Archive for October 2007


Issue #1

October 13th, 2007 — 5:14pm
Cover #1

Océan le Roy, Foto: Christiane Stephan

Ausweitung der Bequemlichkeitszone
Océan Le Roy zeigt die Möglichkeiten der Geschlechter

The Tunte in me is the Tunte in you
Fotografien von Paula Winkler

Definitely Queer Sex
Über SUPERFREAK von Shine Louise Huston

Weitere Themen:

Boom Boom!
Das Rätsel der Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg

Queer im musikalischen Sinne
Fragen an Jean Genet

Coole Idioten
Fragen an Hey Willpower

Zeitlose Eleganz – das sind wir
Interview mit Client

Do u gossip?
Mit Beth Dittos Käsekuchen-Rezept

Wider die Wahrnehmungsschablonen!
Frankie Kobain

Positively Nasty in Hamburg
Ulrike Müller und Ginger Brooks Takahashi im Aktualisierungsraum Hamburg

Was ist das denn?
Bildwechsel Künstlerinnenarchiv

Disco Amore
Comic

Rasensprengen im Plüschmorgenmantel
Rezension “Casa Susanna”

We want to inspire you AND make you dance!
Scream Clubs Top Ten Queer Hitlist

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Ausweitung der Bequemlichkeitszone – Océan Le Roy zeigt die Möglichkeiten der Geschlechter

October 9th, 2007 — 5:01pm

von Jasper Nicolaisen

Océan

Océan Le Roy

»Gender ist das letzte Tabu«, sagt Océan irgendwann, als wir uns gemeinsam Ausschnitte seiner Shows ansehen. »Hier oder in Frankreich, Monsieur oder Madame – wenn die Leute glauben, dass sie mich falsch ansprechen, entschuldigen sie sich sofort hundertmal. Ich sage dann immer: Ist schon o.k., weil es für mich keine Rolle spielt. Aber für die meisten Menschen ist die Welt nicht so.«

Wir sitzen in einer schicken Wohnung in Berlin-Mitte, die Océan auch als Büro nutzt, in der weißen Sitzgruppe, wo er normalerweise Kunden berät. Unsere Wassergläser stehen auf einem Tablett und ich denke kurz, dass man auf dem Glastisch keine Flecken hinterlassen darf. Ich habe verschlafen und bin unrasiert aufgetaucht, noch dazu verspätet,weil ich der Firmenname auf dem Klingelschild irritiert hat, so dass ich dachte, ich sei an der falschen Adresse. Diese Wohnung in Weiß ist viel professioneller als ich und ich gebe mir sofort Mühe, gerade zu sitzen. Océan hingegen bewegt sich hier ungezwungen, obwohl er mit Bartstoppeln, Out-of-Bed-Haar und Trainingsjacke auch nicht so recht ins Bildpassen will. Der Laptop, auf dem wir uns die Clips anschauen, sieht teuer aus, zickt aber bald rum, woraufhin mein Gastgeber im schönsten Deutsch-Französisch fluchend auf allen Vieren unter dem Sofa verschwindet, um am Kabel rumzufummeln.

Vor dem Fenster glitzert die Herbstsonne auf der Spree und blendet mich. Auf dem Bildschirm erscheint endlich ein Kreuzberger Keller; das Bild ist etwas unscharf und der Sound nicht der beste, was Océan, der sich ohnehin nicht gern selbst auf Aufnahmen sieht, sofort peinlich ist. Er gibt gerade auf der Bühne mit Drei-Tage-Bart und hartem Look den Macho, nur um dann herumzuwirbeln und die andere Seite seines Körpers zu präsentieren, die in einem Abendkleid steckt. Die Bewegungen werden weicher, seine Stimme gleitet nach oben. Ich lasse mich ins Sofa sinken. Willkommen in der Übergangszone.

Anlass meines Besuchs ist eine Dokumentation über Océan, die momentan auf internationalen Film- Festivals anläuft. Die Filmemacherin und Anthropologin Saskia Heyden wollte ursprünglich nur einen Kurzfilm über drei Gender-Performer drehen. »Aber irgendwann hat sie gesagt: ›Du reichst schon völlig aus‹«, erzählt Océan. »Und dann meinte sie: ›20 Minuten passen auf keinen Fall. Und 30 auch nicht. O.k., wir machen eine Stunde Dokumentarfilm daraus.‹« Das ist ihm nun wieder nicht peinlich. Muss es aber auch nicht, denn in »Risk, Stretch, Or Die« reichen 60 Minuten kaum aus, um den vielen Facetten von Océans Leben und Kunst gerecht zu werden, der auf der Bühne Tanz, Gesang und Multimedia verbindet.

Scheinbar Unvereinbares liegt dicht nebeneinander

Ocean auf der Bühne

Schlagartig wird klar, wie kurz der Weg von der Butch zur Lipstick-Lesbe ist.

Als ich später zu Hause den Film ganz anschaue, bin ich beeindruckt von der Wandlungsfähigkeit, mit der Océan die verschiedensten Geschlechter und Typen auf die Bühne bringen kann. Die vielen Elemente seiner Shows erlauben es ihm, unterschiedlichste Körperhaltungen, Attitüden, Stimmen und Ausstrahlungen anzunehmen und durcheinander zu wirbeln. Schlagartig wird klar, wie dicht scheinbar Unvereinbares nebeneinander liegt, wie kurz der Weg von der Tunte zur Butch zum Macho zur Lipstick-Lesbe ist – und wie sehr sich diese Rollen gegenseitig brauchen, um sich über Unterschiede zu definieren.

Die Rolle als Rolle zu zeigen, ist hier Programm

Anders als in der herkömmlichen Travestie oder selbst in vielen Drag- King-Shows gibt es bei Océan kein wahres Ich, das in der Performance Grenzen überwindet, um dann bei einem neuen, klar umrissenen Zustand anzukommen. Océan ist in jeder Rolle ganz er oder sie selbst und vermeidet so geschickt und ziemlich aufregend jede Eindeutigkeit, die wieder Grenzen ziehen könnte. Dabei ist nichts einfach nur beliebig oder oberflächlich. Dass Geschlechter und Identitäten angenommen, aufgeführt und gewechselt werden können, ist so eindrucksvoll vorgeführt allemal ein politisches Programm. Océans deutliche Songtexte zu queeren Rechten, die Teilnahme am CSD in Warschau sowie Auftritte bei zahlreichen Veranstaltungen mit explizit politischer Ausrichtung zeigen ohne Zweifel, dass man keine Position beziehen muss, um das Richtige zu tun.

Trotzdem ist so viel Uneindeutigkeit manchem nicht ganz geheuer. Océans Auftritt auf dem Titelbild einer lesbischen Zeitschrift zum Thema »Männer« hatte einen irritierten Leser_innenbrief zur Folge, in dem um Aufklärung über sein »wahres« Geschlecht gebeten wurde. Als die Redaktion sich bemüßigt fühlte, beruhigend zu versichern, es gebe über Océans Integrität in dieser Hinsicht keinen Zweifel, sah er sich seinerseits zu einer halb amüsierten, halb ärgerlichen Reaktion gezwungen. Er verstehe sich selbst als »in der Mittelebend« und halte es für gut, wenn jeder und jede sich neue Möglichkeiten erobere, schrieb er zurück. Dazu sei es auch nötig, »die Bequemlichkeitszone zu verlassen«.

Wie schmerzhaft das für ihn und andere sein kann, hat er auch schon erlebt. »Als ich mich mal bei einer reinen Frauenveranstaltung auf der Bühne in einen Kerl verwandelt habe, gab es schon Pfiffe. Oder die Nummer, wo ich einen homophoben Rapper darstelle. Obwohl ich da am Ende von der Bühne vertrieben werde, verstehen das viele nicht.« Sogar Handgreiflichkeiten gab es: »Ich komme nach der Show raus und diese Frau fasst mir einfach so zwischen die Beine, weil sie wohl wissen wollte, wo sie mich hinstecken soll«. Die zum Teil ärgerlichen und verwirrten Reaktionen zeigen vielleicht, wie sehr auch oder gerade vor queerem Publikum feste Identitäten gefragt sind, in denen sich Selbstbild und Community verankern lassen.

Nicht nur die Aufführung bringt hier die Unsicherheit, sondern auch das Zusehen. Wenn ich mich von dem da oben auf der Bühne angezogen oder sogar erregt fühle, was macht das dann aus mir? Muss ich mich hintergangen fühlen, wenn die begehrte Frau plötzlich ein Mann ist oder der harte Typ das Handgelenk abknickt? Sich Océan gefallen zu lassen, kann auch eine Herausforderung sein.

Wir verlassen die Bequemlichkeitszone

Océan im Geschäfts-Outfit

Kunst und Beruf hält Océan strikt getrennt.

Aber je länger wir in dieser Wohnung vor diesem Laptop beieinander sitzen und sehr klares Wasser aus schlichten Gläsern trinken, desto mehr interessiert mich die Übergangszone zwischen Kunst und Beruf, die Océan strikt getrennt hält. Für seine Kunden besteht an seiner Identität kein Zweifel. Wie lässt sich das vereinbaren? Ist das nicht das Doppelleben mit Schrank, vor dem uns unsere Väter und Mütter immer gewarnt haben? Vorsichtig spreche ich das Thema an: Ob er sich damit wohl fühle? Oder sich etwas anderes wünsche? Offensichtlich verlassen wir die Bequemlichkeitszone von Interviewer und Interviewtem. Ich will ihm nicht zu nahe treten, er will der Frage nicht ausweichen.

Später sehe ich, dass auch Saskia Heyden in ihrem Film diese Spannung beschäftigt haben muss, sie zeigt jedenfalls immer wieder Ausschnitte aus Océans Berufsalltag und den Übergang zum Privaten. Ich muss vor dem Fernseher einem Freund recht geben, der ihn ebenfalls in beiden Rollen kennt und sofort meint: »Im Business-Outfit sieht der doch noch viel verkleideter aus als auf der Bühne!« Im Film ist das übrigens schön zu erleben, als Océan für die Arbeit zurecht gemacht bei einem Freund vorbeifährt, der ihn prompt nicht erkennt. Und auch hier und jetzt erzählt mir Océan, wie die Regeln des Business nur ein weiteres Spiel für ihn sind, die seriöse Aufmachung nur ein anderer Fummel, wie er sich Erfolg und die Arbeit, die ihm Spaß macht, nicht nehmen lassen will. Mir imponiert dieses Selbstbewusstsein und Océans Mut, auch hier den eigenen Weg zu gehen. Trotz der Stimmen, die Outing unter allen Umständen fordern, ist es allemal sympathisch.

Aber ich finde nicht ganz in die Bequemlichkeitszone zurück. Ist das wirklich eine selbstbestimmte Grenzziehung oder doch die Grenze, an der klar wird, dass Identitäten sich eben nicht einfach aus dem Kleiderschrank ziehen lassen, dass wir in unserer Wahl keineswegs frei sind? Ich kann das nicht auflösen, finde diesen Zweifel aber auch passend zum Treffen insgesamt.

Ich verabschiede mich von Océan und trete in einen kühlen Herbsttag hinaus. Die Sonne ist weitergezogen, kein Funkeln mehr vom Spreewasser, da ist keine Metapher mehr zu holen. Auf dem Weg nach Hause bin ich mit meinen Gedanken über das Gespräch allein. Erst spät im Film wird Océan noch etwas sagen, was die Begegnung für mich abschließt: »Ich kann mich nicht reduzieren.« So irritierend das manchmal auch sein mag, es ist schön und aufregend, dass ein solches Leben gewagt werden kann.

Mehr unter
www.oceanleroy.biz

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Definitely Queer Sex – SUPERFREAK von Shine Louise Houston

October 5th, 2007 — 3:46pm
Superfreak Cover, Quelle: Pink and White Productions

Superfreak - USA 2006, 60 Minuten, Englisch

von Barbara Schulz

Ausgerechnet ich schreibe über einen Pornofilm. Wo ich doch in meinem ganzen Leben nur wenige »richtige« Pornofilme gesehen habe und mich am besten an meinen allerersten Porno erinnern kann, der eine hanebüchene Handlung hatte: Blinde Frau lernt reiten, verliebt sich in ihren Reitlehrer, sie haben heißen Sex – und danach kann die Frau wieder sehen. Das ist doch … Ohne Worte!

Dementsprechend hatte ich keine großen Erwartungen, als ich die »SUPERFREAK«-DVD in den Player schob. Und wurde angenehm überrascht. Keine beknackte Story drumrum, einfach nur Frauen, die sich auf einer Queer-Party treffen, ein paar Drinks nehmen, zu sinnlicher Funk-Musik tanzen und flirten. Und auch Sex haben. Mal hinter dem Sofa, im Bad oder auf einem Spültisch.

Angenehm ist,dass die Frauen alle wie im wirklichen Leben ausschauen und man sich als Zuschauerin wenig bis gar nicht wie eine Voyeurin fühlt, sondern eher wie ein gern gesehener Gast, der nicht weiter stört. Schön, dass die Regisseurin Shine Louise Houston ohne hektische Großaufnahmen arbeitet und die Kamera meist nur ruhig draufhalten lässt, was dem Ganzen etwas Entspanntes gibt. Und komisch ist das Ganze auch noch. Und zwar, weil über allem der Geist von Funk Hipster Rick James schwebt, der im Jahr 2004 gestorben ist und mit »SUPERFREAK« einen seiner größten Hits hatte. Er flüstert den Partygästen für uns leider unverständliche Dinge ins Ohr und dann geht’s ab wie Schmidts Katze …

shine-louise-houston

Shine Louise Houston

Regisseurin Shine Louise Houston beschloss nach dem Kunststudium am San Francisco Arts Institute erotische Filme zu drehen, gern mit viel Spaß und noch lieber queer. Die Idee dazu kam ihr, als sie fünf Jahre lang in der von Frauen geführten Sexspielzeugfirma »Good Vibrations« jobbte und Unmengen an Pornofilmen ansah. Sie bekam mit, dass auch lesbische Frauen sich natürlich gerne Erotikfilme ausleihen wollten, es aber nur vier Filme gab, die in Frage kamen. Die waren entweder aus den 1980er-Jahren oder von Männern gedrehte Girl-on-Girl-Pornofilme, deren Pornostars lange Haare und lackierte Fingernägel hatten. Was den Lesben nicht so sehr gefiel und nicht nur den Anschein hatte, als wären die Filme eher für männliche Zuschauer gemacht.

Houston dachte sich »Selbst ist die Frau!« und gründete ihre eigene Porno-Firma, Pink and WhiteProductions, nicht nur, um feine Pornos zu drehen, sondern auch, um ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, die ihrer Meinung nach endlich eine gesunde Sexualität entwickeln soll. Den Vorwurf, dass die Pornoindustrie Frauen ausbeute, findet Houston antiquiert. Sie meint, dass diese Sichtweise ebenfalls bedeuten müsse, dass die Pornoindustrie Männer ausbeutet und wehrt sich gegen diese Anti-Sex Haltung, die Sex nur als Gewalt und Degradierung zulässt.

Ihr filmisches Debut aus dem Jahr 2005, »Crash Pad«, handelt von einem Appartment in San Francisco, zu dem es sieben Hausschlüssel gibt. Alle, die einen Schlüssel ergattern können, können mit dem oder der Wunsch-Sexpartner_in dort hinein und »fantastischen Sex« haben, wie Houston verspricht. Allerdings sind ein paar Regeln zu beachten, wie zum Beispiel dass man anrufen soll, bevor man in der Wohnung vorbeischaut. Wenn niemand rangeht, ist frei. Und immer schön nach dem Motto »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst«. Manchmal werden Anrufer_innen auch zu spontanen Sex-Parties eingeladen. Und: jede_r darf den Schlüssel nur sieben Mal benutzen und muss ihn dann an eine Person weitergeben, der das »Crash Pad« ebenfalls gefallen könnte. Die Sache hat nur einen Haken: Überall sind Kameras, und die Dinge, die dort geschehen, werden »heimlich« (zwinker) gefilmt.  Houston selbst leistet sich ab und an einen Cameo-Auftritt im Film.

Man kann sich das Ganze übrigens auch auf der niedlich aufgemachten und wöchentlich aktualisierten Pinkwhite-Website ansehen; dort werden Fotosessions und Videos zum Download angeboten und alle sind eingeladen teilzunehmen: Dykes, Lesben, Transfolk, Femmes, Butches, Bois und Queers. Man kann sich auch gleich online bewerben.

In einem Interview der amerikanischen Zeitschrift »CURVE« wurde Houston übrigens befragt, ob sie sich vorstellen könne, auch mal einen Hetero-Porno zu drehen. Ihre Antwort: »Kann sein, dass ich eines Tages mal mit einem Hetero-Paar einen Porno drehen werde. Aber sie werden definitiv queeren Sex haben!« Angeblich hat sie noch fünf bis sechs andere Filmprojekte in der Schublade. Wir sind gespannt, was sie als nächstes rausholt!

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