Archive for September 2008
Ein Häschen ist kein Häschen ist ein …
von Kendra Eckhorst
Das Hip-Hop-Duo Bunny Rabbit spielt mit Geschlechterrollen, Geschlechtsteilen und Voyeurismus
»Bunny, bunny rabbit!« kracht es aus den Boxen der Hamburger Prinzenbar. Als Samples laufen sie aus dem Computer und rollen von der Bühne. Einlauf-musik wie im Boxring. Bunny wartet am Rand, die Kapuze über den Kopf gezogen, und hält sich an einem großen weißen Stoffhasen fest. »Hier kommt sie! Den weiten Weg aus New York City!«
Bunny hüpft auf die Bühne. Sie kneift die Augen zusammen und rappt. Laut und energiegeladen. Die Beine knicken gegeneinander. Die Hände spielen mit einer blonden Haarsträhne und landen immer wieder im Schritt ihres geblümten Kleidchens. Wer ist sie?
Ein aufreizendes Häschen, eine eigenwillige Rapperin oder eine Spielerin mit Stereotypen?
Partnerinnen im Leben und auf der Bühne
Letztes Jahr kam ihr Debütalbum »Lovers and Crypts« auf dem Label Voodoo Eros raus. Zusammen mit Black Cracker, ihrer Partnerin im Leben und auf der Bühne, sind sie Bunny Rabbit. Sie betören und verstören ihr Publikum und loten neue Wege im Hip-Hop aus.
Auf trocken klingenden Bassrhythmen verschickt Bunny erotische Fantasien, saftige Vaginas und Häschen als Sexspielzeuge. »Ich singe über mein inneres Kind, den dunklen, aggressiven und unschuldigen Teil in mir, dem ich in meinen Träumen und Alpträumen begegne.« Bunny sagt, dass sie tiefe Perversionen in sich fühle, die in den Reimen nun ihren künstlerischen Ausdruck finden. Sie inszeniert sich als Lustobjekt, lädt zum Voyeurismus in ihre innere Welt ein und behält doch die Fäden in der Hand. Black Cracker unterstützt und begleitet sie als Beatproduzentin durch ihre imaginierten Welten mit unheimlichen Vogelstimmen und klirrendem Glockenspiel. Sie ist für sie da, «in ihren dunklen Plätzen, weiß, was sie braucht auf ihren Wanderungen durch ein unbekanntes Land«.
Sie gibt sich den Blicken preis
Schwierig sei es am Anfang für Bunny gewesen, sich auf der Bühne zu präsentieren, aber sie will den Kontakt zum Publikum. Wenn auch schüchtern. Mit dem Rücken zum Publikum schwingt Bunny ihre Hüften und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Black Cracker übernimmt und nimmt Kontakt zu den johlenden Zuschauer_innen auf. Greift in den Schritt ihrer Jogginghose mit Hasenlatz und lässt ihre Muskeln spielen. Der Bassteppich klopft. Bunny wagt sich vor, reibt sich an Black Cracker und haucht lasziv ins Mikrofon. Sie gibt sich den Blicken preis und ist dennoch ganz bei sich.
Bunny Rabbit spielt mit den Klischees, schwört Bilder der schutzbedürftigen »femme« herauf, ohne in ihnen aufzugehen. »Mein Geschlecht hat nichts mit meiner Kunst zu tun, eher sagt meine Kunst etwas darüber aus«, meint Bunny. Sie erfindet sich selbst durch die Kunst. Immer wieder neu.
»Wenn Du Dich mit dem identifizierst, was die Leute von Dir denken, ist das nicht genug.«
Aber sie ist mehr als ein kokettes Häschen. »Wenn Bunny schreibt, wie es ist, lesbisch zu sein, sollte sie als queere Künstlerin wahrgenommen werden, aber ihre Arbeit ist nicht wirklich über ihre Sexualität, nicht in den Begriffen von queer«, sagt Black Cracker. Die beiden wollen in keine Schublade gesteckt werden – und auch für keine sprechen. Als zu eng und gefährlich empfinden sie Etiketten der Subkultur, die oftmals vergessen lassen, dass alle Menschen unterschiedlich sind und ihre eigene Sexualität und Herkunft haben.
»Wir verheimlichen unsere Beziehung nicht, aber davon, ob wir lesbisch oder queer sind, handelt unsere Musik nicht«, erklärt sie. Bunny wird konkreter am Beispiel ihrer Kunstfigur für die Bühne. »Wenn Du Dich damit identifizierst, was die Leute von Dir denken, ist das nicht genug.« So stellt Hip-Hop für sie weder eine heterosexuelle noch queere Musikrichtung dar, sondern eine generelle Kunstform, in der sie sich ausdrücken. In ihren Songs und auf der Bühne.
Befreundet mit Barack Obama – bei MySpace
»Seid Ihr da?« tönt Black Cracker. Die Menge pfeift. Bunny zeigt ihren Rücken, geht in die Knie und schüttelt ihren Hintern. Ein kreischendes Publikum begleitet ihre Hüftbewegungen. Black Cracker zieht sich zurück und Bunny bleibt allein im Rampenlicht zurück. Sie reckt die Arme über den Kopf und lässt sich in die nächste gewagte Bunny-Pose fallen. Eine Spielerin?»Wir sollen nur Sachen sehen, die uns in eine bestimmte Richtung lenken«, erklärt Black Cracker. Barack Obama dient ihr als weiteres Beispiel, dass »Nichts hundertprozentig« ist. Er wird als erster schwarzer Präsident gehandelt, hat aber eine weiße Mutter. Bunny ist ein Fan von Barack Obama, ist inspiriert von seiner leidenschaftlichen Art und seiner Politik der Gesundheitsversorgung. An die erste Stelle ihrer myspace-Freunde wollte sie ihn setzen. Black Cracker legte Widerspruch ein, blieb die Nummer eins, und er rutschte auf den zweiten Platz. Ein Streit, den sie spätestens nach einer Viertelstunde vergessen haben. Ihre Zauberformel fassen sie prägnant zusammen: Sich Raum geben. Sie haben aus der ersten Platte gelernt, deren Produktion schmerzvoll war. »Wir waren unsicher, nicht nur wegen des Anspruchs, Musikerin und Künstlerin zu sein, sondern auch wegen unserer Beziehung«, erinnert sich Black Cracker. Aber sie sind daran gewachsen. Entspannt arbeiten sie an neuen Stücken. Auf ihre eigene Art. Sie hängen zusammen rum und lassen sich durch kranke youtube-Videos inspirieren.
»Er trat mir auf den Fuß. Meinen glücklichen Hasenfuß«, heult Bunny ins Mikrofon. Black Cracker nimmt sie in den Arm und stößt zwinkernd einen männlichen Besucher weg. Sie beschimpft ihn als »Bitch«, den Rest des Publikums und sich selbst gleich mit. Per Fingerzeig werden alle schmutzig und schön und ein bisschen »bunny«. Eine letzte Basswoge bricht in den Saal, die Füße zappeln aus. Bunny geht von der Bühne, über dem Arm hängt ein weißes Schlappohr.

