Archive for October 2009
Stone
Den Begriff “Stone” kennen viele Queers aus dem Kultroman »”Stone Butch Blues” (1993) von Transgender- Aktivist Leslie Feinberg, der übrigens dieses Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feierte. “Stone” bezeichnet Eigenschaften queerer Identitäten, die sich beim sexuellen Akt nicht an spezifischen Stellen (oft, aber nicht immer, im genitalen Bereich) berühren lassen wollen. Die französische Queer-Porno-Darstellerin und Femme Judy Minx hat in ihrem Blog einen wunderbaren kleinen Essay über verschiedene Formen von »Stone« geschrieben. Denn neben Stone Butches gibt es auch Stone Femmes oder Stone Sex Workers, wie Judy Minx schreibt:
“Stone is the transmen who won’t get naked when they’re fucking you, much less let you fuck them. Stone is the sexworkers who won’t let their clients kiss them. Stone is how sometimes you get ticklish and it’s just the way your body says “don’t touch me there”. Stone is the butches who don’t want my lipstick to get smeared on their lips when we make out, and the reason why I wear kiss-proof rouge à lèvres. Stone is how so many women won’t trust anyone but themselves with their bodies enough to let go and cum. Stone is how I’ll get tense if you get too close to my clit, and keep my hand ready to stop yours, clutched firmly around your arm, trying to keep control. Stone is how I’ll fidget and wiggle under you, feeling trapped, not telling you I’m scared, just trying to reduce the harm, moving away from you with my hips, escaping as much as I can. “You’re not doing anything wrong, just going places where I’ve been hurt”, I whisper when you ask what’s going on. Thank you for asking. Maybe stone is also how upset you got, how I felt you cringe, when your friend called you a name he says is your real name, and how relieved you felt that I didn’t hear it. Stone is these experiences that queers have in common, these hard boundaries that pain has carved in our bodies, making us harden. In some places, my stone can be melted, if you do it right, if you’re patient and listen. In others, it will remain hard as a rock.”
Text: Judy Minx, im Original auf Judy Minx’ Blog: http://imsoexcited.canalblog.com
Queer Cinema ist tot, lang lebe Queer Cinema
von Todd Verow, Übersetzung: Sebastian Beyer und Jean Lopes
Für mich waren Experimental-/Undergroundfilm und queerer Film gleichbedeutend. Als ich anfing, kurze Experimentalfilme und -videos zu machen, inspirierten mich Kenneth Anger, Jack Smith, Andy Warhol und die Kuchar-Brüder (welche ich kürzlich persönlich kennenlernen durfte, als ich zusammen mit einem meiner festen Schauspieler und Mitverschworenen, Philly, in Mike Kuchars Film “Vortex” mitspielte). Keiner dieser Filmemacher hat je einen Scheiß darauf gegeben, es in Hollywood zu schaffen. Ihre Arbeit handelte von ihren Obsessionen, sie war persönlich und oftmals erotisch aufgeladen. Alle wurden sie früher oder später bezichtigt, pornographisch zu sein. Als ob das etwas Schlechtes wäre, als ob Kunst und Pornographie sich gegenseitig ausschließen würden.
Pornographie ist, wenn der Betrachter masturbiert; Kunst ist, wenn der Künstler masturbiert.
“Warum können wir uns nicht alle zusammen einen runterholen? ” fragten diese Filmemacher. Frage ich mich auch. Die Anfänge vom “New Queer Cinema” waren eine aufregende Zeit. Wir alle waren wütende kleine Kunst-Terroristen, die aus “ACT UP” und “Queer Nation” kamen und bereit waren, die Welt zu übernehmen.
Wir waren keine Politiker – wir waren Künstler. Wir arbeiteten aus unserem tiefsten Inneren heraus, mit unseren Ängsten und gebrochenen Herzen. Ich studierte an der Rhode Island School of Design (RISD), ein paar Jahre später als Todd Haynes (der an RISDs Partneruniversität, der Brown University, studiert hatte). Also waren er und seine Arbeit mir bereits ein Begriff. Danach ging ich an das American Film Institute (AFI) in Hollywood, um Kamera zu studieren, und arbeitete mit Gregg Araki an “Totally F***ed Up”. Ich erinnere mich an die Premieren von “The Living End” und “Swoon” im Museum of Modern Art (MoMA) in New York während des Festivals “New Directors/ New Films”.
“Ich dachte, WOW! Das ist was, hier passiert was, und irgendwie bin ich mittendrin.”
Im MoMA lernte ich den Schauspieler Craig Chester kennen. Wir wurden Freunde und arbeiteten oft zusammen. Ich reiste zu Festivals auf der ganzen Welt und traf jede Menge interessanter Filmemacher, überall tauchten plötzlich Filmfestivals auf.

Todd Verow, geb. 1966, ist US-amerikanischer Filmemacher, lebt in Providence, Rhode Island. Er arbeitet als Schauspieler, Kameramann und Regisseur. 1995 gründete er Bangor Films. Er gilt als Veteran des "New Queer Cinema".
Nachdem ich meinen ersten Spielfilm “Frisk” gemacht hatte, bekam ich viel positive und negative Aufmerksamkeit. Schon zu dem Zeitpunkt war ich ein Workaholic und hatte einen Haufen Ideen und Drehbücher am Start. Ich hatte eine Menge “Geschäftstreffen “, es wurde mir viel “Interesse” bekundet, aber ich bin kein Gebrauchtwagenhändler; mir fehlt dieses Gen, also ging das Ganze nirgendwohin.
Mein Kreativ-Partner James Derek Dwyer und ich lebten in San Francisco. Wir hatten sehr wenig Geld, er arbeitete in irgendeinem Gelegenheitsjob und ich im “Nob Hill Gay Porn Theater”. (Ich kündigte die Live-Shows an und stellte sicher, dass die Performer auf die Bühne kamen. Es gab einen vorgefertigten Text, den ich ablesen sollte. Meistens änderte ich den Text ab. Selbst im Strip-Club wollte ich unbedingt etwas verbessern.)
Es war an der Zeit, Kalifornien schnellstens zu verlassen, so weit weg von Hollywood wie möglich. Also kratzten wir etwas Geld zusammen, kauften eine extrem billige Hi-8-Videokamera und zogen nach Boston. Ich überredete eine befreundete Schauspielerin, Bonnie Dickenson, von Los Angeles nach Boston zu kommen, und wir machten den Film “Little Shots of Happiness” (der bei der Berlinale 1997 Weltpremiere hatte). Bonnie wurde mein erster “Superstar”. James und ich gründeten unsere erste Produktionsfirma, Bangor Films, und wir begannen Filme zu machen, so wie wir es wollten. Auf Video, ohne Crew, mit einer Handkamera, nur mit vorhandenem Licht, soweit das möglich war, und mit irgendeinem miesen Sound, den ich mit dem Kameramikrophon einfing. Wir machten die Filme ohne Geld, ohne Finanzierung von außen. Wir legten es darauf an, bis zum Jahr 2000 zehn Filme zu machen, und zur Überraschung aller (mich eingeschlossen) schafften wir das.
“Ich wollte nicht zum Mainstream wechseln”
Keiner dieser Filme war per se ein “Schwulenfilm “, sie hatten sicherlich eine schwule Sensibilität, aber die Inhalte waren nicht schwul. Ich habe damals nicht wirklich darüber nachgedacht, warum das so war, ganz bestimmt wollte ich nicht zum Mainstream wechseln, aber im Rückblick denke ich, dass ich nach “Frisk” nicht bereit oder in der Lage war, einen weiteren “Schwulenfilm” zu machen, solange es nicht irgendetwas Persönliches, irgendwas schmerzhaft Echtes war. Dazu war ich erst bereit, als ich wieder Single war und 2001 zurück nach New York zog. Ich entblößte alles (nicht nur meinen Arsch, auch mein Herz und meine Seele) in “Anonymous” (Berlinale 2004, Anm. d. Red.). Ich beschloss, dass, wenn ich mich schon von Leuten beschimpfen lassen würde, es nur für etwas Persönliches sein sollte.
Danach setzte ich mich eingehend mit den bösen Geistern meiner Vergangenheit auseinander und machte zwei halbautobiographische Filme, “Vacationland ” (2006) und “Between Something & Nothing” (2006). Zur selben Zeit drehte ich experimentellere Spielfilme wie “Hooks to the Left” (welcher komplett auf einer Handykamera gedreht wurde), “Bulldog in the White House” und “XX”. Oft arbeite ich gleichzeitig an mehreren Projekten, mein Gehirn arbeitet einfach so, und ich finde, meine experimentelleren Filme befruchten meine narrativen Filme und umgekehrt.
Keine Kompromisse für den Markt eingehen
Ich werde oft beschuldigt, so “produktiv” zu sein (ja, ich sage “beschuldigt”, weil das normalerweise der Ton ist, in dem das Wort an mich gerichtet wird), als ob das etwas Schlechtes wäre. Ich kann nichts dafür – ich habe ehrlich das Bedürfnis, Filme zu machen (mein neuester Spielfilm, “The Boy with the Sun in His Eyes”, kommt bald!). Für mich gibt es nichts Tragischeres als eine_n Filmemacher_in, der/die ihre/ seine Zeit damit verschwendet, auf die Erlaubnis (das heißt: das Geld) zu warten, einen Film zu machen. Filmemacher_innen, die heutzutage Jahre damit zubringen, ihre Filme zu realisieren, einen Kompromiss nach dem anderen schließen, um schließlich eine vollkommen entstellte Version ihrer Originalidee auf die Leinwand zu bringen, sind keine Künstler_innen, das sind Geschäftsleute. Künstler_innen bleiben ihrer Vision treu und arbeiten, wenn sie inspiriert sind. Sie denken nicht über solchen Quatsch wie Marktfähigkeit und “Wer ist mein Publikum?” nach. Sie kümmern sich nicht um Geld und benutzen alle Mittel, die ihnen in die Finger kommen. Sie scheißen auf Kritiker und Kulturtheoretiker oder Gender Politics. FUCK THEM ALL! Oft ist es genau das, was sie alle sowieso brauchen.
“Hör auf, diese Scheiße zu zeigen und riskiere das kantigere, mutigere Zeug. Es ist da!”
“New Queer Cinema” hätte sich nie lange halten können. Es kam auf zu einer Zeit, als die Leute sich nach queeren Bildern auf der Leinwand verzehrten. Darum waren sie auch bereit, experimentellere, kantigere, gefährlichere Filme zu ertragen. Aber sobald weniger abenteuerlustige Filmemacher_innen anfingen, glänzende, glückliche Filme zu machen, übernahm das “New Gay-sploitation Cinema” das Ruder. Lauwarme Programmverantwortliche von schwul-lesbischen Filmfestivals (und Kinos und Verleiher) waren schnell dabei, diese unbedrohlichen Publikumslieblinge aufzunehmen, um ausverkaufte Eröffnungsveranstaltungen zu haben und ihren Vorstand glücklich zu machen – aber um welchen Preis? Warum sollte man auf Festivals gehen, wenn man diese beschissenen Filme auch auf den neuen schwulen Pay-per-view-Fernsehkanälen sehen kann? Indem die Kurator_innen das Risiko und das Kantige aus ihren Programmen entfernten, entfernten sie gleichzeitig Sinn und Zweck ihres Daseins. Aber viel schlimmer noch ist, dass sie dadurch Filmemacher_innen ermutigen, “kommerziellere”, “zugänglichere” Arbeiten zu machen. Wenn es keine Aufstände (hihihi) oder zumindest hitzige Diskussionen bei deinen Festivalvorstellungen gibt, dann machst du deinen Job nicht. Hör auf, diese Scheiße zu zeigen und riskiere das kantigere, mutigere Zeug. Es ist da. Es wird nicht verschwinden. Umarme es. Wahre Kunstfilme widerstehen Professionalismus. Wenn du ein_e Filmemacher_ in bist, die/der sich Sorgen um den Unterhalt macht, dann such dir eine “richtige” Arbeit. Kunst ist kein Beruf. Viele meiner amerikanischen Landsleute haben diese Art zu denken längst verloren.
Wir als Filmemacher_innen müssen experimentieren. Aus Fehlern wird Kunst. Fehler sind das Leben. Wir müssen der traditionellen Erzählstruktur widerstehen, dem eindeutigen Ende widerstehen und die Vieldeutigkeit umarmen, die Intelligenz des Publikums umarmen und fördern. Wirf die Continuity aus dem Fenster, zusammen mit all den anderen Regeln des Filmemachens. An diesem Punkt hat Dogma ’95 etwas falsch verstanden: Du wirfst keine alten Regeln über Bord und ersetzt sie durch neue. Du musst Regeln gänzlich abschaffen. Diese Besessenheit von technischer Perfektion muss aufhören! Wir laufen Gefahr, manieristisch zu werden (oder nur ausgesprochene Streber). Geht zurück zur Natur, zurück zum Leben. Leben ist sandig, dreckig, voller Scheiße und Blut und Samen. Es ist klebrig und durcheinander, manchmal bitter, manchmal süss, manchmal alles auf einmal. Dreh mit den Mitteln, die du zur Verfügung hast, geh nicht auf die Jagd nach der neuesten, größten Auflösung, der teuersten hypermodernen Kamera – wir sind keine Techniker_innen, wir sind Künstler_innen.
Mach dir deine Hände schmutzig. Mach aus hässlich schön und umgekehrt. Hab wenigstens den Mut, das zu machen, woran du wirklich glaubst – und hab den Mut, überhaupt an irgend etwas zu glauben. Die Welt hat viele (Film-)Kritiker und Zyniker. Zynismus ist langweilig. Werde leidenschaftlich. Fühle irgend etwas. Und erzähle es dann deinem Publikum.
“Wir als Filmemacher müssen zusammenhalten”
Dies ist eine noch nie da gewesene aufregende Zeit, um Filmemacher_in zu sein. Der Zugang zu Produktions- und Postproduktionsmitteln war niemals so einfach wie heute. (Lass dich nicht von den Gatekeepern verarschen, die versuchen, den Zugang zu blockieren, indem sie darauf bestehen, dass die einzigen Filme mit Wert die sind, die in HD gedreht sind, mit der neuesten, teuersten Kamera gedreht und nur von dem neuesten, teuersten Projektor vorgeführt werden. Sie versuchen uns zurückzudrängen – zeig ihnen den Vogel und schalte deine billige Videokamera an! Jede_r kann rausgehen und einen Film mit dem Handy machen und ihn auf einem billigen Laptop schneiden. Dann kannst du deinen Film auf YouTube hochladen, und sofort können ihn Leute auf der ganzen Welt sehen. Und wenn dann ein Verleiher deinen Film haben will und dir sagt, er braucht einen neuen Ton oder einen anderen Soundtrack oder dass er noch mal neu geschnitten werden sollte oder was auch immer, sag ihm: “Nimm ihn so oder lass es bleiben.” Die Essenz der Arbeit ist im Medium eingeschrieben, wenn du deinen Job als Künstler_in korrekt machst. Wenn ein Festival sagt, du musst deinen Film in das alte 35-mm- Format oder das neueste Super-Duper-Digitalformat umwandeln, frag sie, warum – du wirst überrascht sein, wer keine Antwort auf diese Frage hat. Wir als Filmemacher_innen müssen zusammenarbeiten, um diese Gatekeeper im Zaum zu halten.
Wenn also das “New Queer Cinema” tot ist, was kommt als nächstes? Gut, es ist eigentlich nur der Begriff, der tot ist, die Filmemacher_innen, alte und neue (und sehr alte), sind noch da und machen immer noch Kino. Goodbye, “NEW” (und wo wir schon dabei sind, schließe bitte hier “MODERN” und “POST-irgendwas” mit ein), du warst sowieso nie von großem Nutzen, verlierst du doch in dem Moment deine Relevanz, wenn du ausgesprochen wirst. Wir sind nicht und waren niemals neu, wir sind von Dauer. Kino und Kunst sind unser kollektives Gewissen. Ich würde sogar behaupten, ein kollektives schwules Gewissen in mancher Beziehung.
Ein Glück, dass du aus der Mode gekommen bist, QUEER (oder nicht? Wer kann da schon folgen?). Niemand kann sich auf einen Begriff einigen. Was wäre mit MENSCHLICH. Wir sind alle, ob das nun gut oder schlecht ist, menschliche Wesen. Wir sind menschlich und sexuell. Wir sind CINEMA – pur und simpel. Wir lassen uns nicht ghettoisieren, kategorisieren oder abweisen. Wir sind hier, wir sind CINEMA, gewöhn dich dran!
Kein “Mr. Nice Gay” mehr! Hast du noch nicht genug von diesen muskulösen, glänzenden, glücklichen, schönen Schwulen in Komödien über das Aufreißen, mit Leuten, die ohne Shirt herumlaufen und ach-so-schön und ach-so-hohl sind? Keine weiteren Dokumentarfilme über Homo-Ehe und darüber, wie wir doch eigentlich wie alle anderen sind. Keine Konformität – was auch immer das ist; und was ist eigentlich aus “We’re here, we’re queer, get used to it!” geworden? Höre auf dir vorzugaukeln, dass AIDS (oder zumindest die verheerenden Auswirkungen von AIDS), Homophobie (außerhalb und innerhalb der Schwulenkultur), Gewalt, Vergewaltigung, Unterdrückung, Mord, Zensur nicht existieren. Wir sind Geächtete, wir sind Außenseiter, und wir werden es immer sein. Du brauchst keinen Schwanz, nur eine Kamera (und es muss keine große Kamera sein, aber du musst die Eier haben, um der Realität ins Auge zu blicken). Hol sie raus. Streichel sie. Fordere das Publikum, die Kritiker, die Kuratoren et cetera heraus, es zu schlucken. Kreiere, als ob es kein Morgen gäbe – in dieser modernen Welt weiß man nie -, und schieß, schieß, schieß!
Und nun wisch bitte hinter dir auf.
Der Text von Todd Verow ist erschienen in:
Bildschön. 20 Jahre Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg
Herausgegeben von Querbild e.V.
Männerschwarm Verlag, direkter Bezug online über:
www.lsf-hamburg.de/bildschoen
The Chubsters
von Ines Voigts, Gesine Claus und Nina Schulz
London im März 2008. Wir besuchen das “London Lesbian & Gay Film Festival”, und als Erstes springt uns eine Gang an einem kleinen Tisch in die Augen. Charlotte “The Beefer” Cooper steht dort und akquiriert neue Bandenmitglieder. Gespannt warten wir auf das sich anschließende Screening “The Invasion of the Chubsters”, welches von ihr präsentiert wird.
“Chubster” wird übersetzt als jemand, der stolz ist, nicht den dünnen Körpernormen zu entsprechen. Cooper ist Journalistin, Autorin, Aktivistin und Akademikerin. Seit Jahren arbeitet sie zu Fat Politics und ist in mehreren Do-it-yourself-Projekten aktiv. Ihr Buch “Fat and Proud: The Politics of Size” erschien 1998, außerdem betreibt sie einen Blog und hat mehrere Kunst- und Aktionsgruppen. In London ist sie zu Gast mit ihrer Gang. Die Chubsters haben sich die eigentlich negative Bezeichnung chubby (=pummelig) angeeignet und sie positiv und radikal für sich umgedeutet. Wir kommen in den Genuss von queeren Kurzfilmen und Infos über Gruppen und Aktivist_innen, die es müde sind, sich dem Diätwahn zu beugen, und keine Lust haben, sich dem normierten Körperbild zu ergeben. Wir sind total euphorisiert und wollen die Chubsters nach Hamburg holen. “The Beefer” ist begeistert und hat ihre Gang schon zusammengetrommelt. Was wird uns erwarten?
Hey Charlotte, erzähl uns ein bisschen über euer Chubster-Gang- Project! Was für eine Gang seid ihr? Verbreitet ihr Angst und Schrecken?
Die Chubsters sind eine Girl Gang: voller Laster, fett und queer. Aber eine_r muss nicht fett, queer, ein Girl oder besonders lasterhaft sein, um bei uns mitzumachen. Es geht um die Einstellung. Ich bin Chef der Gang. Einige von uns sind furchterregend, einige sanftmütig oder angriffslustig. Unsere Verachtung für Fettphobie und unsere Liebe zum Freaksein eint uns und macht uns stark. Fette Menschen und Menschen in allen Formaten sollten sich das zu eigen machen. Uns gibt es seit circa fünf Jahren und wir haben ungefähr 100 begeisterte, eingeschriebene Mitglieder und viele Fans. Seit Kurzem sind die Chubsters eine Art Sammelbecken für verschiedene Projekte, zum Beispiel für das Filmprogramm des British Film Institute, Musik- und anderen Veranstaltungen, sogar für Steinmetzarbeiten. Anfang Oktober sind wir Mitorganisator_innen des “The Fat of the Land”, ein queeres Chub- Erntedankfestival in London. Das wird eine perverse Punk-Parodie der traditionellen Erntedankfestivals im Stil der Strohpuppe, inklusive Performances und Marmeladen- Probieren.
Eure Markenzeichen sind ja euer Badges “das schreiende C” und der Donut-Gruß (siehe Foto), der seit London fleißig geübt wird. Worum geht es dabei?
Gut recherchiert! Die beiden Markenzeichen haben wir während eines Chubster-Gang-Treffens in New Jersey 2004 erfunden. Jede Gang braucht ein bedrohliches Symbol, das als Graffitti oder Tattoo auf irgendwelche Oberflächen aufgetragen werden kann. Und jede Gang braucht ein toughes Handzeichen. Das C steht für Chubster und ist mit vor Blut triefenden Zähnen und einer durchgedrehten Augenbewegung garniert. Der Donut ist ein wichtiges Symbol, weil Donuts lecker sind. Beide müssen mit einem spöttischen Lächeln aufgeführt werden. Komischerweise habe ich vor einigen Wochen das Supermodell Kate Moss getroffen und ihr beigebracht, wie die Donut- Hände gehen. Sie war begeistert.
Warum habt ihr die Chubster- Gang gegründet?
Ich habe Katrina Del Mars fantastischen Film “Gang Girls 2000″ gesehen. Das hat mich inspiriert, meine eigene Gang ins Leben zu rufen, nur mit mehr fetten Menschen. Mir ging es darum, einen Haufen von angesagten, gemeinen, toughen, humorvollen, großartigen und kriminell gesinnten, fetten Menschen zu haben, die mich in jeder Situation unterstützen würden. Ich hatte anfänglich Fantasien, aktivistische Dinge auf die Beine zu stellen. Aber in meinen Überlegungen, was gehen könnte, war ich relativ beschränkt. Was wir jetzt machen, ist ein viel größerer Spaß. Fette Menschen müssen oft mit Belästigungen auf der Straße und Anstarren fertig werden. Aggressiv zurückzustarren und zu zeigen, dass wir tough sind und uns wehren können, gefällt mir. Außerdem mag ich die Idee, das Vorurteil der vergnügten, fetten Person zu unterlaufen. Wir sind natürlich auch witzig, aber wir verwenden einen Humor, der verunsichernd und unbequem sein kann – für die Menschen, die fettphobisch sind. Und dann gibt meine Freundin Kira Jolliffe ein Magazin heraus, das “Cheap Date” (Billiges Date) heißt. Sie sagte, wenn ich eine Gang ins Leben riefe, würde sie eine Fotogeschichte drucken. Wie hätte ich da Nein sagen können? Ich habe einige Freund_innen überzeugt mitzumachen, wir haben uns unmögliche Namen und Biografien ausgedacht, ich habe eine Website entworfen, später haben meine Freundin und ich einige Workshops angeboten, Leute animiert, und so fing das Ganze an.
Ist es euch wichtig, euer Projekt auch als Teil queerer Kultur und Politik zu sehen?
Das ist sehr wichtig. Queere Kultur, Politik, Geschichte und Theorie haben mir die Möglichkeit eröffnet, mich selbst und meine verschiedenen Communities zu verstehen, in einer Art, die komplett relevant für fette Themen ist. Das beinhaltet Ideen der Normüberschreitung, Erschaffung eigener kultureller Artefakte, der Wiederaneignung unterdrückerischer Sprache, der bewussten Community, von Sex, eines subversiven und humorvollen Aktivismus, von Punk und Do-it-yourself (DIY). Ich respektiere radikale queere und trans Wegbereiter_innen. Von denen sind einige auch Teil der Bewegung für die Rechte von Fetten. Diese Menschen haben mir als junger, fetter, queerer Person das Leben gerettet. Jetzt, wo ich älter werde, inspirieren sie mich weiterhin. Aber ich bin keine Separatistin. Die Chubsters sind für alle offen, egal wie queer oder eben nicht queer du bist.
Welche Fett-Aktivist_innen haben dich am meisten beeindruckt?
“The Fat Underground”, eine Gruppe Frauen, inklusive einiger Lesben, die in den USA seit Mitte der 70er-Jahre für zehn Jahre aktiv waren. Sie waren die ersten, die “politics of fat” etabliert haben. Außerdem liebe ich Lew Louderback, der 1970 das aufwieglerische Buch “Fat Power” veröffentlicht hat. Das ist zwar veraltet, aber immer noch extrem relevant. Vor Kurzem habe ich ihn in New York getroffen. Die Lesben, die Mitte der 90er das “FaT GiRL”- Zine in San Francisco produziert haben, sind Freundinnen und Heldinnen für mich. Sie waren so wild und gesetzlos, so kreativ und organisiert. Ich liebe die Arbeit, die heute einige leisten, wie Corinna Tomrley. Sie hat gerade ein Buch mit dem Titel “Fat Studies in the UK” mit herausgegeben. Sondra Solovay leistet beeindruckende juristische Arbeit in den USA und ist dort maßgeblich an der Entwicklung der Anti- Diskriminierungs-Gesetzgebung beteiligt. Substantia Jones hat eine brilliante Fotoserie namens “The Adipositivity Project” entwickelt. Kelli Dunham ist diese großartige Butch, die im Bereich der medizinischen Selbsthilfe arbeitet. Das sind nur einige.
Mit welchen anderen Gruppen und Aktivistinnen steht ihr in Kontakt und mit wem würdet ihr gerne mal zusammenarbeiten?
NOLOSE, die US-basierte Organisation für fette Lesben und Queers, hat sich wirklich für die Chubsters eingesetzt, uns Plattformen für Workshops geboten und uns gefördert. In London existiert eine unterstützende queere/trans Community, die daran interessiert zu sein scheint, Überschneidungen und Intersektionen zwischen fetten und trans Identitäten und Verkörperungen zu entwickeln. Entfesselt es, sag’ ich nur! Außerdem entsteht eine “Health At Every Size”-Community in Großbritannien, die im Gegensatz zu einigen Anti-Diät-Initiativen der Vergangenheit daran interessiert ist, Verbindungen mit einem Fett-Aktivismus zu schaffen, inklusive der Chubsters. Mein Traum für eine Zusammenarbeit wäre, Chubster-Dinge mit älteren, radikalen Fetten auf die Beine zu stellen. Vielleicht denen, die in den Anfängen der Fett-Befreiungsbewegung aktiv waren. Ein Tanz-Projekt wäre auch toll. Oder etwas, das wirklich transkulturell ist und fette Anliegen aus seiner weißen, westlichen Zwangsjacke herausholt.
Du beschäftigst dich ja auch mit der Darstellung von Chubsters im Film. Hast du einen Lieblings- Charakter?
Was die komplexe Darstellung einer fetten Identität angeht, ist Percy Adlons Zusammenarbeit mit Marianne Sägebrecht in den 80ern wirklich schwer zu schlagen. Diese Filme scheinen in Vergessenheit geraten zu sein, zumindest in Großbritannien, was furchtbar schade ist. Ich würde gerne nochmal “Zuckerbaby ” sehen. Eine Erwähnung verdient haben John Waters Arbeiten mit Divine und Edie Massey, von denen alle wundervolle Freaks sind. Darlene Cates, als Mutter in “What’s Eating Gilbert Grape?”, ist schon eine tragische Figur. Nichtsdestotrotz freut es mich immer wieder, wenn ich eine_n superfette_n Schauspieler_in auf dem Bildschirm sehe. Das ist ein seltener Anblick.
Einige von eurer Gang kommen im Oktober nach Hamburg, um dort im Rahmen der Lesbisch Schwulen Filmtage eine Art Workshop/Gangmeeting zu machen. Worauf freust du dich am meisten in Hamburg?
Fantastische, humorvolle, brilliante fette und queere Menschen zu treffen und reizende Filme zu sehen. Auf den Sinnesangriff der Reeperbahn; köstliches deutsches Brot und Kuchen und die Möglichkeit, vegetarisches Schnitzel und Knödel zu essen; in schönen Schwimmbädern herumzudümpeln (Tipps sind erwünscht); mich mit Tetesept-Bad- Produkten einzudecken, die besten der Welt, wenn ihr mich fragt; flauschige Bettdecken, vielleicht Fahrrad fahren, mit meinen Liebsten zu sein. Und am 26. Oktober habe ich auch Geburtstag.
Mehr Infos zu den Chubsters:
www.chubstergang.com
www.charlottecooper.net
beefergrrl@hotmail.com
Infos zu dem Queer Chub Festival “The Fat of the Land”: www.queerchub.blogspot.com
Fat Blog von Charlotte Cooper www.obesitytimebomb.blogspot.com
Gruppen: NOLOSE www.nolose.org
FAT FEMME MAFIA www.myspace.com/fatfemmemafia
Die Chubsters bei den 20. Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg B-Movie, 24.10.2009 um 20.15 Uhr
Karten über Vorverkauf www.lsf-hamburg.de
Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Ines Voigts, Gesine Claus und Nina Schulz
Fotos: Christa Holka (S. 52) Substantia Jones (S. 55) und Promo
Ausgabe #5 – Releaseparty am 16. Oktober im Fundbureau
Hurra, Hurra, es ist geschafft! Eine weitere tolle Ausgabe von Hugs and Kisses ist fertig geworden. Am 16. Oktober erscheint zu unserer Releaseparty in Hamburg die Nummer 5 mit dem Schwerpunkt “Queer Cinema”!
Die neue Ausgabe ist wieder voll von spannenden Artikeln, Interviews und einer eigens produzierten Fotostrecke zum Schwerpunktthema (Inhalt). Dazu nur so viel: Unsere Models haben den Cinema Classics eine neue Bedeutung gegeben. Freut euch auf Didine van der Platenvlotbrug in “Miss Marple”, Hank Bobbit in “Giganten” oder Dolly Cluster in “Die Vögel”, um nur einige zu nennen. Neben dem Cinema Spezial erwartet Euch natürlich wieder Kunst, Kultur und Musik aus der queeren Bewegung.
Viel Vergnügen mit dem neuen Heft wünscht Euch die Hugs and Kisses Redaktion!
Zur Party haben wir tolle Gäste eingeladen – an den Turntables: Scream Club DJ Set (Berlin), Me How? (Berlin), dj. CheapelecTricks (Hamburg), Julie Wood (Hamburg), Rock n Rosa (Hamburg), Missy Lopes (SÃO PAULO)
Freitag, 16. Oktober im Fundbureau
Stresemannstraße 114, 22769 Hamburg (Karte)
Eintritt: 6 Euro inklusive Spende an die Lesbisch Schwulen Filmtage.
Issue #5 – Queer Cinema
Queer Cinema ist tot, lang lebe Queer Cinema
von Todd Verow
The Chubsters
Interview mit Charlotte Cooper
Stone
von Judy Minx
Queering Film Classics
Fotos von Andrea Preysing und Christiane Stephan
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Ich, ich, ich – “Generation Sowieso oder warum wir uns so viel mit uns selbst beschäftigen”
Die Bestimmung und die Suche nach dem Selbst sind mit der Moderne zu anerkannten Themen geworden. Doch Menschen heute beschäftigen sich anders mit Identität als frühere Generationen – diese These jedenfalls liegt der Fotoausstellung zugrunde, die am 8. Oktober 2009 im MÜLLERMEYERSCHULZE Vernissage hält. Sechs angehende Absolventen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg laden ein zu “Generation Sowieso oder warum wir uns so viel mit uns selbst beschäftigen” “Generation Ich” (neuer Titel). Auf die Einordnung ihres Schaffens durch Chronisten warten die KünstlerInnen nicht. Stattdessen nehmen sie sich gleich selbst das Label “Generation”. Was sie zu einer solchen vereint, zeigen Paula Markert, Nele Gülck, Mareike Günsche, Lia Darjes, Antje Sauer und Michal Glazik vom 9. bis 29. Oktober.
Podiumsdiskussion “Fotografie als Medium der Selbstreflexion?!”
Höhepunkt im Rahmenprogramm ist eine Gesprächsrunde am Donnerstag, 15. Oktober. Ingo Taubhorn (Kurator des Hauses der Photographie, Hamburg), Robert Morat (Galerist) und Timm Klotzek oder Michael Ebert (Chefredakteure des NEON-Magazins) werden darüber diskutieren, welche Rolle die Auseinandersetzung mit sich selbst heute in der Fotografie spielt.
“Generation Ich”
Laufzeit der Ausstellung: 9. bis 29. Oktober 2009
Vernissage und Tanzmusik am 8. Oktober 2009 ab 19.00 Uhr im MÜLLERMEYERSCHULZE, Spielbudenplatz 22, Hamburg









