Archive for April 2009
Brasiliens Queer-Pioniere

Solange, Tô Aberta! am 8. Mai 2009 bei der Hugs and Kisses Releaseparty im Fundbureau. Foto: Alisa Karabut/www.cometro.de
von Sebastian Beyer und Jean Lopes
São Paulo, an einem Samstagnachmittag im März vergangenen Jahres. Im glitzernden Shopping-Center an der Rua Frei Caneca, einem d e r schwulen Treffpunkte São Paulos, flaniert und konsumiert der gay Mainstream – gut geschützt durch Wachleute – offen und unproblematisch Hand in Hand. Eine Querstraße weiter liegt um ein unscheinbares Haus ein klein wenig Revolution in der Luft. Die heile Gay-Shopping-Welt ist hier herzlich egal. Aus einem Fenster hängt ein schwarzes Transparent mit großem rosa Winkel. Hier im Espaço Impróprio, dem »unangemessenen Raum« treffen sich an diesem Wochenende knapp hundert Personen aus ganz Brasilien zum zweiten Queerfest.
In der Vokü leitet eine Dragqueen einen »Wie mache ich mir eine vegane Wurst?«-Workshop, im Keller screent das Pornkollektiv Queer Fiction aus Porto Alegre neues Material, die Gruppe Esquizotrans aus Brasilia berichtet von dem neuen Blog, den sie für die brasilianische Le Monde Diplomatique zu Körperpolitiken schreibt, und schließlich entlädt sich später lautstark die Wut verschiedener Queercore-Bands.
Im Gay-Shopping dagegen hängen seit ein paar Wochen neue riesige Schilder auf den Herrentoiletten, die freundlich auf das Gesetz hinweisen, nach dem »obszöne Handlungen« in der Öffentlichkeit mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden können. Die gesellschaftliche Toleranzgrenze wird in großen Lettern deutlich gemacht.
Gern brüstet sich Brasilien mit der weltweit größten CSD-Parade und ist auch sehr stolz, mit seiner relativ fortschrittlichen GLBTT-Gesetzgebung führend in Lateinamerika zu sein. Der Alltag ist jedoch nach wie vor von einem starken Machismus gezeichnet, und auch der immer größer werdende gesellschaftliche Einfluss von, vor allem evangelikalen, Kirchen fördert eher sehr konservative Einstellungen. Gewalttätige Übergriffe treffen in besonderem Maße Lesben, Schwule und Transpersonen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, die wenig Zugang zu den überteuerten Gay-Clubs und sicheren Shoppingcentern der Mittel- und Oberschicht haben.
Am Ende des Queerfests steht die Show der QueerPunkFunk-Band Solange, Tô Aberta, und obwohl alle zunächst ein wenig erschöpft von Wochenende wirken, beginnt eine überraschende Party: Bereits nach den ersten Klängen ihres Funk-Carioca-Sounds fliegen die ersten T-Shirts durch die Luft. Bis eben noch ziemlich maskulin und ernst wirkende Anarcho-Punks kreisen mit ihren Ärschen Richtung Dancefloor – denn darum geht es im Funk Carioca: Der Arsch wird das Zentrum des Tanzes, die Textfetzen sind klar und eindeutig in ihrer Message.
Der Funk-Sound, der zu Beginn des neuen Jahrtausends in den Favelas von Rio de Janeiro entstand, steht oft in harter Kritik. Die einfachen, eindeutigen Texte, welche meist vom Leben in den Favelas handeln, seien äußerst sexistisch, homophob und gewaltverherrlichend.
Solange, Tô Aberta eignen sich das kontroverse Genre aus konsequent queerer Perspektive an, ähnlich wie Homo-Hopper_innen den Hip-Hop seit einigen Jahren durchqueeren. Ein Song stellt zum Beispiel mit eindeutigen Wörtern die Frage, ob denn auch der Papst zu analen Freuden fähig sei – die Vorraussetzungen hätte er ja: »O cu e um buraco que todo mundo tem! Ate o papa tem!« (in etwa: »Das Loch im Arsch hat ein jeder! Selbst der Papst!«). Dazu toben Paulo Belzebitchy und Pedro Costa nahezu akrobatisch glitzernd über die Bühne und tanzen sich in Trance. Bereits nach den ersten zwei Songs haben die beiden ihr Publikum völlig in der Hand, niemand im Raum ist mehr vollständig bekleidet und die ersten Personen stürmen die Bühne, um sich an den beiden Solanges und sich gegenseitig zu reiben. Das Ganze formt sich dann zu einer einzigen im Beat zuckenden Masse. Uiuiui. Unglaublich.
***
Hamburg, ein Jahr später. Wir wollen es nochmal ein wenig genauer wissen, wie es denn steht um die eindrucksvolle queere Szene Brasiliens. Blitzschnell antwortet Paulo von STA! auf unsere Interviewanfrage, das passe ja alles sehr gut zusammen, seien sie doch sowieso gerade dabei, ihre Europatournee für den Frühling zu planen. Es wird also höchste Zeit:
Eure Show während des Queerfests in São Paulo ist uns immer noch in lebendiger Erinnerung – wir haben uns sehr amüsiert. Haben Eure Auftritte denn stets dieselbe Dynamik?
Paulo: Definitiv nicht! STA! ist das Resultat aus unseren persönlichen Geschichten, unseren Traumata, Freuden, Ängsten, Unzufriedenheiten und Unruhen. Und abgesehen davon sind wir eher ganz unbeständige Personen. Dies allein macht es schon unmöglich, dass unsere Auftritte immer gleich ablaufen. Manche Shows sind erotischer, andere eher heftiger, aggressiver. Es gibt keine Zauberformel, kein Drehbuch, niemand weiß, was passieren wird – wir auch nicht. Und genau das ist das Lustigste daran.
Was war »das Queerste«, was während einer Eurer Shows passiert ist?
Paulo: Also, ich habe mir bereits beide Füße verstaucht, einen herausgeschlagenen Zahn ausgespuckt, die Diskokugel eines Clubs solange malträtiert, bis sie mir auf den Kopf fiel. Ich habe Leute abspritzen sehen, wir spielten in einem Club, wo alle splitternackt waren. Ich erinnere mich an Leute, die sich küssten und liebkosten während unserer Shows, aber auch an welche, die sich kniffen und schlugen. Ich könnte stundenlang weitererzählen. Aber ehrlich, ich glaube, ich kann das alles am besten zusammenfassen, wenn ich sage, dass es das »Queerste« ist, wenn Du Deine Begehren zeigst, Dich vergnügst ohne Moral und ohne Schuld. Und dies kann ich mit Stolz sagen, geschieht praktisch bei allen unseren Shows. Manchmal viel, manchmal wenig, aber es passiert immer.
Wie verstehst Du denn queer eigentlich, so ganz persönlich?
Paulo: Für mich ist queer sein, so zu leben, wie es eine_n glücklich macht, ohne sich um Etiketten, Schubladen oder die Meinung der anderen zu sorgen. Viele von uns wachsen in einem sehr moralischen Umfeld auf. Zuhause, auf der Strasse, in der Schule hören wir Moralpredigten und es ist schwierig, dies nicht zu reproduzieren. Es ist schwierig, zu definieren und zu akzeptieren, was richtig und was falsch ist. Ich glaube, jede_r muss das für sich selbst beantworten. Die Leute wollen Dich immer in Schubladen stecken. Wenn Du geboren wirst zum Beispiel, bekommst Du einen Namen, den Du Dir nicht selbst ausgesucht hast. Was ist wenn mein Vater sagt, dass mein Name João ist, aber ich eher bevorzuge, mich Maria zu nennen? Ich glaube, queer kümmert sich nicht um diese Binaritäten »richtig oder falsch«, »Junge oder Mädchen«, »Mann oder Frau«, »Hetero oder Homo«.
Wie kommt Ihr zum Funk Carioca? Was mögt Ihr daran?
Wir wollten etwas machen, was bei einigen Leuten Spaß und Freude hervorruft, aber gleichzeitig auch unangenehm bis provozierend für viele ist. Ich glaube, dieses Bedürfnis, nicht von der Mehrheit gemocht zu werden, kommt zu recht mit der Tatsache, dass wir uns nie einschränken lassen wollen, von dem was die Mehrheit denkt und als »richtig« beurteilt. Funk Carioca drückt dies ganz hervorragend aus. Indem wir die Sprache des Funk Cariocas benutzen, sehen wir die Möglichkeit, Situationen, Verhaltensweisen und Gebräuche darzustellen und zu kritisieren, ganz ohne die Förmlichkeit, mit der üblicherweise diese Themen behandelt werden.
Wir seid Ihr zu Eurem Namen gekommen?
Unser Name ist eine große Wortspielerei. Wir wollten einen sozial weiblich konotierten Namen und wählten »Solange«, da er zum einen sehr populär ist hier in Brasilien und außerdem fanden wir ihn ganz lecker auszusprechen. Das »tô aberta« (ich bin offen) entstand durch einen Song der tollen Band Tetine »Betty Faria – Eu Tô Aberta«. Wir haben uns weggehauen, als wir den Song zum ersten mal hörten.
Wir habt Ihr Euch kennengelernt, wie ist die Band enstanden?
Wir haben uns 2006 in Salvador da Bahia kennengelernt und dann ziemlich bald die Band gegründet. Keiner von uns beiden ist jedoch in Salvador geboren. Letztes Jahr sind wir dann zusammen nach Rio de Janeiro gezogen. STA! entstand aus unserem Bedürfnis heraus, über Themen zu sprechen, die wir als wichtig empfinden. Wie Homophobie, Sexismus und Ausbeutung von Tieren zum Beispiel.
Wie seht Ihr die aktuelle Situation in Brasilien?
Ich kenne praktisch alle Gegenden Brasiliens und kann behaupten, dass Brasilien unglücklicherweise immer noch ein extrem machistisches, katholisches und uninformiertes Land voller Vorurteile ist. Es ist leider sehr gefährlich, hier zu leben, wenn Du Dich nicht dem heteronormativen Muster fügst und in der Öffentlichkeit offen dazu stehst, anstatt Dich als heterosexuell zu tarnen. Verschiedene Freund_innen von mir wurden bereits gewalttätig angegriffen und auch ich selbst wurde, als ich jünger war, von drei Typen so lange heftig verprügelt, bis mein Gesicht komplett entstellt war. Nur, weil ich geschminkt war.
Gibt es Gruppen oder Organisationen, die gegen Homophobie kämpfen?
Es gibt in Brasilien zwar viele NGO’s, Unterstützungsgruppen und Vereine, die sich um LGBTT-Rechte kümmern. Aber ich indentifiziere mich nicht so recht mit einigen Vorstellungen, die sie haben und Standpunkten, die sie vertreten. Und glücklicherweise gibt es immer noch einige Leute, die das so ähnlich wie ich sehen. Ich will nicht nur zum CSD oder an bestimmten Orten geschminkt sein und meine Kleider anziehen. Warum muss ich in meinen Sexualbeziehungen nur passiv oder nur aktiv sein? Ich will mich nicht entscheiden müssen, ob ich denn nun Mädels oder Jungs begehre. Ich will mich nicht darum sorgen, wie ich laufe, spreche oder was und wen ich beim Sex geil finde. Ich will nicht als »akzeptabel« gelten für die S C H E I S S-katholische Kirche. Bitte druckt das: Ich H A S S E die katholische Kirche und ich fühle bereits beim Hören des Wortes »Vatikan« einen großen Ekel! Fuck Katholizismus!
Glücklicherweise beobachte ich hier in Brasilien, dass immer mehr Leute eben diese Unzufriedenheiten und Infragestellungen teilen. Und das gibt Kraft und Stärke für Queer-Festivals, Veranstaltungen, Arbeitsgruppen, und Bands wie die unsere existieren weiter. Glaub mir Baby, eines Tages werden wir die Welt beherrschen! Hahaha …
Was meint Ihr, gibt es eine queere Szene in Brasilien?
Paulo: Ich erinnere mich, als wir angefangen haben, wusste quasi niemand was mit dem Wort »queer« anzufangen. Aber heute entstehen fast täglich neue Bands, Kollektive, Festivals. Und auch, obwohl es sich hierbei um einen sehr unabhängigen Kreis handelt, gibt es meiner Meinung nach etwas wie ein wachsendes queer movement hier in Brasilien. Es ist etwas sehr junges und in einer starken Ausbreitungsphase. Ich kenne und mag besonders zwei andere Bands, die dieselben Themen behandeln wie wir: Nerds Attack aus São Paulo und Teu Pai Ja Sabe? (Weiß es Dein Vater schon?) aus Curitiba.
Ich zweifle nicht daran, dass sich viele Personen queer identifizieren, aber nichts von einer solchen Bewegung wissen. Brasilien ist ein riesiges Land und die meisten queeren Sachen finden in einer sehr kleinen alternativen, unabhängigen Szene statt. Es gibt noch viele Schwierigkeiten, zum Beispiel gibt es keine regelmäßigen Veranstaltungen oder spezielle queere Orte. STA! hat dieses Underground-Universum bereits verlassen, um Räume zu besetzten, in denen bisher noch keine queeren Bands gespielt haben. An allen Orten, an denen wir bis jetzt waren, haben wir unsere Spuren hinterlassen! Und außerdem freue ich mich, sagen zu können, dass wir hier eine große Anzahl treuer und hungriger Fans haben. Sie sind eine sehr wichtige Unterstützung und helfen uns, diese queere Spur immer stärker und breiter durch das Land zu ziehen … aaaah, ich liebe das, das hört sich sehr gut an!
Pedro (schaltet sich zur letzten Frage noch in den Email-Verkehr ein): Grundsätzlich gibt es in Brasilien schon
verschiedenste Personen – Künstler und Gruppen, die sich mit Fragen zu Sexualität, Gender und Geschlecht befassen. Aber eher oberflächlich und weniger radikal als das, was ich mir unter »queer« vorstelle. Viele von ihnen haben das Wort noch nie gehört. Die »queere
Idee« steht in Brasilien meiner Ansicht nach noch sehr am Anfang. Ich glaube, der Hauptgrund ist aber eher ein pragmatischer, ein sprachlicher: Viele Queer-Theory-Texte und Information über das radical queer movement sind nicht ins Portugiesische übersetzt oder brauchen sehr lang, bis sie aus dem Englischen oder Spanischen übersetzt werden. Wir arbeiten dran.
Solange, Tô Aberta!
noch bis Anfang Juni auf Tour in Europa
Solanges Website
www.myspace.com/solangetoaberta
Queerfest São Paulo
www.myspace.com/queerfest
Espaço Impróprio,
Rua Dona Antonia de Queiroz 40, São Paulo
www.queerfiction.net
http://esquizotrans.wordpress.com
www.tetine.net
www.myspace.com/nerdsattackfast
www.myspace.com/teupaijasabe
Kvir u Beogradu – Queere Szene Belgrad
»… und dann war die Eröffnung. Wir hatten uns in Schale geworfen und alle waren da, sogar Milan … Ich glaube, das war der Moment, in dem ich anfing, zu träumen – als ob jede Pore meines Körpers offen wäre. Und Belgrad schien plötzlich wie eine Stadt mit offenem Geist zu sein. Maja sagte ständig, wie schön jede_r sei, und wir waren wunderschön in dieser Nacht. Verrückt, mir war gar nicht bewusst, dass wir etwas Wichtiges für uns und unser Umfeld taten. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was genau sich verändert hat … und ob. Ich hatte Angst, dass niemand zur Eröffnung oder den Workshops kommen würde, aber sie kamen. Ganz verschiedene Leute, die ich teilweise auch gar nicht kannte … woohoo … es sieht so aus, als ob wir unser Ghetto verlassen.«
15 Jahre nach dem ersten Arkadija-Treffen und 4 Jahre nach der angegriffenen Pride-Parade 2001 haben wir im Mai 2005 das erste Queerbeograd-Festival organisiert. Im Oktober 2008 fand es das fünfte Mal statt. Seit wir als Kollektiv angefangen haben, gemeinsam zu arbeiten, erleben wir, wie sich gesellschaftliche Grenzen und Möglichkeiten für Queers in Serbien verschoben und verändert haben. Trotz der tagtäglichen Diskriminierungen pushen wir Vorstellungen und erweitern gesellschaftliche Räume, schaffen Netzwerke (lokal und international) und reale physische Räume. Um all das soll es in diesem Artikel gehen.
Schwul-lesbische Bewegung
Schwul-lesbische Rechte waren bis in die späten 1980er, als der Schriftsteller Jovan Cirilov begann, öffentlich über das Thema zu sprechen, nicht im Fokus der jugoslawischen Öffentlichkeit. Mit Arkadija wurde 1990 in Belgrad die erste schwul-lesbische Gruppe gegründet – noch zu einer Zeit, in der ihre Existenz illegal war. Bald wurden die Anstrengungen der Aktivist_innen von der Kriegspolitik und dem damit einhergehend stärker werdenden Nationalismus sowie dem ökonomischen Abstieg überlagert. In dieser Zeit fiel es kaum auf, dass 1994 Homosexualität zwischen Erwachsenen im Stillen entkriminalisiert wurde.
Der Antikriegsprotest in Serbien wurde vor allem durch pazifistische, feministische Gruppen getragen (Zene u crnom – Frauen in Schwarz). Neben regelmäßigen Kundgebungen ging es auch darum, antimilitaristische Netzwerke (wieder-)aufzubauen. Unter anderem wurde von Serbien aus ein SOS-Telefon organisiert – für Frauen in Bosnien, die von (serbischen) Militärs sexuell missbraucht worden waren.
Kurz vor Ende des Bosnien- bzw. Kroatienkrieges wurde im März 1995 Labris gegründet, die bis heute eine der wichtigsten Gruppen in Serbien ist, wenn es um die Menschenrechte von LGBTIQ1) (in erster Linie Lesben) geht. Labris macht Lobbying für ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz, jährliche Berichte, beispielsweise darüber, wie LGBTIQ(-Themen) in der Presse und von Politikeren verhandelt bzw. aufgegriffen werden, organisiert Kampagnen gegen Homophobie und bietet Unterstützung jeglicher Art für Lesben/Queers an.
2000 wurde Gayten – Centar za promociju prava seksualnih manjina (Zentrum zur Förderung von Rechten sexueller Minderheiten) gegründet. Ähnlich zu Labris wird hier vor allem Lobby-Arbeit betrieben. Darüber hinaus organisiert Gayten das LGBTIQ-SOS-Telefon und hat den Aufbau der ersten serbischen Trans-Gruppe stark unterstützt, deren Treffen seit über einem Jahr in den Räumlichkeiten von Gayten stattfinden.
Rechtliche Situation
Männliche Homosexualität war in Serbien bis 1977 offiziell verboten, allerdings gibt es keine Akten darüber, dass das Gesetz je zur Anwendung kam. Ein Gesetz, welches sich an weibliche Homosexualität adressiert hätte, gab es jedoch nie. Wie auch – Lesben haben ja keinen Sex …
In den späten 1970er Jahren wurde den Provinzen Jugoslawiens mehr Autonomie in der Gesetzgebung zugestanden. Einhergehend mit der offenen Einstellung der Bevölkerung zu Homosexualität wurde diese 1978 in der Vojvodina, der nördlichsten Provinz Serbiens, legalisiert: Homosexualität wurde der Heterosexualität ohne eine eigene Gesetzgebung wie die zur Homo-Ehe, zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder zum Schutz vor Diskriminierung gleichgestellt. Die Legalität währte bis 1990, also bis die Vojvodina wieder vollständig ins serbische Rechtssystem eingegliedert wurde, welches Homosexualität zu dieser Zeit immer noch illegalisierte.
1994 schließlich wurden einvernehmlicher Analverkehr ab dem Alter von 18 Jahren und andere sexuelle Praktiken ab dem Alter von 14 Jahren legalisiert. Erst zum 1. Januar 2006 legalisierte man einvernehmlichen Sex zwischen Menschen ab dem Alter von 14 Jahren, unabhängig ihrer sexueller Orientierung oder ihres Genders.
In den Straßen … jeden Tag
Aber wie lebt man Tag für Tag queer in einer Gesellschaft, die streng patriachal, heterosexistisch, orthodox und nationalistisch ist – in einem Land, das man ohne Visum nicht verlassen kann und in dem man nicht viel Geld zu Verfügung hat?
Das sind Fragen und Themen, mit denen man tagtäglich konfrontiert ist. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Jugoslawiens haben die orthodoxe Kirche und nationalistische Ideen einen enormen Aufschwung erlebt und wurden zu Normativen der heutigen serbischen Gesellschaft. Seit Jahren halten rechte und ultrakonservative Parteien die parlamentarische Mehrheit, wodurch ihre »Blut und Boden«-Ideologie auf eine institutionalisierte Ebene gebracht wurde und wird. Beispielsweise hat die utranationalistische »serbische radiakale Partei«2) 29,5% der Stimmen bei den Parlamentswahlen im Jahr 2008 erhalten. Im Vergleich dazu erhielt die »demokratische« (was auch immer das in Serbien heißt) Partei (Demokratska Stranka) 38,4% und ging 2008 mangels Alternativen eine Koalition mit der ehemaligen Milosevic-Partei (Socijalisti_ka Partija Srbije) ein. Soweit zur politischen Lage.
»Ubi perderi – Tötet die Schwuchteln«
Beim Versuch, 2001 die erste Pride-Parade in Serbien zu veranstalten, mussten Lesben und Schwule nicht nur Klerofaschisten3) als Gegener erleben, sondern auch serbisch-orthodoxe Priester, die den Mob anführten. Sie hielten Reden über die Sünde »Homosexualität« und gaben der Gewalt gegenüber den Teilnehmer_innen der Pride-Parade ihren Segen. Gleichzeitig darf die Rolle des »normalen Bürgers« nicht vergessen werden. Das Schlimmste daran, offen und out auf die Straßen zu gehen war wahrscheinlich, die Reaktionen der Vorbeigehenden/Zuschauer zu erleben. Sie waren diejenigen, die den prügelnden Faschos applaudierten und sie anfeuerten. Manche sagten in Interviews mit Journalisten, dass sie sich persönlich angegriffen fühlten, weil Lesben und Schwule ihr Privatleben in die Öffentlichkeit brächten.
Das illustriert, was man täglich unter der Oberfläche spürt und was man in Entscheidungen, wie eines Coming-Outs (bzw. wem gegenüber), miteinbezieht. Auf der anderen Seite, auch wenn es widersprüchlich klingen mag, ist es durchaus möglich, queer zu sein und zu leben, wie man will. Gerade in Belgrad, einer Millionenstadt, gibt es Möglichkeiten und auch den Raum dazu, anders zu leben. Die Situation in den ländlichen Gegenden gestaltet sich natürlich schwieriger bis unmöglich. Es sei hier nur auf den Kosovo verwiesen, wo sich die Situation von LGBTIQs dramatisch verschlimmert hat.
Wenig überraschend ist es, dass es in Serbien meist einfacher ist, als Lesbe out zu sein als als schwuler Mann. Die Machokultur lässt wenig Raum für die Vorstellung einer weiblichen Sexualität – genauso wenig, wie für die Existenz einer schwulen Identität –von trans- oder intersexuellen Menschen gar nicht zu sprechen.
Diese mit der Heteronormativität einhergehende Ignoranz kann einen auch in recht eigenartige Situationen bringen: Butches kriegen anerkennende Schulterklopfer für die schicke Femme an ihrer Seite von Typen, denen man lieber nicht zu nahe kommt, und Femmes werden gehässig von der Seite angeguckt für – wahrscheinlich – die schicke Butch an ihrer Seite.Das orthodoxe Auge sieht offenbar nur, was es sehen will …
Ökonomische Situation
Wenn wir über das Leben in Serbien oder Ex-Jugoslawien sprechen, muss die ökonomische/soziale Situation in die Betrachtung mit einbezogen werden. Ob wir Geld haben oder nicht, beeinflusst stark die Möglichkeiten und Entscheidungen, die wir sehen und treffen. Das Durchschnittseinkommen im Land liegt bei etwa 200 Euro, wohingegen die Kosten für Miete, Strom, etc. teilweise mit Berlin vergleichbar sind. Dies führt dazu, dass viele Menschen es sich schlicht nicht leisten können, mit ihren Freund_innen oder Partner_innen zusammenzuziehen. Diese Situation wirkt sich natürlich auch auf die Community aus, z.B. in der Menge an Zeit, die in unbezahlte Politarbeit gesteckt werden kann.
Community
Wie schon erwähnt, unterscheidet sich Belgrad auch in Bezug auf die queere Community sehr von den ländlichen Gegenden. Es gibt eine handvoll Bars, eine regelmäßige Partylinie (queer‘n‘loud) und ein paar gayfriendly Clubs, wo sich LGBTIQs treffen, abhängen und feiern können. Darüber hinaus schaffen Gruppen wie Queerbeograd, Labris oder Zene na delu mit den mehrtägigen Festivals oder Workshops fokussierte temporäre Räume, die auch Queers außerhalb Belgrad ansprechen.
Neben den »realen« Räumen spielt das Werkzeug Internet eine immense Rolle als Ort des Austausches und Treffens. Es existieren Foren, Chats, Newslists und Websites für/von Queers. Nicht verwunderlich, dass Queerbeograd auch ein Facebook-Profil führt … Gerade in den Gegenden, in denen eine »reale« Vernetzung schwierig ist, bieten die virtuellen Räume die Chance, an Informationen zu queeren Themen zu kommen, die nicht orthodox verdreht wurden. Interessant ist die Lücke, die sich dadurch teilweise zwischen Queers, die sich dicht am internationalen Genderdiskurs bewegen, und der Mehrheit, die zu 80% denkt, dass Homosexualität eine Krankheit ist, die geheilt werden muss, bildet.
Queer/Kvir
Der Begriff »queer« ist ein westliches Importprodukt. Bis heute ist der Begriff für viele nicht gefüllt, was sowohl Möglichkeiten eröffnet als auch Schwierigkeiten mit sich bringt. Als wir 2005 das erste Queerbeograd-Festival organisierten, war »queer« als Konzept relativ neu. (Das erste Queerfestival in Südosteuropa fand 2003 in Zagreb statt.) Wir nutzten diese Situation, um den Begriff »queer« eng an linksradikale Positionen (noborder, Antirassismus, Feminismus, Antimilitarismus, Antifa …) zu knüpfen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sich das Queerbeograd-Kollektiv aus der Organisation der People-Global-Action-Konfernz 2004 in Belgrad gegründet hat.
Der Nachteil, einen neuen Begriff zu besetzen, liegt darin, dass er oft noch nicht stark genug ist, politische Statements deutlich zu platzieren. Auf serbisch ist »peder« (was so viel heißt wie »Schwuchtel«) der beleidigende Begriff, der »queer« in englischsprachigen Ländern ist. So werden Schwule auf der Straße, im Fernsehen, von manchen Politikern und den ganz »normalen« Leuten als »peder« bezeichnet.
Queerbeograd
Das Ziel des Kollektivs war von Anfang an, Räume zu schaffen. Nach dem erschütternden Ereignis der Pride-Parade 2001 und dem Erschrecken der Community über die Gewalt war es essentiell, wieder Räume aufzumachen, in denen man sich sicher treffen und neu zusammenfinden konnte.
Genauso wichtig wie die inhaltlichen liksradikalen/queeren Verknüpfungen war und ist es für uns, Themen nicht nur in einem kleinen Kreis zu verhandeln, sondern die Diskussion mit Gruppen verschiedener Hintergründe, Praxen und Zielen zu suchen, beispielsweise mit Sexarbeiter_innen aus Rom/London und Nis mit Sexarbeits-Aktivist_innen aus Belgrad und Skopje oder Trans-Aktivist_innen aus London mit welchen aus Belgrad und Sarajevo. Der Versuch, Aktivist_innen, Künstler_innen, Akademiker_innen etc. sowohl aus Ex-Jugoslawien als auch Ost- und Westeuropa in einem Panel zusammenzubringen, bleibt der Anspruch der Festivals. Ob er gelingt, kann in unseren Publikationen nachgelesen werden …
Dieses Verbinden von Geschichten, Kritiken und Ebenen ist auch der grundsätzliche Anspruch der Performances, die ein Herzstück unserer Arbeit sind. Die Auftretenden sind meistens Aktivist_innen und stehen oft zum ersten Mal auf der Bühne. Die performten Stücke sind ihre eigenen Geschichten oder die anderer Menschen aus unserem Umfeld – Geschichten über politischen Aktivismus, eigene Identitäten oder Erfahrungen, die durch die erlebende Person verknüpft und so beschreibbar werden.
»I‘m your bastard daughter white trash whore sister bitch goddess chipped brick uber slut, fuck you in the ass nightmare kind of girl … raised by mama to do all the right things … and just look at how I turned out. An angel in the kitchen and a whore in the bedroom … give me half a chance and I‘ll see if we can work out some thing that combines the two … how about you cook me dinner in your underwear and then I fuck you on the table?«
Jet Moon, Femme-inism 101, Zitat aus der Performance
Beim ersten Queerbeograd-Festival gab es u.a. Workshops und Diskussionen zu S/M, Theaterpraxen, der Situation von Roma-Frauen in Ex-Jugoslawien oder Selbstverteidigung. Am 3.Tag organisierten wir eine Straßenparty im Stadtzentrum unter dem Motto »Stop der Gewalt in den Straßen« (»Stop nasilju na ulicama«) und … nichts passierte!
Diese Erfahrung war großartig und zeigte, wie viel doch möglich war. Nur 6 Monate später veranstalteten wir das 2. Festival unter dem Titel »Party and Politics« im »REX kulturni centar«, bei dem wir uns auf inhaltliche, politische Diskussionen (politics of control, gender and identity, art and politics, radical queer theory) und Performances konzentrierten. Ab diesem Zeitpunkt begannen wir auch, die Auseinandersetzungen zu dokumentieren und zu publizieren.
Netzwerke
Während des 4. Queerbeograd-Festivals im Oktober 2007 hat sich ein Bus voll Festivalteilnehmer_innen an einer Antifademo in Novi Sad beteiligt. Im Verlauf der Demo wurden Personen aufgefordert, die mitgebrachten Regenbogenflaggen einzupacken. Antifas sprachen von einem allgemeinen Fahnenverbot. Da aber sehr wohl Antifafahnen geschwenkt wurden, konnte die Erklärung nicht so einfach hingenommen werden.
Während eines Antifa-Kongresses in Srenjanin, an dem Queerbeograd auch teilnahm, kamen unterschiedliche Positionen zu Tage. Von »wir sind alle Teil einer Bewegung« bis zu »warum sollen wir mit den Queers zusammenarbeiten, wenn wir deshalb von den Faschos angegriffen werden«. Dies nahmen wir als Anlass, das darauffolgende Festival unter das Thema »Direkte Aktion und Antifaschismus« zu stellen. In der kontroversen Diskussion kamen Antifas aus Moskau, Srenjanin und Belgrad sowie Queers aus Istanbul zusammen.
Einige Wochen später, im Oktober 2008, gab es auch in Belgrad eine große, von einem bürgerlichen Bündnis getrage Antifa-Demo, an der sich Queerbeograd in einem antiautoritären/postlinken/queeren/anarchistischen/punk/libertären Block4) beteiligte. Diese Teilnahme war aus zwei Gründen wichtig für uns: Zum einen, um zu zeigen, dass wir als Queers Teil einer antifaschistischen Bewegung sind und dass man deswegen zur Homophobie nicht schweigen kann, und zum anderen, um gemeinsam ohne Angst auf die Straße zu gehen und dies der Erfahrung des Angriffs auf das Festival entgegenzusetzen.
Angriff auf das 5. Queerbeograd-Festival
Am 19. September 2008 (2. Festivaltag) verließ eine Gruppe von Teilnehmer_innen den Festivalort und wurde von einer Gruppe von ca 20 Obraz-Mitgliedern angegriffen. Fünf Menschen wurden verletzt, einer davon schwer, mit einem gebrochenen Arm. Der Vorfall ereignete sich in unmittelbarer Nähe zum Festival, so dass die zum Festivalschutz abgestellten Polizisten schnell eingriffen.
Der Angriff steht in klarem Zusammenhang mit einem Zeitungsartikel, der in der Woche vor dem Festival erschien. Die Gratis-Zeitung 24 sata publizierte auf der Titelseite einen sensationalistischen Artikel unter der Überschrift: »5. klandestines Schwulenfestival in Belgrad« (Peti skriveni gej festival u Beogradu). Daraufhin wurde das Festival zum Thema in mehreren nationalistischen Internetforen.
Ein Angreifer konnte sofort festgenommen werden, zwei weitere am darauffolgenden Tag. Die Staatsanwaltschaft brachte eine Klage wegen schwerer Körperverletzung und zwei wegen gewalttätigen Verhaltens ein. Die Menschenrechtsorganisation Labris führt die Nebenklage auf Basis der Diskriminierung. Somit ist dies das erste Mal in Serbiens Rechtssprechung, dass Diskriminierung aufgrund einer anderen sexuellen Orienterung als der heterosexuellen Gegenstand einer Klage ist.
Zwar gibt es kein umfassendes Antidiskrimierungsgesetz, aber verschiedene Dekrete zu Gleichbehandlung und Diskriminierung, die z.B. in Fällen der Diskriminierung von Roma angewandt wurden. Dieser Prozess zum ersten organisierten Angriff auf LGBTIQs seit der Pride-Parade 2001 kann zu einem Präzedenzfall werden. – Zum allerersten Mal reagierten staatliche Institutionen auf homophobe Gewalt, und der Minister für Menschen- und Minderheitenrechte verurteilte den Übergriff öffentlich. Bis zu diesem Zeitpunkt haben Politiker und Institutionen kaum ein Wort zu LGBTIQ-Themen verloren, genauso wie die Polizei der Community in der Vergangenheit den Schutz verweigert hatte.
Diese Ereignisse bedeuten hoffentlich positive Veränderungen für LGBTIQs/Queers. Aber auch für unsere politische Arbeit zeigen sich Auswirkungen. Ob wir wollen oder nicht, unsere Arbeit ist in der Öffentlichkeit gelandet. Was auf einer Seite sehr gut ist, bedeutet auf der anderen auch, dass wir Fragen der Sicherheit neu diskutieren müssen.
2009 wird es kein 4-tägiges internationales Festival in Belgrad geben. Wir werden es stattdessen in diesem Jahr in verschiedene kleinere, lokale Tages-Events transformieren. Das eröffnet die Möglichkeit – ohne uns zu verstecken – weiterhin lokale Netzwerke zu knüpfen, unseren Raum zu schaffen und gesellschaftliche Grenzen und Normen weiterhin herauszufordern und zu verändern.
Mehr Infos:
www.queerbeograd.org
Kontakt:
queerbeograd@yahoo.co.uk
Spenden für Prozesskosten und Betroffenenunterstützung sind sehr willkommen.
Text und Fotos: queerbeograd
Emotionen sind politisch
von Strawberry Williams
Nicht nur in Berlin ist sie auf Trans-Events ein zuverlässiger Gast: Miss Debra Kate ist meistens ganz vorne vor der Bühne, selten sitzt sie bequem, meistens liegt sie oder hängt sie über irgend etwas drüber, sie reckt sich, um das Bühnengeschehen mit ihrer Kamera richtig einfangen zu können. Sie ist nicht zum Spaß hier, oder zumindest hat sie neben dem Spaß, viele verschiedene Queer-Performances zu sehen, auch eine Mission: Sie will sie abbilden.
Als ich sie besuche, in einem ex-besetzten Haus in Berlins nördlicher Mitte, fallen mir zuerst die vielen Kisten auf: Das ganze Zimmer steht voll mit Kästen und Kartons, in Regalen, auf Schränken, teilweise bis unter die Decke . »I love containers!«, ruft Debra Kate aus, als ich sie darauf anspreche. Sie verstaut Sachen so gern, zum Beispiel ihre vielen Fotos, die sie noch aus der Zeit der analogen Fotografie aufbewahrt. Lustigerweise steht diese Zuneigung im Gegensatz zur Unlust von Debra Kate, sich identitätsmäßig in Schubladen stecken zu lassen – auf Englisch »to put in boxes«. »Ich will als ganze Person gesehen werden und nicht als eine Serie von Labeln, die mir aufgedrückt werden, nur weil irgendwem ein bestimmter Teil meiner Persönlichkeit auffällt und das dann zur Basis einer Einteilung genommen wird.« Ein Label, das oft auf sie gedrückt wird, ist: Frau. Doch als Frau fühlt sich Debra Kate nicht. Weiblichkeit ist für sie ein Akt von Performance.
Miss Debra Kate ist in Boston aufgewachsen. Ende der 1990er besuchte sie eine Freundin in Berlin, dann gefiel es ihr in der Stadt so gut, dass sie immer wieder kam und ein paar Jahre später beschloss, ganz zu bleiben. Sie suchte sich Deutsch-Kurs und Zimmer: »Ich bin mit einem Freund zu einem schwulen Infoladen gegangen, dem Mann-O-Meter, um am Schwarzen Brett nach Wohnungsanzeigen zu suchen«, erzählt Debra. »Und genau da lagen auch Flyer für einen Barbara-Streisand-Lookalike-Contest.« So kam Debra Kate mit der Berliner Performance-Szene in Kontakt – zuerst ging sie zum Café Transler. Hier war es für sie zunächst schwer, Anschluss zu finden: Wegen der Sprachbarriere und weil sie nur wenig Zeug da hatte, um sich aufzubrezeln. »Es half auch nicht, dass ich eine biologische Frau war – ich glaube, manche Leute sahen mich eher als das amerikanische Mädchen, das auf der Suche nach schrillen Berlin-Abenteuern ist«, erinnert sich Debra Kate heute. Trotzdem kam Debra Kate regelmäßig zum Café Transler, sprach immer besser deutsch, hatte irgendwann auch ihr Make-up aus den Staaten da – und mangels einer großen Garderobe war sie outfitmäßig kreativ, ließ sich immer etwas Neues einfallen. Als sie sich aus einem alten Regenmantel, Toilettenpapier und Klebeband ein Engelskostüm gezaubert hatte, war das Eis gebrochen. Debra Kate wurde Mitglied im Team des Café Transler und trat fortan bei den Shows mit auf.
»Das Lustige ist, dass die Leute nicht wussten, wer das jetzt ist, der da auf der Bühne steht. Wenn ich auf der Bühne nichts sage, werde ich oft für einen Mann gehalten, obwohl ich Frauenkleidung trage, eine Frauenperücke und dickes Make-up.« So verwirrte Debra Kate das Publikum: Eine »biologische« Frau, die ein Mann ist, der sich als Frau aufmacht. Wobei der Begriff »biologische Frau« irreführend ist: Debra Kate wurde als einziges Mitglied des Transler-Teams ohne Schwanz geboren – was sie von den anderen oft trennte, auch wenn beim Café Transler oft ein »Bio-King«, also ein Männlichkeitsperformer, der mit Schwanz geboren wurde, auf der Bühne stand. Im Team war sie akzeptiert. Eins der Transler-Mottos war »Für alle Geschlechter der Welt« (und ein anderes: »Zu dumm für die Bühne? Gibt‘s nicht!«).
Eine ähnliche Erfahrung machte Debra Kate bei Wigstöckl, dem Berliner Trans-Event, das damals noch ein fast ausschließlich durch Tunten geprägtes Event war. »Ich bin da in einen Raum voller Drag-Queens gekommen, die größtenteils schon seit Jahren dabei waren. Ich war die einzige biologische Frau in dem Raum und hatte auch wieder den Eindruck, dass sie dachten, ‚Was um alles in der Welt will die hier?‘«, erzählt Debra Kate. Trotzdem durfte sie mitmachen, besonders Gérôme Castell kümmerte sich darum, dass sie dabei war. »Ich durfte die Kulisse weiß anmalen und war allein davon schon entzückt!«, erinnert sich Debra Kate. Und das war nur der Anfang.
Eine Mischung aus Puppe und Geburtstagskuchen, einem kindergemalten Tierbild und einem Clown
Als einen wichtigen Einfluss auf ihr Leben nennt Debra Kate ihre Großmutter. Dabei erinnert sie sich an eine ganz konkrete Situation, ein Familienfest, eine Bar Mitzvah in der Verwandtschaft. Debra filmte das Ganze. Die Großmutter verstand nicht, was es da zu filmen gab, weil alle Familienmitglieder ja einfach nur da waren und nichts Besonderes taten. Und dann holte sie einen Taschenspiegel und einen Lippenstift hervor und machte eine große Show daraus, wie sie sich die Lippen bemalte. Sie rief immer wieder über die Tische: »Guck! Jetzt mache ich wirklich etwas!« – »Das hat mir die Augen geöffnet«, erinnert sich Debra Kate. »In der Mitte dieser Bar Mitzvah, wo sich alle möglichst gut benahmen, schwelgte sie in einer ganz alltäglichen Tätigkeit und machte daraus ein Event! Das war gleichzeitig intim und komisch – auf einem kleinen Level, aber für mich totaler Glamour! Und sie fand das Ganze selbst absurd, lachte über sich und uns.«
Debra Kate tritt gern als Clown-Character auf – mit viel Make-up und Narrenfreiheit. Wobei sie sich ihren Freiraum selbstverständlich auch außerhalb der Bühne im täglichen Leben nimmt. »Ich bin vor ein paar Jahren mit einer roten Clownsnase zur Arbeit gefahren. Nicht, weil ich irgendeinen Effekt bei den anderen Fahrgästen erzielen wollte, sondern einfach, weil ich Lust dazu hatte«, erzählt Debra Kate. Sie ist Aktivistin, organisiert Events und hat sagt gerne ihre politische Meinung. Aber Politik bedeutet für Debra Kate nicht endlose Diskussionsrunden oder politische Kampagnen. So sind ihre Bühnenauftritte politisch, auch wenn es zuerst nicht so aussieht: »Mir geht es auch darum, Emotionen bei den Leuten zu wecken.« Also Freude, Spaß – oder auch mal Ernsthaftigkeit und Trauer, was viel schwieriger ist. »Etwas zu fühlen ist für mich ein Akt des Widerstands gegen das System, also ist es auch hochpolitisch! Zu sagen, ‚ich bin traurig‘, ey, das ist echt hart!«
Mit ihren Performances stellt Debra Kate aber auch die Skurrilität der gesellschaftlichen Vorstellungen dar: »Wenn eine Frau Make-up trägt, um weiblicher auszusehen, sollte sie nicht mit noch mehr Make-up um so weiblicher aussehen? Und wenn Dessous eine Frau angeblich sexier machen, dann müsste doch jede zusätzliche Schicht von Dessous ein sicherer Weg sein, unglaublich sexy zu sein! An welcher Stelle kippt die liberale Ansicht von ‚Weiblichkeit‘ hinüber zum dunklen: ‚Hey Mann, das ist doch keine Frau! Das ist ein Typ!‘«? Das sind ein paar der Überlegungen, von denen sich Debra Kate leiten lässt, wenn sie auf die Bühne geht. »Mein Lieblingslook ist eine Mischung aus Puppe und Geburtstagskuchen, einem kindergemalten Tierbild und einem Clown.«
Obwohl Debra Kate auftrat und sich auch hinter der Bühne engagierte, schlug ihr manchmal Unwillen entgegen. Wie sie am Anfang als amerikanisches Mädel auf der Suche nach dem wilden Berlin gesehen wurde, kam es auch später vor, dass sie einfach nicht für voll genommen wurde. Sie wurde als biologische Frau wahrgenommen, die Frauen darstellte – also sich selbst. Und was sollte daran schon trans oder queer sein? »Vor einigen Jahren kam auf einem Trans-Event, bei dem ich auch auf der Bühne war, ein Transmann zu mir und bestand darauf, dass ich auf der falschen Veranstaltung bin. Du präsentierst dich nicht als Mann, sondern als Frau, Du bist eine Frau, sagte er, also hast du hier nichts verloren!« Die Erinnerung daran verfolgte Debra Kate noch Jahre. »Am schlimmsten war es, wenn jemand zu mir sagte: Du bist hetero!«
Auch in der vermeintlich queeren Szene gibt es jede Menge Ausschlüsse und Zwänge, sich zu definieren
Willkommen im Schubladenland: Auch in der vermeintlich queeren Szene gibt es jede Menge Ausschlüsse und Zwänge, sich zu definieren. Debra Kate hat dazu keine Lust. Denn so oder so ist es für sie Drag, wenn sie im Fummel auftritt. Als Kind spielte sie mit den Jungs, interessierte sich mehr für Spucken und Wrestling und wunderte sich, dass ihre Freundinnen das nicht taten. »Mir war schon ziemlich früh klar, dass ich in Kleid oder Rock nicht die Action haben konnte, nach der ich aus war.« Erst als Debra Kate ihre ersten schwulen Freunde kennenlernte, traf sie auf eine Art »Weiblichkeit«, mit der sie etwas anfangen konnte. »Die meisten meiner ‚femininen‘ Verhaltensweisen habe ich von Schwulen gelernt.«
Macht das Debra Kate zur Drag-Queen? »Ich habe mich nie als weiblich begriffen, eher als Weiblichkeitsdarsteller_in«, erzählt sie. »Bei meinen ersten Bühnenauftritten nannte ich mich ‚Drag-Queen‘, und einige Leute nannten mich eine Lügnerin.« Deswegen nennt sie sich manchmal »Bio-Queen«: »Wenn ich keine Lust habe, mich darüber zu streiten, ob die Tatsache, eine Vagina zu haben oder nicht, mich zu einem Schwindler oder einer Schwindlerin macht.«
Debra Kate hat einen eigenen Weg eingeschlagen, als Transaktivist_in und Weiblichkeitsdarsteller_in. Erst kürzlich wurde sie dafür gewürdigt. Im Buch »Femmes of Power – Exploding Queer Femininities« (Serpent‘s Tail Press 2008) von Del LaGrace Volcano und Ulrika Dahl gibt es ein Porträtfoto von Debra Kate, und sie wird als »Kopie ohne Original« beschrieben. Sie hat immer wieder bestehende Stereotype aufgegriffen und für sich verwendet, betritt aber dabei immer Neuland, macht ihr eigenes Ding und geht einen Weg, den sie für sich selbst gefunden hat und immer noch findet.
Aus ähnlichen Beweggründen kam Debra Kate auch zur Fotografie. Sie hätte schon als Kind gern fotografiert, aber damals sagten ihre Eltern, dass Kameras zu teuer sind und sie sie nur kaputt machen würde. 2003 bekam sie ihre erste Digi-Cam geschenkt, konnte also billig viel knipsen. Und den inhaltlichen Anstoß, sich noch mehr auf Fotos zu konzentrieren, gab ihr im Frühling 2003 eine Foto-Ausstellung über die Berliner Drag- und Tunten-Szene. »Alle aus meiner Drag-Gruppe waren da ausgestellt bis auf mich. Es gab Bilder über Bilder von Tunten und einem Bio-King, also ‚richtigen‘ Homos, die mit den einem Genderfuck angemessenen Genitalien geboren wurden. Mich machte das wütend!« Debra Kate hatte die Nase voll, mit den Drag-Definitionen von anderen Leuten umgehen zu müssen, die sie außenvor ließen. Also beschloss sie: »Ich wollte der Welt zeigen, wie ich sie durch meine Trans-Augen sehe.«
Wobei sich Debra Kate nicht auf das Geschehen auf der Bühne beschränkte: »Ich mache meine Fotos für zwei Arten von Leuten: Zuerst für uns auf der Bühne, damit wir uns sehen können und unsere eigene Wahrheit abbilden können, damit wir nicht vergessen werden, wenn wir gegangen sind. Und dem Rest der Welt will ich zeigen, dass Drag-Performer auch Menschen sind, die eben zufällig Drag machen. Der King, der im Backstage herumsitzt, könnte genau den Gesichtsausdruck haben wie dein Onkel, wenn er über etwas nachdenkt. Und die Queen könnte so gucken wie deine kleine Schwester, die auf Ärger aus ist.« Es geht also nicht um das Geschehen auf der Bühne, nicht den Glamour, sondern um mehr: »Ich will, dass die Leute, die sich die Fotos angucken, eine Verbindung auf einer menschlichen Ebene fühlen.« Heute sind es tausende Fotos, die Debra Kate auf ihrem Computer hat.
Für Debra Kate ist es sehr wichtig, die Leute auf ihren Bildern mit Namen zu nennen, wenn sie irgendwo abgedruckt oder ausgestellt werden. Als Beweis für die Leute, dass es sie gibt oder gab – oder auch ganz praktisch, um sie bei namensrechtlichen Sachen zu unterstützen: Um Transpersonen dabei zu helfen, den Namen tragen zu dürfen, den sie tragen wollen. Den eigenen Namen im Ausweis zu ändern geht nicht so ohne Weiteres, viel einfacher ist es erstmal, einen »Künstlernamen« eintragen zu lassen. Das jedoch erfordert einen Nachweis, dass mensch diesen Namen auch benutzt. Veröffentlichte Bilder mit Namensnennung helfen dabei.
Debra Kate sieht sich und ihre Aktivitäten, sei es auf der Bühne oder hinter der Kamera, als höchst politisch. »Fast meine ganze Arbeit basiert auf politischen Ansichten über das echte Leben oder lässt sich davon leiten. Selbst wenn meine Kunst manchmal nicht politisch aussehen mag – ohne Politik, ohne meine Gedanken dahinter könnte sie so nicht existieren.« Das gilt natürlich auch für die Person Debra Kate. Sie verlangt, mit Respekt behandelt zu werden, und gesteht das im Umkehrschluss auch allen anderen Leuten zu. »Für mich ist das einfach normal, Leuten mit Respekt gegenüberzutreten. Jede_r ist doch etwas ganz Besonderes.«
Kreuzchentest
Es ist kurz vor den Semesterferien, und wieder flattern die Evaluierungsbögen in die Studienräume. Denn neuerdings ist es an deutschen Hochschulen Pflicht, dass die interessierte studierende Persönlichkeit ihre Lehrbeauftragte beurteilt. Das an sich finde ich wichtig und bei meinen Dozenten und Professoren mehr als nötig. Denn engegengesetzt der vermuteten Klischees sind auch Lehrbeauftragte in kreativen Bereichen mehr als borniert, eingestaubt und unglaublich inkompetent.
Doch gleich als erstes stolpere ich über die typische Fälle, die jahrelange Feldforschung so mit sich bringen. Ich soll mein Geschlecht ankreuzen. Oh man, nicht schon wieder! Wozu auch? Ist es denn wirklich wichtig, wie unterschiedlich die weiblichen und männlichen Studenten/innen ihre Dozenten beurteilen, was sagt das denn aus? Arrrg! Abgesehen davon, dass 99,9 Prozent im Studiengang Modedesign sowieso weiblich sind.
So kann ich mich wieder einmal entscheiden, wie ich mich heute fühle. Irgendwie gelingt es mir einfach nicht, meine facettenreiche Persönlichkeit in so ein kleines Kästchen zu quetschen. Also wenn ich’s eilig habe, kreuze ich einfach “weiblich” an. Aber ich habe auch schon ein eigenes Kästchen mit dem Begriff “Trans” eröffnet. Und neulich war es mir zu doof und ich habe geschrieben, dass die Einteilung in zwei Geschlechter nicht zeitgemäß sei. Ob so ein Bogen nicht eh gleich aussortiert wird, mit der Annahme, dass sich da jemand einen Spaß erlaubt oder schlichtweg zu doof ist, so etwas ordnungsgemäß auszufüllen?
Überhaupt: immer diese Begrifflichkeiten. Aus der Heterowelt, was auch immer das ist, bin ich das ja mehr als gewöhnt. Aber leider habe ich den Eindruck, auch in unserem Biotop schleicht es sich langsam ein. So gibt es jetzt zu den Drag Queens den Gegenpart der Drag Kings. Und dann Transfrauen und Transmänner. Was kommt als nächstes? Ladyboys und Boyladies? Shemales und Hemales? Damenimitatoren und Herrenimitatorinnen? Muss das denn sein? Wie wäre es mit Trensvestypen? Oder Transvestussis? Als mich neulich wieder ein potentieller Liebhaber via Internet fragte, ob ich Tv oder Ts sei, antwortete ich nur, ich sei Transtralala!
Ich weiß, Schubladen sind für den menschlichen Verstand wichtig. Aber könnten wir bitte aufhören, uns selbst zu kategorisieren. Manchmal habe ich den Eindruck, bei der Frage nach dem Was, geht es oft ganz simpel um ficken oder gefickt werden. Aber ich bitte euch! Wie unkreativ, dass meine Identität das beantworten könnte. Denn am Ende geht es nicht wirklich nur um ficken oder gefickt werden.
Also küsst und drückt euch.
Tralala Kaey
Releaseparty am 8. Mai im Fundbureau, Hamburg
Die vierte Ausgabe von Hugs and Kisses wird im April erscheinen!
Wir feiern mit Euch unsere Releaseparty im Fundbureau am Freitag, 8. Mai und lassen es ordentlich krachen! Dabei sind:
LIVE:
Solange Tô Aberta – QueerPunkFunk aus Rio de Janeiro
2 Tanzböden:
DJ Martha Hari (Mis-Shapes DJ-Team)
und DJ Yvette (Hugs and Kisses DJ-Team)
mit IndieElectroPopRockbeats
DJ Matt 3000 (Gedeih und Verderb DJ-Team)
und DJ Donna Spring: d.i.s.c.o. is my house
mit ElectroHouseTechnobeats
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Issue #4: International
Brasiliens Queer-Pioniere
Queere Szene Brasilien
Kvir u Beogradu
Queere Szene Belgrad
Emotionen sind politisch
Ein Portrait über Debra Kate
Kael T. Block
Fotografien







