurse könnten wir zusammen machen!
TW: Ja, meine falschen Wimpern fallen mir immer ab, und keine kann mir zeigen, wie das geht. Drama!
H&K: Wir haben euch als Tunte/Femme eingeladen und auch mit diesen Begriffen operiert – aber bringt uns die Sprache nicht dazu, in Gegensätzen zu verharren? Ihr sprecht jetzt ja gerade sehr gegensätzlich, von “wir Tunten” und “wir Femmes” – ließe sich das auflösen?
DvdP: Da ist die Frage, ob man das auflösen will! Aufgrund der Historie kommen wir aus ganz unterschiedlichen Ecken, tragen ganz unterschiedliche Geschichten mit uns rum. Es geht ja auch um die Gründe, warum ich einen Fummel trage. Und eine Femme hat wie gesagt ein Dreifach-Coming-out. Diese interessante Geschichte würde ich nicht verlieren wollen …
TW: Es würde nur funktionieren, wenn du gemeinsam etwas kreierst. Dann kannst du da einen neuen Wir-Pool draus machen. Ansonsten bin ich ein Fan von Unterschieden. Ich will die Menschen gar nicht gleich haben. Vielleicht wirkt das “ihr” und “wir” erstmal als Abschottung, aber ich habe viel zu viel Respekt davor – ich kann nie beurteilen, durch was andere gegangen sind. Daraus ein “wir” zu machen, wäre eine Beschneidung der Vergangenheit.
H&K: Wenn ihr euch eure Freundeskreise anguckt, gibt es da schon eine freundschaftliche Vernetzung von Tunten und Femmes?
TW: Für mich überhaupt nicht. Es ist schon total schwer, jemanden zu finden, der mit mir shoppen geht und im Brautkleidshop Prinzessinnenkleider anprobiert. Mein Freund_innenkreis hat nur insofern Verständnis, dass sie es toll finden, aber mehr auch nicht.
DvdP: Das ist lustig, bei mir ist es genau andersrum! Fast alle meine männlichen Freundinnen sind Tunten, aber ganz viele von den Lesben, die ich kenne, sind Femmes. Wir bestellen zusammen, passen in die gleichen Größen und tauschen dann aus. Dieses gemeinsame Erlebnis ist fast ein ritueller Akt! Als geschlossene Gesellschaft nach Außen zu treten bringt unglaubliche Kräfte auch nach Innen – wenn es Tuntenfreundschaften gibt, dann halten die ein Leben lang, weil man so viel zusammen erlebt hat.
TW: Lasst uns Banden bilden, das ist ganz wichtig!
DvdP: … und öfters zusammen shoppen!
TW: Und Partys machen und im Sitzen pinkeln. Und im Stehen! Ich im Sommer im Bikini im Treptower Park mit meinem Stehpissding, wunderbar! Ich war so glücklich, die Leute haben mich angeguckt, als wäre ich bescheuert, aber ich war so froh, dass ich in Ruhe an den Rand pinkeln konnte … das finde ich queer!
DvdP: Allein das Handeln ist schon politisch! Wir müssen gar nicht so viel lesen dabei! Man muss es nur oft genug den Leuten sagen: Femininitäten sind gut und wichtig, sind oft stärker als Maskulinitäten …
TW: Und: Du musst keine Angst haben! Ich fände es wichtig, diese Angst zu nehmen, wenn jemand weiss, wo die herkommt: Bitte sagen!
Interview: Malte Göbel
Didine ist übrigens im Internet (mit Kollegin Blessless Mahoney): http://hamburg.gay-web.de/db-universum
Tania Witte auch: www.taniawitte.de und www.dragkingbuch.de
Femme-Praktiken. Wer hat Angst vor Weiblichkeit?
von Margarita Tsomou
Dass Geschlechterkategorien Identität dogmatisch und unbeweglich machen, ist in Zeiten von queerness – zumindest abstrakt – uns allen bekannt. Aber auch nach über 20 Jahren queer theory scheint es zwingend, erneut in der Schachtel der Kategorien zu wühlen. Da war doch noch was …? So zücken wir die verlegte Karteikarte eines Gendergenres, bei dem sich unser schlechtes Gewissen einschaltet: Der Kategorie der “Femme” schulden wir noch Anerkennung. Es ist tatsächlich längst überfällig, die Menschen abzufeiern, die – trotz des allgemeinen Hypes von Drag-King-Kultur und Maskulinisierung in der queer scene – den Mut aufbringen, sich mit den Koordinaten des “schwachen Geschlechts” und damit feminin zu markieren.
Welche Femme?
Bei der Suche nach den Personen, die ich abfeiern will, stoße ich zumindest schon auf Probleme – denn die zunächst noch tatsächlich nebulöse Frage drängt sich auf: Was/wer ist eine Femme? Das alte Spiel der Definitionen bringt so widersprüchliche Ergebnisse, dass es schwer wird, an dem Begriff festzuhalten:
Eine Femme ist eine feminine Lesbe, die auf Butches steht … aber es gibt auch Femme-Erotica, d.h. Femmes, die Femmes begehren … aber eine Femme muss nicht zwingend eine Lesbe sein … sie kann auch ein Biomann sein … eine Femme ist nichts anderes als eine Drag Queen … oder eine Femme ist ein Transgendergeschlecht und zwar FTF … eine Femme kann auch eine heterosexuelle Frau sein… eine Femme ist ein absichtliches, intentionales, politisches Geschlecht … nein, eine Femme müsste doch auch eine lesbische Frau sein, die sich alltäglich einfach als feminine Frau fühlt, denn was sollen die denn sein …? Femme hat nichts mit Aussehen, sondern nur mit Haltung und Habitus zu tun … eine Femme ist ein sexuell rezeptives Geschlecht, d.h. sie mag es, gefickt zu werden statt zu ficken … eine Femme kann auch eine Fierce-Femme sein, also eine Person mit aggressiver Weiblichkeit, die nicht nur annimmt … eine Femme ist die Arbeiterin für die Transition eines Transmanns… oder eine Femme kann auch ein fag-hag sein … usw. (Eine fag hag ist eine Frau die auf schwule Männer steht oder die sich emotional mit ihnen verbunden fühlt.)
Angesichts dieser multiplen Versiertheit, mit der wir im queeren Zeitalter Geschlecht denken, scheint es anachronistisch, jemandem das Label der Femme anzukleben – es sei denn, die Person macht dies für sich selbst. Ich möchte in diesem Text ein Experiment vornehmen und vorschlagen, nicht nur im engeren Sinne von Femmes als der Geschlechtskategorie von weiblichen, queeren Biofrauen zu sprechen, sondern von Femme-Praktiken, -Strategien oder von Femmeness. Denn das, was die oben genannten Geschlechter gemein haben sowie das Problem, das uns plagt, ist viel größer als eine weitere “vergessene” queere Identität: Es ist die Frage, wie man mit dem verdrängten Phantasma der “Weiblichkeit” umgeht ohne sich dabei patriarchalen Klischees zu unterwerfen.
Weiblichkeit – ein Kostüm zum selber basteln
Ich hoffe, ich langweile nicht, wenn ich mit dem feministischen Allgemeinplatz beginne, dass Weiblichkeit kein biologisches Schicksal, sondern ein Repertoire von Codes und Markierungen ist, die sich je nach historischer Situation und Kontext ändern.
Schon in den 1920ern waren Feministinnen wie Joan Rivière, der Meinung, dass Frauen “Weiblichkeit” wie eine Maske benutzen, um männliche Regeln zu umgehen: Das “So-tun-als-ob”, das absichtliche Nachahmen femininer Verhaltensnormen, erlaube es Frauen, unauffällig intellektuelle – ergo männliche – Arbeiten zu verfolgen. Mit der Taktik der Maskerade “Weiblichkeit” würden sie so immer noch als Frauen “durchgehen”, um keine Probleme zu kriegen mit dem, was ihnen damals erlaubt war. Hinter dieser Maske ist keine Echtheit, keine natürliche Weiblichkeit zu vermuten – die Entstehung von Weiblichkeit selbst ist ein Maskierungsprozess, ein Bastelvorgang an einem Genderkostüm.
Mit Judith Butler geht man heute noch viel weiter: Nicht nur Weiblichkeit, sondern Geschlecht insgesamt, ob weiblich oder männlich, ist keine biologische, sondern eine performative Praxis, die durch die Wiederholung von Sprechakten und gewohnten Handlungsnormen hervorgebracht wird – Geschlecht ist die alltäglich produzierte Inszenierung seiner Merkmale. Für unser Weiblichkeitsproblem folgt daraus, dass es keine zwingende Verbindung zwischen Weiblichkeit und Heterosexualität, genau so wie es keine zwischen Weiblichkeit und dem Geschlecht Frau gibt.
Auf dem Kopierer klebt Weiblichkeit
Wenn Geschlecht eine Performance ohne biologischen Grund, eine “Kopie ohne Original” ist, dann können queere Individuen beliebige Geschlechtsinszenierungen auf den Kopierer legen und individuelle Muster erfinden. Weiblichkeit jedoch bleibt immer in der Gleichung. Es gibt keine vermeintlich neutrale Geschlechtsperformanz eines politisch korrekten queeren Geschlechts in einem androgynen Weiblichkeitsvakuum. Jedes Gendermuster ist eine Reaktion auf Femininität – auch wenn es partout nichts damit zu tun haben will. Das, was ich an Femmes so spannend und ehrlich finde, ist, dass sie nicht die Augen vor dem Problem schließen mit dem Glauben, dass der böse Geist mit Maskulinität auszutreiben wäre. Femmeness nimmt sich bewusst der ganzen Ladung an verfügbaren Inszenierungen an und geht eben AUCH mit Femininität als Muster kreativ um.
Femmeness – subverting the oppressing skirt
Ist der Spiegel von Weiblichkeit als Frauenschicksal erstmal zerschlagen, bedient sich die Femmeness der herumliegenden Scherben, um sie in neuen Femininitäts-Mosaiken bewusst und alternativ zu arrangieren. Im Grunde greift hier der etablierte Butlersche Ansatz der Gendersubversion als Widerstandsform: Wie bei jedem Drag-Akt ist Femme-Praxis keine Kopie heterosexueller Weiblichkeitsbilder, sondern eine Operation, die sich feminine Codes und Symbole aneignet, um sie zu zweckentfremden und sie schließlich mit einer neuen Bedeutung zu besetzen. Damit kann zum einen Femininität von ihren Stigmata, wie passiv, schwach, objekthaft entzerrt und zum anderen mit verschiedenen Attributen neu besetzt werden. “To me femme is about taking the things that oppressed me and using them”, sagt Morgana Maye aus San Francisco im Buch “Femmes of Power”.
Nicht zu fassen
Die Sache wird tricky, wenn man nicht weiß, wie nun der Stöckelschuh gemeint ist – ist der Absatz ein subversives Spiel mit unseren Weiblichkeitsvorstellungen oder nicht doch eine Anbiederung an das Schönheitsideal des Patriarchats? Femme-Praktik ist manchmal wie eine Zeichnung “weiß auf weiß”, nicht unmittelbar sichtbar und nicht immer leicht einzuordnen.
Für Sabine Fuchs macht das aus Femmes die mehrdeutigsten queeren Figuren. Die Herausgeberin des ersten deutschsprachigen Reader über Femmeness legt diese Doppelbödigkeit als Stärke aus: Femmes sind doppelt different. Ihre Weiblichkeiten täuschen die Erwartungen von dem, was eine Frau und/oder eine Lesbe ist, und zwar sowohl in heterosexuellen als auch homosexuellen Kontexten. Sie sind nicht wirklich das, wie sie vordergründig erscheinen, d.h. sie mögen auf den ersten Blick als straighte Weiblichkeiten erscheinen, sind aber queer. Sie sind “neither the same (straighte Frauennorm), nor different (maskuline Lesbennorm) but both” und sind damit “the queerest of the queer”, die Vorzeigestrategen für eine permanente Abweichung von der Geschlechtsnorm.
“To me, femme dares to stand at the boundary of what’s normal and what’s queer. At first glance she might pass. But she’s the double take. The square peg in the round hole”, so beschreibt auch XU Femmeness. Femme-Praktiken sind somit permanent fließend zwischen Identifikation und Desidentifikation, die Weiblichkeit mit einer ständigen Uneindeutigkeit ausstatten. Und wollten wir das nicht für alle Geschlechter geltend machen – schon immer?
Femme-inismus – was für ein Flash
Glücklicherweise gibt es eine Tradition von verschiedenen Feminismen, die Weiblichkeit ambivalent lesen und nicht nur als repressiven Zustand verstehen. Man könnte etwa in den Theorien graben, bei denen Frauen immer für die Abweichung vom Normgeschlecht “Mann” standen – für das “Andere”, das sich sogar dem Humanen entzieht und zum Monster, Tier oder Cyborg mutieren kann.
Oder beim sexpositiven Feminismus, der seit den 80ern dafür kämpft, dass ein offener Umgang mit Sexualität inklusive des Spiels mit den dazugehörigen Weiblichkeitsbildern zu einem Schlüssel für Emanzipation wird. Denn wie geil sind bitte all die gefürchteten Femmes der Kulturgeschichte, bedenke man die Femme Fatales, Vamps und Nixen, die ihre Sexualität strategisch einsetzen, um Männer ins Verderben zu stürzen – die Weiblichkeit dieser Geschöpfe ist unzweifelhaft mächtig.
Femmeness operiert mit all jenen Ideen, die Vorstellungen vom Weiblich-Sein öffnen. Deswegen haben es Femmes auch nicht nötig, das Gegenstück der Maskulinität anzunehmen, um sich von der angeblichen “rückschrittlichen Weiblichkeit” zu distanzieren. Die Femme-Strategie ist eine spielerische Umarmung von Femininität, die nicht “trotz” sondern “durch” Weiblichkeit Feminismus betreibt. Umso absurder scheint es, dass heute gerade in der queeren Szene mit Femme-inismus für die Anerkennung von Femmeness gekämpft werden muss. Das queere und feministische Potential der Femme-Praktiken flasht ungemein – allen Geschlechtern mit queerem Anspruch würde es gut tun, sich ein Stück davon abzuschneiden.
Literatur:
- Vampire Sex-Positive Performer and Writer Rosie Lugosi. In De LaGrace Volcano/ Ulrika Dahl: Femmes of Power. Exploding Queer Femininities, Serpent’s Tail, London 2008, ISBN 978184668664
- Sabine Fuchs: “Femme! Radikal – queer – feminin”
“Körpereinsatz”. Über feministische queer Burlesque. Siehe Hugs and Kisses Nr. 2 - Porträt der female Drag Queen Miss Debra Kate. Siehe Hugs and Kisses Nr. 4
Issue #6 – Queer Femininities
Femme-Praktiken. Wer hat Angst vor Weiblichkeit?
Von Margarita Tsomou
“Lasst uns Banden bilden”
Gespräch zwischen Didine van der Platenvlotbrug und Tania Witte
Weitere Themen im Heft
Queer Femininities, Tunten & Femmes, politisch?
Von LCavaliero Mann und Malte Göbel
Berlin Femme Mafia – pink und positiv
Interview mit Berlin Femme Mafia
Queere Weiblichkeiten in Bild & Schrift
Bücher und Filme zum Schwerpunkt
Del LaGrace Volcano
Fotostrecke
Des Troy
Feminismus is for you and me!
Liz Rosenfeld aka La Rosenfeld
Gestatten: Femme
Ulrika Dahl
Femme-Aktivistin
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